Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 5 ° Sprühregen

Navigation:
Ein anderer Erich Honecker

Geschichtsforschung in Potsdam Ein anderer Erich Honecker

Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow hat im Zentrum für Zeithistorische Forschungen seine Biographie zu den frühen Jahren des langjährigen Staats- und Parteichefs der DDR vorgestellt. Was er recherchierte, so Sabrow, „passt nicht zu unserem Bild“ von dieser Person, die auf dem Höhepunkt ihrer Macht als Inbegriff der Gesichtslosigkeit und Langeweile galt.

Voriger Artikel
Die Lachse wandern wieder
Nächster Artikel
Potsdam am Freitag: Das ist heute wichtig

Martin Sabrow mit seiner Erich-Honecker-Biographie.

Quelle: Gartenschläger

Potsdam. Als Leseprobe präsentierte Martin Sabrow die atemberaubende Geschichte der Flucht des Sträflings 523/37 kurz vor der Befreiung Berlins. Im Stich gelassen von seinem Genossen, sucht er schließlich Schutz bei einer Gefängniswärterin: „Er geht zu der einzigen Frau, die er noch kennt in Berlin, die ihn bewacht hat. Sie nimmt ihn auf und wird ihn später heiraten.“

Die Flucht des späteren DDR-Staats- und Parteichefs aus dem Zuchthaus, seine Beziehung zu der Wärterin Charlotte Chanuel und seine Rückkehr ins Gefängnis unmittelbar vor dem Kriegsende zählt zu den bislang kaum erforschten Begebenheiten, die in der Biographie „Erich Honecker – das Leben davor. 1912-1945“ mit der Präzision und Spannung eines Kriminalromans erzählt werden.

Zur Buchpräsentation am Dienstagabend im Zentrum für Zeithistorische Forschungen (ZZF) berichtete Sabrow, dass ihm Mitleid entgegengebracht wurde, als man erfuhr, mit was für einer „leblosen Figur“ er sich beschäftigte. Honecker (1912-1994) galt zum Höhepunkt seiner Macht als Inbegriff der Gesichtslosigkeit und Langeweile. Einen der am wenigsten begabten Redner nannte ihn die Londoner Times 1981.

Wie anders das von Sabrow geschilderte Bild vom jungen Honecker, der „die Jugendgenossen massenhaft gefesselt hatte. Das war einer, der vom Fleck weg reden konnte, immer gut angezogen, charmant, das passt nicht zu unserem Bild“. Es gab die Demaskierung des störrischen Greises zum Ende der DDR. Er, so Sabrow, „habe das Bild von der anderen Seite her aufgeraut“.

Friedrich Dieckmann als Gesprächspartner wollte wissen, wie eine so „akribische Recherche“ für diese „monumentale Biographie“, er sprach von einem „zeitgeschichtlichen Epos von Rang“, ohne berufliche Freistellung überhaupt möglich war.

Sabrow verwies auf das von ihm geleitete ZZF: „Sie sehen ja, hier ist ein ganzes Instrument.“ Er bekannte aber auch, dass ihn das Thema immer wieder „wie richtige Fieberschübe“ gepackt habe. Nicht zuletzt gab es „eine Reihe von Archivaren, die ihren Ehrgeiz daran setzen, wenn man sie erst einmal überzeugt hat“.

Honeckers Biographie könne auch Erklärungen liefern für die „Bindungskräfte der DDR und des realen Sozialismus“, die „ja nicht nur auf den Bajonetten der Sowjetunion aufgebaut waren“. Zu den bemerkenswerten Episoden des Abends zählt die mehrfache Denunziation Honeckers Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre wegen seiner sentimentalen Verbindung zum Saarland durch vier seiner Minister, die in Moskau bei Breshnew und später Andropow allerdings kein Gehör fanden.

Beinahe tragisch, wie Honecker 1989 zur Verblüffung Gorbatschows an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Ural-Stadt Magnitogorsk teilnahm. Doch der erhoffte Jungbrunnen beim Rückblick auf dieses zentrale Industrialisierungsprojekt Stalins blieb aus. Man ließ den Deutschen unbeachtet. Sabrow schildert eine „furchtbare Verunsicherung“. Als eine Colaflasche in seine Richtung fliegt, wird Honecker, ein „gebrochener alter Mann“, vom Leibwächter in Sicherheit gebracht.

Unterm Strich bekannte Sabrow, dass er bei seinen Forschungen „keine Sympathie“, jedoch eine „gewisse Empathie“ für den Protagonisten empfand. Dieckmann lobte, der Historiker habe „eine Legende dekonstruiert“ und „einen Menschen entstehen lassen. Das ist eine Leistung“.

Info Martin Sabrow: „Erich Honecker – Das Leben davor. 1912-1945“, Verlag C.H.Beck, 623 Seiten, ISBN 978-3-406-69809-5, 27,95 Euro.

Von Volker Oelschläger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg