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Potsdam Vor 50 Jahren: Als die Garnisonkirche gesprengt wurde
Lokales Potsdam Vor 50 Jahren: Als die Garnisonkirche gesprengt wurde
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13:52 23.06.2018
Kurz vor der Sprengung wagten sich zwei Pfarrerssöhne noch einmal mit der Kamera auf die Turmruine der Garnisonkirche. Quelle: Dieter Wendland
Innenstadt

Am heutigen 23. Juni vor 50 Jahren, an einem Sonntag um 10 Uhr, wurde der noch stehende Turmrest der Garnisonkirche gesprengt. Sechs Menschen erinnerten sich bei einer Gedenkveranstaltung am Standort der Kirche daran, wie sie das Verschwinden des Baus erlebt haben.

Der Stadtverordnete

„Der Abriss wurde verheimlicht bis zur letzten Sekunde“, sagt Gebhard Falk (90). „Die Stadtverordneten waren zu einer Sitzung über die Perspektiven Potsdams eingeladen und dann kam es plötzlich zu einem Zusatzantrag“, erinnert er sich. Es war der 26. April 1968. Der liberal-demokratische Abgeordnete stand auf und erklärte seinen Widerspruch. „Keiner darf sagen, er habe es nicht gewusst!“

Er solle die Sitzung „nicht mit Kleinigkeiten aufhalten“, begegnete man ihm. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte der Archivar, dass ein Kompromiss möglich wäre. Nur drei weitere Abgeordnete stimmen mit Falk gegen den Abriss. Doch das erfährt er erst später, denn er schaut bei der Abstimmung weder nach links, noch nach rechts.

Die Ruine der Garnisonkirche wurde zwischen dem 14. Mai und dem 23. Juni 1968 gesprengt.

Der Schuljunge

„Für uns Schüler sah sie zum Gotterbarmen aus. Hohle Fenster, wackelnde Steine im Gemäuer und immer unheimlich groß, fast bedrohlich“, sagt Peter Radicke (60). Der Zehnjährige ging schräg gegenüber der Ruine auf die Polytechnische Oberschule 9. Im Unterricht hatte die Klassenlehrerin die Geschichte der Kirche aus sozialistischer Perspektive gelehrt.

Bei der Abfrage des Stoffs wurde wiederholt. Doch mancher Schüler hatte mit seiner Familie gesprochen. „Meine Oma sagt, die heißt eigentlich Garnisonkirche und war mal sehr schön“, bekam die Lehrerin zu hören. „Der Name der Garnisonkirche war eigentlich längst gelöscht. Nun war im Unterricht auf einmal vom Glockenspiel, von Treue und Redlichkeit die Rede“, sagt Radicke.

Die Zeitzeugen (v.l.): Peter Radicke, Dieter Wendland, Gerhard Rütenik, Christa Uhrig, Hartmut Knitter und Gebhard Falk Quelle: Peter Degener

Der Fotograf

„Die gewaltigen Mauerreste der Ruine faszinierten mich!“, sagt Dieter Wendland (67). „Und ich war einer der ersten Täuflinge der 1950 in der Ruine wiedererstandenen Kapelle“ – er war der Sohn des Pfarrers der Heilig-Kreuz-Gemeinde. Als 17-Jähriger war Wendland bereits angehender Fotograf und dabei mutig.

Gemeinsam mit einem Freund, ebenfalls Pfarrerssohn, stieg er am 2. Mai, dem Tag der Enteignung der Kirche, auf ihren Turm und mit Hilfe einer langen Leiter waghalsig bis zur Trophäe auf der gekappten Spitze hinauf. Er fotografierte aus der Höhe die soliden Mauern, die Landschaft, das im Bau befindliche Interhotel. Schon zuvor hatte er die Zerstörungen von zahlreichen Barockhäusern oder des alten Stadttheaters dokumentiert. „Potsdam war damals eine Stadt der Sprengungen und Abrisse“, sagt Wendland.

Der 17-jährige Dieter Wendland stand wenige Wochen zuvor noch auf dem höchsten Punkt des Turmstumpfs. Nun dokumentierte er die Sprengung. Quelle: Dieter Wendland

Die Nachbarin

„Das schönste waren immer die Hochzeiten“, sagt Christa Uhrig (77). Die damals 27-jährige wohnte mit ihrer Familie viele Jahre genau gegenüber der Ruine. „Wir hatten erst nur wenig mitbekommen. Zur ersten Sprengung bekamen wir die Information nur wenige Stunden vorher. Bei der letzten Sprengung hatte die Stadt für uns Reservewohnungen organisiert“, sagt Uhrig.

Rund zwei Wochen war ihre Wohnung nach dem Zusammenbruch des Turms nicht bewohnbar. „Die Fenster waren kaputt, überall war Dreck in der Bude, ganze Steine lagen in der Badewanne“, sagt sie. Eigentlich sollte sie zur Sicherheit ihre nötigsten Sachen aus der Wohnung schaffen. „Wir entschieden stattdessen, dass wir gar nichts mitnehmen“, erzählt Uhrig trotzig.

Der Theologiestudent

„Wir standen als Schüler im Priesterseminar auf Hermannswerder unter besonderer Beobachtung“, sagt Gerhard Rütenik (68). Er war in gewisser Aufbruchsstimmung wegen des „Prager Frühlings“, wohin er in diesen Monaten mehrfach reiste. Zugleich lag die Sprengung des Paulinums, der Leipziger Universitätskirche, erst Wochen zurück. „Kurz danach hörten wir das Gerücht, dass das hier nun auch passieren würde“, erinnert sich Rütenik.

Die Potsdamer Sprengungen schaute er sich an und verstand die „Gewalt gegen Kirchen“ nicht. Zwei Monate später, direkt nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag, wurde Rütenik verhaftet und in das Potsdamer Stasigefängnis gebracht. „Ich sei bei der Sprengung dabei gewesen, wurde mir in der Haft gesagt. Die Angst war also begründet.“

Der Stadthistoriker

„Wir waren hilflos“, sagt Hartmut Knitter (83), der vier Jahrzehnte am Potsdam-Museum als Historiker arbeitete. Er versuchte etwas von der Kirche zu retten. „Mit einem kleinen Auto sammelten wir nach jeder Sprengung Teile ein. Für 150 Mark organisierten wir nach der letzen Sprengung einen Drehkran und einen Lastwagen. Damit konnten wir einige große Teile retten, etwa das Kapitell einer Säule oder die Trophäe, die bis zuletzt ganz oben stand“, sagt Knitter.

Das Stadtmuseum bekam in der Folge sogar Angebote aus Westdeutschland, wie man mit den Steinen „noch ein Geschäft machen könnte“. Die Enttrümmerung ging sehr schnell vonstatten. „Die Staatsführung wollte es weg haben“, sagt der Historiker.

Chronik des Abrisses

Der Name der 1945 zerstörten Garnisonkirche verschwindet offiziell am 25. Juli 1949. An diesem Tag wird die Ruine in Heilig-Kreuz-Kirche umbenannt. Am 18. Juni 1950 wird in der Turmruine der erste Gottesdienst gefeiert.

1966 beginnt die Gemeinde mit der Instandsetzung des Turms. Die Bezirksleitung fordert die Beendigung der Sicherungsarbeiten am 12. August. Am 29. September wird die Baugenehmigung widerrufen und am 27. Oktober wird die Kirche baupolizeilich gesperrt.

Am 26. April 1968 beschließen die Stadtverordneten den Abriss.

Enteignet wird die Gemeinde am 2. Mai. Am gleichen Abend wird der letzte Gottesdienst gefeiert.

Am 14. Mai 1968 beginnen die Sprengungen des Kirchenschiffs. Am 19. Juni 1968 soll der verbliebene Turm endgültig gesprengt werden – doch die Sprengmeister unterschätzen, wie solide das Mauerwerk errichtet worden war. Die Portalseite des Turms bleibt stehen.

So kommt es kurz darauf, am 23. Juni 1968, zur letzten Sprengung.

Von Peter Degener

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