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"Eine Rückführung ist unumgänglich"

MAZ-Interview mit Denkmalpfleger Andreas Kalesse "Eine Rückführung ist unumgänglich"

Potsdams Denkmalpfleger Andreas Kalesse spricht im MAZ-Interview über die Zukunft der Stadtschloss-Figuren auf der Humboldt-Universität - und fordert deren Rückführung nach Potsdam. Kalesse wirft dem Landeskonservator von Berlin und dem Stiftungs-Chef eine "Arroganz der Macht" vor, weil sie die Rückführung zu verhindern suchen.

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Potsdamer im Exil: Die Stadtschlossfiguren, die einst die Attika zierten, dienen nun zur Verschönerung der Humboldt-Universität. Fragt sich nur, wie lange noch...

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. MAZ: Herr Kalesse, Sie sind derjenige, der vor über 22 Jahren als erster den Standort des ehemaligen Stadtschlosses für den neuen Standort des Brandenburgischen Parlaments eingefordert hat. Macht Sie das heute stolz?

Andreas Kalesse: Ich persönlich bin einfach nur sehr froh, denn eine Banalisierung des Standortes durch jedwede andere Nutzung, wäre der Würde des Ortes nicht gerecht geworden.

Das alte Schloss ist aber nicht eins zu eins wiederaufgebaut worden. Stört Sie das?

Kalesse: Nein. Deswegen bezeichne ich diese Form aber als Erinnerungsarchitektur und nicht als Rekonstruktion, denn das ist dieser Bau keineswegs. Eine Rekonstruktion hätte dem Parlament auch gar nicht den erforderlichen Raum bieten können. Erinnerungsarchitekturen sind daher ein zeitgemäßes Mittel, einerseits an das einst Dagewesene zu erinnern und andererseits dem Neuen die notwendigen Handlungsmöglichkeiten einzuräumen.

Beim Barberini-Palais wird es Vergleichbares geben?

Kalesse: Ja und auch das ist gar nicht anders möglich. Potsdam wird durch diese Herangehensweise einen der schönsten Plätze des Landes als qualitätvollen öffentlichen Raum, gewissermaßen die "Gute Stube" der Stadt, zurückerhalten und was sich hinter den Fassaden abspielt, hat den einstigen Schöpfer dieser Räume, den großen Friedrich, damals auch nicht immer interessiert.

Nun haben Sie sich in Ihrer dienstlichen Funktion als Stadtkonservator am Mittwoch im Hauptausschuss für die Rückgabe der Attika-Figuren des Stadtschlosses ausgesprochen, die seit Jahrzehnten auf der Humboldt-Universität stehen. Stehen Sie auch privat dahinter, denn für eine Erinnerungsarchitektur sind diese Figuren doch eigentlich nicht erforderlich?

Kalesse: Aus privater Sicht bin ich sogar hell empört darüber, dass zwei Herrschaften - der Landeskonservator von Berlin und der Generaldirektor der Schlösserstiftung - in Verkennung ihrer Verantwortung dem Volk gegenüber, die Rückgabe zu verhindern suchen. Dieser einmalige Skulpturenschmuck von acht Sandsteinfiguren aus der Zeit um 1750, die aus Verlegenheit 1967 auf die Berliner Humboldt-Universität gestellt wurden, ist doch nicht das Privateigentum dieser beiden. Vielmehr sind sie öffentliches Eigentum und einzig die Politik hat darüber abschließend zu entscheiden, ob die Figuren nach Potsdam zurückgegeben werden. Es ist an der Zeit, die Arroganz der Macht dieser beiden Verwaltungsbeamten in die Schranken zu verweisen.

Wie meinen Sie das?

Kalesse: Erstens hat die Politik unverzüglich das Heft wieder in die Hand zu nehmen und dafür zu sorgen, dass öffentliches Kunstgut wieder an den ursprünglichen Ort zurückkehrt und zweitens bietet die bevorstehende Novellierung des Berliner Denkmalschutzgesetzes die Möglichkeit, den Landeskonservator künftig wieder sein eigentliches Aufgabenfeld zu eröffnen. Kulturgut wird seit Jahrzehnten verstärkt wieder an den ursprünglichen Ort zurückgebracht. Warum muss Potsdam eine Ausnahme bleiben, nur weil es zwei Verwaltungsbeamten nicht passt und sie die Potsdamer Erinnerungsarchitektur ablehnen? Richard von Weizsäcker hatte 1981 als Regierender Bürgermeister von Berlin mit einer weithin beachteten Entscheidung die Schlossbrückenfiguren für die Brücke am Zeughaus auch wieder zurück von Berlin (West) nach Berlin (Ost) gegeben, wo sie seit 1984 stehen. Das war ein wegweisender Akt!

Wie stellen Sie sich als Denkmaltheoretiker der Wertung, dass die Potsdamer Figuren auf der Humboldt-Universität als Geschichtszeugnis dort heute zu respektieren seien und damit einen schutzwürdigen Zustand darstellen?

Kalesse: Nun, nicht jeder Umstand aus vergangener Zeit und nicht jede Verhunzung ist als "Spur der Geschichte" als schutzwürdig zu werten. Das ist reaktionär und längst nicht mehr zeitgemäß und wird international schon lange nicht mehr so vertreten und gehandhabt. Die Denkmalpflege wird meines Erachtens durch solche Positionen von einzelnen Vertretern unseres Faches in ihrem Ansehen beschädigt. Mit der Kernaufgabe der Denkmalpflege hat das nichts zu tun. Die Wiederzusammenführung von Kunstwerken beziehungsweise deren Teilen ist eine der wichtigen Aufgaben dieser Zeit. Die originalen Skulpturen und andere Architekturteile, die bereits in der Fassade des Landtags eingebaut worden sind, sollen an die einstige Gestaltungskraft und Bildhauerkunst sowie an die fürchterliche Zerstörung an dieser Stelle erinnern. Deswegen ist die Rückführung und Aufstellung der Potsdamer Figuren an diesem Ort unumgänglich, um das Bild und die inhaltliche Aussagen zu vervollkommnen!

Warum folgt der Generaldirektor der Schlösserstiftung, Hartmut Dorgerloh, der Auffassung des Berliner Landeskonservators und verlangt nicht "seine" Leihgabe einfach wieder zurück? Damit wären doch alle Probleme gelöst.

Kalesse: Die Umstände, die den Generaldirektor bewegen, seiner Aufgabe nicht nachzukommen, sind mir unergründlich. Vielleicht ist es die Situation, dass der Berliner Landeskonservator vor kurzem Präsident der deutschen UNO-Vorfeldorganisation Icomos (Internationaler Rat für Denkmalpflege) geworden ist. Der Generaldirektor wird wohl noch Jahrzehnte mit dem Icomos-Präsidenten zu tun haben. Vielleicht will er es sich nicht gleich zum Anfang mit ihm verderben?

Interview: Ildiko Röd

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