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Ein Streifzug durch Potsdams Villenviertel

Berliner Vorstadt Ein Streifzug durch Potsdams Villenviertel

Die Berliner Vorstadt gilt als Promi- und Schickimicki-Stadtteil Potsdams. Aber zwischen Villen, Wasser und Parks wohnen auch viele Familien, die das Grün und die gleichzeitige Nähe zur Stadt schätzen. Ein Streifzug durch den Kiez zum Auftakt des nächsten Teils unserer Stadtteil-Serie.

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Die Ecke Berliner Straße/Magerstraße.
 

Quelle: FOTOs: Gartenschläger

Berliner Vorstadt.  Oft staunen die Potsdamer am meisten. Es sind nicht nur Touristen, die Sybille Wesenberg durch die Berliner Vorstadt lotst. Auch Interessierte aus anderen Stadtteilen wandern mit ihr durch das Viertel und sind überrascht, welche Geschichte hinter den sanierten Fassaden stecken. „Viele denken, sie kennen schon alles, aber es gibt hier so viel zu entdecken“, sagt die Stadtführerin.

Die 58-Jährige ist in Potsdam geboren, an die Ostsee gezogen und nach der Wende wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. „Die Fassaden in der Berliner Vorstadt waren grau und hässlich Anfang der 90er, aber die Substanz der Häuser war sehr gut, weil im Krieg kaum etwas zerstört wurde“, erinnert sich Sybille Wesenberg. Später hat sie einige Jahre im Ausland gelebt. Als sie 2012 nach Potsdam zurückkehrte, habe es ihr die Sprache verschlagen. „Die Berliner Vorstadt ist nach der Wende aus dem Dornröschenschlaf erwacht und erstrahlt jetzt in ganzer Schönheit“, sagt die Potsdamerin. Und: Sie atmete Geschichte.

Fabian Eckhart (32), arbeitet im öffentlichen Dienst: "Wir sind hier in unserem Viertel sehr zufrieden. Auf die Berliner Vorstadt sind wir bei der Wohnungssuche zufällig gestoßen. Sonst ist hier ja sehr teuer. Aber es ist wirklich schön und ruhig."

Quelle: Neumann

Ein Ort für Widerstandskämpfer

In dem Viertel, in dem AFD-Landeschef Alexander Gauland wohnt, lebten einst Widerstandskämpfer des 20. Juli. In der Mangerstraße 26 wohnte Oberleutnant Helmut von Gottberg. Schon im November 1943 bastelte er in seiner dortigen Wohnung gemeinsam mit Axel Freiherr von dem Bussche-Streithorst einen Sprengsatz, mit dem von dem Bussche Hitler und sich selbst in die Luft sprengen wollte. Zu dem Attentat kam es jedoch nicht. In der Villa Kameke in der Seestraße 36-37 lebte Ulrich von Hassell, ebenfalls ein Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Aber, sagt Sybille Wesenberg: Viele wüssten nur, dass die Weiße Villa oder Villa „Wunderkind“, wie das Kameke-Haus später genannt wurde, Modeschöpfer Wolfgang Joop gehört .

Nicole Wolbers (46), macht sich gerade selbstständig: "Ja, ich finde es sehr schön hier und es ist so zentral gelegen, dass man alles mit dem Fahrrad erreichen kann. Auch das Freizeitangebot ist gut. Von den Menschen her könnte es etwas gemischter sein."

Quelle: Neumann

Die Berliner Vorstadt sei viel mehr als Promis und Prachtbauten, findet auch Irmgard Obermayr. Die Joops und Jauchs und Diekmanns sind nicht die Einzigen, die sich zwischen Glienicker Brücke und Schiffbauergasse wohlfühlen. „Junge Familien mit Kindern ziehen zunehmend hier her“, sagt Obermayr, Vorsitzende des Vereins „Berliner Vorstadt“, der rund 140 Mitglieder zählt. „Wasser, Natur, die Nähe zur Großstadt Berlin, die für viele pendelnde Eltern wichtig ist“, zählt die 66-Jährige die Vorteile der Berliner Vorstadt auf. Die Rentnerin wohnt zur Miete in einer Remise gleich neben der Villa, in der bis in die 1990er-Jahre der russische Soldatensender „Wolga“ einquartiert war. „Es sah schlimm aus“, erinnert sich Obermayer, die 1999 in die Berliner Vorstadt kam. Die Russen hätten ein ziemliches Chaos hinterlassen. Weggeworfene Flaschen, Unrat. Heute blickt Irmgard Obermayr auf wunderschöne Rosensträucher. Ursprünglich stammt die Vereinschefin aus dem Rheinland, lebte einige Jahre in Berlin und hat vor 17 Jahren ihr Zuhause in der Berliner Vorstadt gefunden. „Ich möchte hier nicht mehr weg“, sagt die Gesundheitsberaterin im Ruhestand.

Der Verein „Berliner Vorstadt“ besteht seit 20 Jahren

Der Verein, der zur Hälfte aus alteingesessenen und zugezogenen Mitgliedern besteht, feiert in diesem Jahr 20-jähriges Bestehen. Der Anlass für die Gründung war folgender: Ein Investor aus Oberursel plante die geschichtsträchtige Villa Kellermann in der Mangerstraße , die wie berichtet Moderator Günther Jauch kürzlich erworben haben soll, zu einer Spielbank mit Tiefgarage umzufunktionieren. Aus Sorge um die Zukunft des Stadtteils gründeten Anwohner unter Vorsitz des mittlerweile verstorbenen Peter Daniel den Verein „Berliner Vorstadt“. Der Verein engagiert sich für Kultur, Kitas und ein Herzensthema: den Wiederaufbau der Schwanenbrücke im Neuen Garten. Irmgard Obermayrs Mann Horst ist der „Brückenbeauftragte“ im Verein.

Janek Buchheim (34), arbeitet in der Stadtverwaltung: "Wir haben hier gar nicht gezielt gesucht, aber es ist wirklich schön hier. Doch der Kiezcharakter fehlt ein wenig. Es ist nicht so viel los. Dafür ist es total ruhig und man ist super schnell in Berlin."

Quelle: Neumann

1841 entwarf der Architekt Albert Dietrich Schadow die schlichte, kleine Brücke aus Sandstein am Eingang des königlichen Gartens und verzierte sie mit vier gusseisernen Schwänen. Am 21. August hofft der Verein beim alljährlichen Schwanenbrückenfest wieder auf Spender, um den derzeitigen Holzbehelf über den Hasengraben wieder in eine Brücke in historischem Gewand verwandeln zu können. Ihr sei bewusst, dass es größere Probleme als die Schwanenbrücke gebe, betont Irmgard Obermayr. Deswegen auch das gleichzeitige soziale Engagement etwa fürs Frauenhaus. Dennoch habe sich der Verein zum Ziel gesetzt, „das Schöne zu erhalten“. Oder, im Fall der Schwanenbrücke, wieder herzustellen. „In den 90ern hat man sich über jedes Haus gefreut, das saniert wurde“, blickt sie zurück. Gerade das – miterlebt zu haben, wie das Viertel aus seinem Dornröschenschlaf erweckt wurde – verpflichte die Anwohner dafür zu sorgen, dass es so bleibt.

Sheila Duggan (65), Rentnerin: "Ja, ich lebe sehr gern in dem Viertel. Ich bin vor acht Jahren aus New York hierher gezogen und jeder Tag ist wie Urlaub für mich. Man hat ja auch alles hier. Überall ist Wasser, es gibt Parks und es ist zentral."

Quelle: Neumann

Manchem in der Berliner Vorstadt geht es offenbar zu viel um Architektur. „Mich stört, dass Potsdam sich insgesamt zu Disneyland entwickelt“, erklärt ein Leser bei einer MAZ-Umfrage zum Stadtteil. Es gebe zu wenig Parkplätze, schreibt ein anderer. Dass kleine Geschäfte jenseits der Berliner Straße, der Hauptschlager zwischen Berlin und der Potsdamer Innenstadt, fehlen, bemängeln manche.

Aber dann, wenn man die Augen aufmacht und durch die ruhigen, begrünten Straßen mit ihren schmucken Mehrfamilienhäusern und Gärten wandelt, kann man eigentlich nur zu einem Schluss kommen, findet Irmgard Obermayr: „Es gibt hier nicht wirklich etwas zu beklagen.“

Von Marion Kaufmann

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