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Ein typischer Potsdamer Demo-Tag

AfD-Politiker Björn Höcke in Potsdam Ein typischer Potsdamer Demo-Tag

Der für Provokationen bekannte thüringische AfD-Mann Björn Höcke ließ es in Potsdam nicht auf einen Eklat ankommen. Rund 500 Protestler demonstrierten gegen den Auftritt, 400 Polizisten, teils zu Pferde, sicherten die insgesamt vier Veranstaltungen. Ein Stimmungsbild von einem typischen Potsdamer Demo-Tag.

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Auch die als „Sprayer-Oma“ bekannte Irmela Mensah-Schramm (rechts im Bild) protestierte gegen Höcke.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam. Am Neuen Lustgarten kündigt ein Plakat die „Mega Dino-Live Show“ an. Gegenüber vor dem Filmmuseum haben sich rund 70 AfD-Anhänger versammelt und warten, bis es losgeht. Mit der deutschen Pünktlichkeit scheint es der Thüringer Björn Höcke, der im Vorjahr in einer Rede „Ja zu preußischen Tugenden“ postuliert hat, ausgerechnet in der früheren Preußen-Residenz Potsdam nicht so genau zu nehmen. Für 11 Uhr am Samstag hat die AfD ihren Frontmann angekündigt, doch von Höcke keine Spur.

Mit Schulz-Shirts zur Höcke-Show

Dafür ist SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zu sehen, und das gleich doppelt. Die Zwillinge Leo und Emil Franken (27) tragen Schulz auf der Brust und an den Füßen Multikulti. „Die bunten Turnschuhe sind wie Potsdam: lustig und bunt“, erklärt Emil die Wahl seines farbenfrohen Schuhwerks. Mit ihren Schulz-Shirts fallen die beiden jungen SPD-Mitglieder vor der Höcke-Bühne auf. Dort sind einfarbige Windjacken Mode, manche tragen Deutschlandfahnen oder Trainingsjacken mit schwarz-rot-goldenen Streifen.

Die Zwillinge Leo (l) und Emil Franken mischten sich mit Schulz-Shirts unter AfD-Anhänger

Die Zwillinge Leo (l.) und Emil Franken mischten sich mit Schulz-Shirts unter AfD-Anhänger.

Quelle: Marion Kaufmann

Sie wollen hören, was Höcke seinen Anhängern zu sagen habe und gerne mit diesen diskutieren, begründen die Zwillinge, warum sie hier stehen und nicht hinter der Absperrung auf dem Steubenplatz, wo das Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“ mit zahlreichen Vertretern der Stadtpolitik und der aus Babelsberg angekommene Demonstrationszug der Gruppe „Blau Weiß Bunt“ von Babelsberg 03 gegen die AfD Position bezogen haben. Hotelfachmann Emil will demnächst beruflich zur See fahren. „Ich schätze, dass viele AfD-Anhänger gerne Kreuzfahrten in ferne Länder machen und zu Hause sind sie dann intolerant“, sagt sein Bruder, „das soll mir mal einer erklären.“

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Potsdam, 9. September 2017: Alle Bilder der AfD-Kundgebung und zahlreichen Gegendemos vom Samstag.

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Aber auf Debatten sind die Höcke-Fans nicht aus. Ein Ordner schiebt die Brüder unsanft vom Platz, die von Umstehenden als „Dreckspack“ beschimpft werden. Später wird ein MAZ-Reporter von einem Security-Mann von der Bühne weggedrängt, auch die Presse sei „Dreckspack“, rufen Zuschauer, während in den sozialen Netzwerken Hinweise gepostet werden, dass ein bekannter Potsdamer Neonazi für das Falkenseer Sicherheitsunternehmen „German Security“ die Kundgebung mit absichert.

Höcke spricht über soziale Gerechtigkeit

Das Geschehen auf der Bühne ist weniger aufregend. Mit 45 Minuten Verspätung trifft Björn Höcke ein, Verkehrsprobleme. Die Pfiffe der Linken, die ihre Demo an der Schloßstraße angemeldet haben, mischen sich mit „Höcke, Höcke“-Rufen. Der Thüringer AfD-Chef, gegen den wegen seiner Holocaust-Mahnmal-Äußerung in Dresden ein Parteiausschlussverfahren läuft, lässt erst Vorredner wie Brandenburgs AfD-Vorsitzenden Andreas Kalbitz ans Mikro, bevor er das Wort ergreift. Anlass des Auftritts ist die Gründung eines Ablegers des Alternativen Arbeitnehmerverbands Mitteldeutschland (Alarm). Höcke fordert höhere Renten für Arbeitnehmer mit geringen Einkommen, hält die traditionelle Familie hoch, nennt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihren SPD-Herausforderer Schulz „Fleisch vom Fleische des Establishments“ und Merkels Regierungsbilanz eine „Bilanz des Schreckens“. Eine verbale Entgleisung bleibt aus.

Irmela Mensah-Schramm (72) findet Höcke trotzdem „inakzeptabel“. Die als „Sprayer-Oma“ bekannte Berliner Aktivistin, die Hassparolen übersprüht, hat sich in den Protest mit insgesamt etwa 500 Teilnehmern eingereiht. Hinter ihr stehen jetzt die SPD-Zwillinge.

AfD-Wählerin: Integration gescheitert

Genauso alt wie die Brüder ist eine AfD-Wählerin auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung. Die Wirtschaftspolitik der AfD finde sie gut, außerdem sei sie gegen den Atomausstieg und von Multikulti halte sie auch nichts, auch wenn sie selbst als Kind aus Russland nach Deutschland gekommen sei. „Die meisten Zuwanderer lassen sich nicht integrieren“, meint sie. Ihren Namen will die Studentin nicht nennen. „Ich will ja in Potsdam noch eine Arbeitsstelle finden.“

Gegen 13.15 Uhr steigt Björn Höcke in ein blaues Auto, die drei Gegendemos lösen sich auf, der Verkehr rollt wieder. Um 16 Uhr startet laut Plakat die nächste Mega-Dino-Show in der Breiten Straße, eine Ausstellung mit computergesteuerten Kunstsauriern.

Großeinsatz für die Polizei

Die Polizeidirektion West war mit rund 400 Beamten der Landespolizei und der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen im Einsatz.

Auch zwölf Pferde samt Reitern aus NRW waren dabei. Die Reiterstaffeln wirken deeskalierend, zudem hätten die Beamten aufgrund der erhöhten Sitzposition mehr Überblick.

Die Versammlungen blieben nach Polizeiangaben friedlich.

Der Einsatz führte bis 13.15 Uhr aber zu teils erheblichen Verkehrseinschränkungen in der Innenstadt. Auch beim öffentlichen Nahverkehr kam es in diesem Bereich zeitweise zu Behinderungen.

Von Marion Kaufmann

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