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Ein ausgezeichneter Buchhändler in Potsdam

Buchhandlungspreis 2015 Ein ausgezeichneter Buchhändler in Potsdam

Vor 25 Jahren fing alles an: Carsten Wist erwarb kurz nach der Wende mit Hilfe langjähriger Bankkredite vom Volksbuchhandel der DDR eine Immobilie in Potsdam. Ein Vierteljahrhundert später ist das Geschäft und sein Besitzer längst eine Institution. Seine Arbeit wurde nun mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.

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Carsten Wist in seinem Buchladen.

Quelle: Chrisel Köster

Potsdam. Carsten Wist ist ein Gewinner. Der Potsdamer Buchhändler hat den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 in der Kategorie „Besonders herausragende Buchhandlung“ für seinen Literaturladen in der Dortustraße bekommen. Der Preis ist mit 15000 Euro dotiert. Mit großen Erwartungen war er nach Frankfurt gereist. Er macht keinen Hehl daraus, dass er weiß, was er kann. Doch dann saß er da zwischen all den Dotierten. Und plötzlich hoffte er nur noch – bis der Moment kam, als es um die besten Buchhandlungen Deutschlands ging und er dabei war. Besonders herausragende Buchhandlung in Deutschland. Ausgezeichnet. Brandenburgs beste Buchhandlung und beste Buchhandlung in Ostdeutschland. Ausgezeichnet. „Es ist, als wenn St. Pauli plötzlich in der Europa League spielen würde“, sagt er.

Man hört den Stolz in seiner Stimme. Er spricht überschwänglich. Nur drei weitere Buchhandlungen aus Ostdeutschland haben es unter die besten acht Buchhandlungen geschafft. „Für die Champions League hat es dann aber nicht mehr gereicht“, sagt er, lacht und meint die drei ersten Plätze, die den das „Gütesiegel“ beste Buchhandlung tragen und mit 25000 Euro dotiert sind. Aber das macht nichts, denn seine Buchhandlung ist ein Underdog. Jedenfalls habe er sie immer so gesehen.

Jetzt kommt der Bart ab

Nun kann übrigens auch der Bart ab. Bis zur Preisverleihung, das hatte er der MAZ im Vorfeld angekündigt, wolle er sich nicht mehr rasieren. Und tatsächlich: Die Haare sprießen in seinem Gesicht. Nicht mehr lange. Die nächste Toilette sei seine, sagt er nach der Verleihung. Vielleicht die in einer Bar oder später im Hotelzimmer. Er hält Wort. Dabei wäre beinahe alles schief gegangen. „Ich habe meinen Rasierapparat zuhause vergessen“, sagt er. Deshalb war er kurz vor der Verleihung in Frankfurt noch shoppen.

Wist hat seine Buchhandlung nach der Wende aufgebaut

Carsten Wist ist aber, so könnte man sagen, auch ein Wendegewinner. Denn 1990, als es plötzlich möglich geworden war, hat er sofort die Ärmel hochgekrempelt und in der Fußgängerzone Tapeziertische aufgestellt und Bücher verkauft. Daraus ging der renommierte Literaturladen Wist hervor. „Wenn die DDR weiterbestanden hätte, dann hätte ich mich sicher totgesoffen“, sagt der Mann mit der Vorliebe für farbige Schals, dessen tiefe und sonore Stimme den Eindruck erwecken könnte, er sei ein Schauspieler.

In seinen ersten drei Lebensjahrzehnten musste Carsten Wist die engen Grenzen der DDR erfahren. 1957 in Pritzwalk geboren, verschlug es ihn schon als Schüler in die Bezirksstadt Potsdam. Eigentlich wollte er Journalist werden, am liebsten Sportreporter. Seine Leidenschaft für Fußball, Radrennen und Eishockey hat er bis heute erhalten. Nach seinem Abitur mit Auszeichnung absolvierte er ein Volontariat bei der Märkischen Volksstimme. Die Vorgängerzeitung der Märkischen Allgemeinen verstand sich damals als Sprachrohr der allmächtigen SED und empfahl Wist sogar zum Journalistikstudium nach Leipzig. 1976 trat er dann seinen dreijährigen „Ehrendienst“ bei der Nationalen Volksarmee an, für künftige Akademiker obligatorisch. Nach erheblichen Konflikten stellte der Soldat vergeblich einen Antrag auf „Entpflichtung“. Die Warterei überbrückte er, indem er das Lesen für sich entdeckte.

Carsten Wist zusammen mit Schriftsteller Clemens Meyer (m) Regisseur Andreas Dresen  anlässlich des 20

Carsten Wist zusammen mit Schriftsteller Clemens Meyer (m.) Regisseur Andreas Dresen anlässlich des 20. Geburtstags des Literaturladens.

Quelle: Christel Köster

In den 1980er Jahren wurde Wist nach vier Semestern Studium von der Pädagogischen Hochschule Potsdam exmatrikuliert. Er verdingte sich als Bühnenarbeiter am Hans-Otto-Theater und peilte schließlich eine Ausbildung zum Antiquar an. Dann kam die Wende. Da er als Leser selbst großen Nachholebedarf verspürte, kannte er auch die Bedürfnisse seiner Kunden. Bei ihm konnte man alles kaufen: Aufklärungsbücher über die Staatssicherheit und Charles Bukowskis Alkoholiker-Prosa, Uwe Johnsons „Jahrestage“ und „1000 ganz legale Steuertricks“.

Carsten Wist mit Harry Rowohlt (links) im März 2005

Carsten Wist mit Harry Rowohlt (links) im März 2005.

Quelle: Christel Köster

Schließlich bewarb sich Wist mit seinem Freund Siegfried Ressel um die Immobilie Brandenburger -/Ecke Dortu-Straße, die dem Volksbuchhandel gehörte. Sie sollte 100 000 DM kosten. „So viele Nullen, da habe ich gesagt, nein, das schaffen wir nie. Bis mich Siegfried darauf aufmerksam machte, dass da sogar noch eine Null mehr steht. Ach, wenn es nur eine Million Mark kostet, dann machen wir das!“ Die Banken spielten mit. Dank der Vermietungen wird das Haus in bester Geschäftslage nach 30 Jahren abbezahlt sein.

Wist vergibt jährlich auch eigenen Buchpreis

Dank dieser Konstruktion konnte sich Carsten Wist, der in den 90er Jahren auch noch eine sechsköpfige Familie gründete, ganz auf seine 50 Quadratmeter kleine Buchhandlung konzentrieren. Geschickt kooperiert er mit großen namhaften Verlagshäusern wie Rowohlt oder Diogenes. Regelmäßig lädt er interessante Autoren zu Lesungen nach Potsdam ein. „Wist – der Literaturladen“ vergibt jährlich den werbewirksamen Nachwuchspreis „Der kleine Hei“. Jetzt wurde er selbst geehrt.

Siehe auch : Großes Interview mit Carsten Wist übers Rasieren, die Amerikanisierung der Buchbranche und warum eine Karriere in einem Buchkonzern gescheitert wäre.

Von Karim Saab

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