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Ein Wunschkind – kein Kind nach Maß

Dagmar Reim spricht über das Leben mit ihrem behinderten Sohn Ein Wunschkind – kein Kind nach Maß

Radioredakteurin, Intendantin, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes: Dagmar Reim hat eine beeindruckende Karriere gemacht. Dass der jüngere ihrer zwei Söhne Autist ist, darüber hat sie in der Öffentlichkeit nie gesprochen. Bis jetzt. Im Oberlinhaus hat Dagmar Reim eine berührende Rede gehalten – für Fabian, der ein Wunschkind ist, aber kein Kind nach Maß.

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Dagmar Reim mit Ehemann Rudolf Großkopff (l.) und Pfarrer Matthias Fichtmüller, theologischer Vorstand des Oberlinhauses.

Quelle: Christel Köster

Babelsberg. Fabian redet ununterbrochen. Er liebt Pumuckl, den Räuber Hotzenplotz und Helene Fischer und würde mit jedem mitgehen, weil er sich einfach nicht vorzustellen vermag, dass Menschen anders sein können als gut. Auf Flaschen gezogen, wäre Fabian ein Antidepressivum. Das zeigt sich zu Beispiel an der Wursttheke, wenn’s beim Wochenendeinkauf mal wieder dauert und die Schlange und die Gesichter länger werden. Entdeckt die Fleischerfrau Fabian da inmitten der Miesepeter, schenkt sie ihm seit Jahr und Tag ein Würstchen. „Ich bin doch ein glücklicher Junge“, sagt Fabian dann, strahlt und kaut – und die ganze Schlange strahlt mit ihm. Fabian, der glückliche Junge, ist 31 Jahre alt, Autist und der jüngste Sohn von Dagmar Reim. Am Donnerstagabend hat die RBB-Gründungsintendantin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes im Rahmen der Oberlin-Rede über ihr Leben mit einem behinderten Kind gesprochen – zum ersten Mal in der Öffentlichkeit.

„Wie kannst du nur? Wie kannst du nur so vermessen sein, über deine eigenen, höchstpersönlichen, geradezu intimen Erfahrungen zu sprechen?“ Oft hat sich Dagmar Reim (65) diese Frage gestellt. Dass da in den Bankreihen der Oberlinkirche aber vielleicht jemand sitzt, dem ihre Worte Mut machen – das hat ihr Mut gemacht, ihre Geschichte, die Geschichte Fabians und seiner Familie zu erzählen.

Entsetzen und Erleichterung über die Diagnose

Dass Fabian anders ist als sein Bruder und all die anderen Kinder, wussten Dagmar Reim und ihr Mann Rudolf Großkopff von Anfang an. Doch erst, als er schon eingeschult war, erhielten sie die Diagnose: Autismus. „Wir waren entsetzt und gleichermaßen erleichtert. Das, was uns so rätselhaft und unerklärlich erschien, hatte einen Namen – auch wenn er uns nicht gefiel.“ Fabian wechselte auf eine Förderschule, in einpädagogisches Paradies, wie Dagmar Reim sagt: „Die Lehrer gingen auf jedes Kind ein und verloren nie die Geduld. Uns wurde ganz mulmig bei dem Gedanken daran, wie oft wir unserem Kind Unrecht getan hatten, wie oft wir Dinge gefordert hatten, die Fabian nicht leisten konnte.“

Diese Schule, deren „pädagogisches Hauptinstrument die Liebe“ war, lehrte auch Dagmar Reim und ihren Mann etwas – die Diagnose nicht nur hinzunehmen, sondern sich damit zu versöhnen. Sicher, Fabian wird nie Uwe Johnsons „Jahrestage“ verstehen, sagt Dagmar Reim. Aber für wichtige Absätze in Indianerbüchern und für Verkehrsschilder reichen seine Lesekünste. Und für die Tafeln in Hagenbecks Tierpark, die Fabian unfallfrei vorträgt – und die er Dank seines legendären, unersättlichen Gedächtnisses auswendig kann.

Auf der Suche nach einem Platz zum Leben

Früh habe die Familie darüber gesprochen, dass man Fabian nicht würde festhalten dürfen, so Dagmar Reim. Samstag für Samstag sei ihr auf dem Markt eine Frau um die 80 begegnet, den 40-jährigen, behinderten Sohn an der Seite. „Sie wagte es nicht, zu sterben. Wenn sie gehen würde, wäre ihr Sohn erledigt. – Das wollten wir nicht.“ Als Fabian 17 war, suchte die Familie für ihn einen Platz zum Leben und fand ihn in einer anthroposophischen Wohngruppe. Man war sich einig – theoretisch, nicht praktisch. „Ich war nicht bereit, mich von Fabian zu trennen“, sagt Dagmar Reim. „Ich wollte ihn behalten – nur noch zwei Jahren.“ Ihr Mann habe sie überzeugt – jetzt oder nie. „Das war die bisher größte Entscheidung in meinem Leben. Ich dachte, niemand außer uns würde Fabian lieben und verstehen. 14 Jahre später weiß ich, es ist das Größte, was uns geschehen konnte.“ Und dennoch: Es bleibe ein Rest schlechten Gewissens, „die innerer Spaltung“.

Dagmar Reim berichtet sehr persönlich, sehr bewegend und immer ehrlich. Sie erzählt vom sich Eindenken und Einfühlen, von Irrtümern und Fehlern und vom Begreifen. „Wir sind durch tiefe Täler gegangen. Fabian hat uns an unsere Grenzen gebracht und darüber hinaus.“

Sorge über den Optimierungs- und Perfektionswahn

Bang werde ihr, wenn sie an die Zukunft denke. Die Gesellschaft sei auf einem abschüssigen Weg. Der Optimierungs- und Perfektionswahn bereiten ihr Sorge. Oder soll sie sich über die Möglichkeit der pränatalen Feindiagnostik freuen, da doch 90 Prozent der Down-Syndrom-Diagnosen mit einer Abtreibung enden? Soll sie Spätabtreibungen klaglos hinnehmen? Die Debatte über Sterbehilfe – womöglich auch für Kinder und Jugendliche? „Wer entscheidet, ob ein Leben lebenswert ist?“, fragt Dagmar Reim. „Kann das weg, weil es stört, weil es anders ist, weil es viel Geld kostet? Oder ergibt es erst das vollständige, runde Bild vom Menschen?“ Ein Bild, in das Fabian gehört – ein Wunschkind, aber kein Kind nach Maß. „Er hat so viel Charme und Liebenswürdigkeit und seelischen Glanz, dass er den Menschen etwas geben kann“, sagt Dagmar Reim: „Nicht nur an der Wursttheke.

Auf Dagmar Reim folgt Angela Merkel

Seit seinem 125. Jubliläum im Jahr 2012 bittet das Oberlinhaus in Potsdam-Babelsberg namhafte Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft zur Oberlin-Rede. Sie wird traditionell rund um den Reformationstag gehalten.

Bisherige Redner waren Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird – unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahl – im Herbst 2017 die Oberlin-Rede halten. nf

 

Von Nadine Fabian

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