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Ein erstaunlich kritisches Uni-Buch

25 Jahre Universität Potsdam Ein erstaunlich kritisches Uni-Buch

Die Universität Potsdam gibt anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens ein erstaunlich selbstkritisches Buch heraus. Die Auswahlbedingungen für die ersten wissenschaftlichen Mitarbeiter der am 15. Juli 1991 gegründeten Universität Potsdam seien fatal gewesen, findet der heute dort forschende und lehrende Zeitgeschichtler Manfred Görtemaker. Und er wartet mit weiteren unbequemen Wahrheiten auf.

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Ladendieb in Golm gefasst

Manfred Görtemaker

Quelle: Michael Hübner

Potsdam. Lobhudelei hört sich anders an. Die Auswahlbedingungen für die ersten wissenschaftlichen Mitarbeiter der am 15. Juli 1991 gegründeten Universität Potsdam seien fatal gewesen, findet der heute dort forschende und lehrende Zeitgeschichtler Manfred Görtemaker. Die besonderen gesetzlichen Umstände Anfang der Neunziger in Brandenburg, schreibt Görtemaker, hätten eine Auswahl nach fachlicher Eignung einfach nicht zugelassen. Der gesamte Mittelbau der jungen Universität sei deshalb in den Ruf geraten, „den Ansprüchen einer Universität möglicherweise nicht zu genügen“.

Die steile These Görtemakers, die Universität Potsdam sei auch eine ABM-Maßnahme für arbeitslos gewordene Lehrer der ehemaligen „roten“ Hochschule „Karl Liebknecht“ gewesen, hatte schon für sich alleine zu Beginn dieses Jahres heftigen Streit in der Stadt ausgelöst. Dass sie in jetzt aller Breite im offiziellen Jubiläumsband „25 Jahre Universität Potsdam – Rückblick und Perspektiven“ ausdiskutiert wird, ist fast eine kleine Sensation.

Von großzügig bebilderten Festschriften zum Jahrestag wissenschaftlicher Einrichtungen erwartet man üblicherweise Ruhm- und Preisreden, keine bohrende Selbstkritik. Die gibt es aber in dem gerade erschienenen rund 160 Seiten starken Band zuhauf. Nicht nur der Herausgeber Manfred Görtemaker stellt mit seinem Aufsatz über das Problem der personellen Kontinuität unbequeme Fragen, auch die anderen Autoren legen ihre Finger in historische Wunden.

Dass der heute so malerisch wirkende Campus Griebnitzsee mit seinem weltberühmten Hasso-Plattner-Institut oder der renommierten Juristischen Fakultät eine alles andere als weltoffene und menschenfreundliche Vorgeschichte aufzuweisen hat, legt zum Beispiel der Architekturhistoriker Ingo Sommer dar. Er verschweigt nicht, dass die Realität auf dem Gelände des Standorts zwischenzeitlich „furchterregend“ gewesen war. „Von 1944 bis 1945 unterhielt der NS-Staat hier ein Außenkommando des Konzentrationslagers Sachsenhausen sowie Zwangsarbeiterlager und Kriegsgefangenenlager.“ Die Zeitgeschichtlerin Irina Stange setzt sich in ihrem Beitrag wiederum ausführlich mit der ehemaligen Stasihochschule auf dem heutigen Campus Golm auseinander. Sie erzählt damit eine Geschichte, die zwar jedem bekannt, über die jahrzehntelang an der Universität selbst aber peinlichst geschwiegen worden war.

Natürlich: Ein Übung in chronischer Selbstzerknirschung ist der Jubiläumsband glücklicherweise auch nicht geworden. Neben dem Schatten gibt es zum Silberjubiläum eben doch genügend Sonnenschein. Die Potsdamer Universität kann schon allein mit ihren Gebäuden auftrumpfen. Ihre Unterkünfte in historischen Hohenzollernbauten auf dem Campus am Neuen Palais oder in hochmoderner fantastischer Architektur im Wissenschaftspark Golm erregen andernorts Neid wie die hervorragenden Bilder und die flotten Texte ahnen lassen. Und dass sich die Hochschule auch qualitativ vollkommen aus zum Teil fragwürdigen Anfängen herausgearbeitet hat, zeigt ihr nunmehr fünfter Präsident Oliver Günther in seinem Aufsatz über den aktuellen Stand der Hochschule und ihrer Zukunftsperspektiven.

Günther übertreibt sicher nicht, wenn er die Universität Potsdam auf dem Weg zur international wettbewerbsfähigen Forschungsuniversität, mit einer hervorragenden Lehre und einer beachtlichen Gründertätigkeit sieht. Eine solch optimistischer Ausblick ist für ein Jubiläumsbuch einfach eine Pflichtübung. Dass sich der durchweg attraktiv illustrierte Band aber nicht in solcher Selbstbeweihräucherung erschöpft, macht das Erfrischende dieses erstaunlich mutigen und zugleich informativen Buches aus.

Die Diskussion um den Jubiläumsband im Potsdamer Bildungsforum heute Abend dürfte schon deshalb den Rahmen einer üblichen Buchvorstellung sprengen. Herausgeber Görtemaker wird noch einmal die Akzentsetzung des Jubiläumsbandes erklären, Vizepräsident Robert Seckler die Position der Universität dartun und Ingo Sommer aus Sicht der Autoren und Gestalter des Geschichtsbandes sprechen, während Bürgermeister Jann Jakobs die Bedeutung der Universität für die Stadt erklärt. Das Buch soll durchaus auch als Beitrag zur Zeitgeschichte verstanden werden. Deshalb führt der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF), Frank Bötsch, durch den Abend.

Von Rüdiger Braun

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