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Potsdam Ein Spielzeug rettete im Lager ihr Leben
Lokales Potsdam Ein Spielzeug rettete im Lager ihr Leben
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21:05 29.11.2016
Am Dienstag war Michaela Vidláková in der Waldorfschule zu Gast. Tags zuvor besuchte sie das neue Gymnasium in Potsdam-West. Quelle: Foto: Julian Stähle
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Waldstadt

Pluto hat ihr Leben gerettet. Pluto, der Spielzeughund mit den beweglichen Gliedmaßen. „Mein Vati hat ihn mir zum fünften Geburtstag gemacht“, erzählt Michaela Vidláková. Als sie zum Transport geht im Herbst 1942, gerade sechs Jahre alt, trägt sie einen kleinen Rucksack mit Wäsche, Zahnbürste – und Pluto. Als die Prager Juden im Konzentrationslager Theresienstadt ankommen, werden die Männer ausgesiebt. Viele sollen mit ihren Familien weiter transportiert werden. Nach Auschwitz, wie Michaela Vidláková heute weiß.

Ihr Vater, der in einer Holzwerkstatt arbeitete, bietet seine Handwerksdienste an. Als Beweis für sein Geschick zeigt er Pluto. Die SS-Schergen teilen ihn als Zimmermann ein. Die Familie kann in Theresienstadt bleiben. Der „Vorstufe zur Hölle“, wie die Holocaust-Überlebende sagt. „Die Hölle“, fügt sie hinzu, „das war Auschwitz.“

Die Schüler der Waldorfschule in der Erich-Weinert-Straße bleiben am Dienstag zunächst stumm, als Michaela Vidláková ihren Vortrag nach einer Stunde beendet. Zu aufwühlend ist das, was die 80-Jährige ihren jungen Zuhörern der 10. bis 13. Klasse erzählt und mit an die Wand geworfen Bildern unterlegt. Fotos von abgemagerten, ausgezehrten Menschen auf Pritschen, Luftaufnahmen vom Lager in der damaligen Tschechoslowakei. Ein Bild von Pluto, dem treuen Begleiter, der nach zweieinhalb Jahren, nach der Befreiung durch die Sowjetarmee, mit Michaela das Lager verlässt.

Deutsch lernt sie von einem Waisenjungen aus Berlin

Hunger, Ungeziefer, Angst, Krankheiten, Kälte. Davon berichtet Michaela Vidláková, die in Theresienstadt in einem Kinderheim lebte, getrennt von den Eltern. Aber sie erzählt auch von Lehrern, die heimlich mit den jüdischen Kindern geübt haben, denen das Lernen verboten war. Von der Kultur im Lager und von Kameradschaft. Deutsch lernt Michaela in Theresienstadt. Sie wird schwer krank, Typhus, Scharlach und Masern gleichzeitig. Sie überlebt auch das. Vielleicht weil mit ihr auf der Krankenstation ein Waisenjunge aus Berlin liegt, den sie wie einen kleinen Bruder ins Herz schließt. Die beiden bringen sich die Sprache des Anderen bei. „Er starb in Auschwitz, keine sechs Jahre alt“, sagt die promovierte Naturwissenschaftlerin, die in Prag lebt, ein Kind und ein Enkelkind hat und ihre eigenen Großeltern im Konzentrationslager verlor.

Und dann kommen sie doch, die Fragen der Schüler. Danach, wann sie erfahren habe, was Auschwitz war. Das sei erst zwei Jahre nach der Befreiung gewesen, sagt sie. In der Bibliothek ihrer Eltern entdeckte sie ein Buch über das KZ. „Ein Alptraum für ein elfjähriges Kind“, sagt sie. Gefragt nach dem Erstarken der populistischen Rechten in Europa antwortet sie: „Das Schlimme ist die schweigende Mehrheit, die zulässt, dass solche Menschen an die Macht kommen können.“

„Es hat mich sehr berührt“, sagt Anton (17). Er sei in den Herbstferien in Auschwitz gewesen, aber den Schrecken von jemandem erzählt zu bekommen, der dabei war, gehe richtig unter die Haut. „Ich habe mehr gelernt als in vielen Stunden Unterricht“, meint auch Annemarie (16). Die 80-Jährige bestärkt die Schüler darin, sich nicht nur im Internet mit Geschichte zu befassen, sondern – solange es noch möglich ist – Zeugen zu fragen. „Mister Google antwortet viel“, sagt Michaela Vidláková, „aber nicht persönlich.“

Zeitzeugen in Brandenburger Schulen

Die Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) in Brandenburg vermitteln und begleiten die Zeitzeugengespräche.

Michaela Vidláková engagiert sich in der „Theresienstädter Initiative“ und ist auch regelmäßig in Potsdam. In diesem Jahr besuchte sie neben der Waldorfschule in der Waldstadt auch das neue Gymnasiums in Potsdam-West.

Das Zeitzeugen-Projekt wird vom Bildungsministerium gefördert.

Von Marion Kaufmann

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