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„Eine Schande“: Pfleger nehmen Patienten aus

Diebstahl in Potsdamer Klinikum „Eine Schande“: Pfleger nehmen Patienten aus

Sie haben sich bewusst Schwache und Alte als Opfer ausgesucht und sie schamlos bestohlen. Zwei Ex-Krankenpflegerhelfer mussten sich deswegen in Potsdam vor Gericht verantworten. Selbst ihre Verteidiger nannten die Taten „eine Schande“. Jetzt ist das Urteil gefallen.

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Das Ernst-von-Bergmann-Klinikum.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Es kommt selten vor, dass Staatsanwaltschaft und Verteidiger einer Meinung sind. Doch dieser Fall ist besonders – besonders verwerflich. Auf der Anklagebank im Potsdamer Amtsgericht haben am Dienstag Marcel M. (32) und Mandy F. (27) Platz genommen. Sie haben im städtischen Klinikum „Ernst von Bergmann“ Patienten bestohlen – alte, kranke, wehrlose Menschen, die ihnen anvertraut waren. Marcel M. und Mandy F. arbeiteten als Krankenpflegehelfer in der Geriatrie. In nur wenigen Wochen haben sie 10 000 Euro erbeutet. „Sie haben dreist und ungehemmt zugegriffen“, sagt Staatsanwalt Thomas Jaschke.

25 Fälle schweren Diebstahls und Betrugs, begangen vom 28. Mai bis zum 13. Juli 2015 dokumentieren „die Schande“, „die Dinge, die nicht zu entschuldigen sind“, wie die Verteidigerinnen Dagmar Hopp und Kersten Woweries sagen. Die Angeklagten immerhin geben alles zu und ersparen so ihren Opfern, vor Gericht aussagen zu müssen. Die Männer und Frauen, die sie um ihr Geld, um ihren Schmuck und um ihr Vertrauen gebracht haben, sind zumeist über 80 Jahre alt. Eine Patientin ist inzwischen gestorben.

Der Angeklagte Marcel M

Der Angeklagte Marcel M. hat schon Platz auf der Anklagebank genommen, als sich die Angeklagte Mandy F. noch hinter einem Hefter verbirgt; ihr zur Seite steht Verteidigerin Kersten Woweries.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Marcel M. und Mandy F. haben sich genau ausgesucht, bei wem sie es wagen, im Patientenzimmer in die Nachttisch-Schublade zu greifen: Sie schauten sich besonders schwache, mit Vorliebe verwirrte Patienten aus, sehr gern alleinstehende und verwitwete, denn auch auf Schlüssel hatten es die Angeklagten abgesehen. So gelangten sie in die Wohnungen von fünf ahnungslosen Patienten, wo sie ebenfalls Bargeld, Schmuck und EC-Karten einsackten – den dazugehörigen Pin fanden sie meist auf einem Zettel im Portemonnaie oder direkt auf der Karte notiert. Selbst, als die Polizei ihnen bereits auf die Schliche gekommen war, machten sie noch weiter. „Weil man bescheuert war“, sagt Marcel M. „Weil man so schnell und einfach an das Geld gekommen ist.“

Marcel M. schiebt die Schuld auf seine Komplizin

Während Mandy F. die Verhandlung in Tränen aufgelöst verfolgt und schluchzend aussagt, versucht er noch seine Haut zu retten und gibt den Mitläufer. Schon bei der Polizei hatte Marcel M. die Schuld auf seine einstige Kollegin schieben wollen. Sie habe die Idee gehabt und die EC-Karten genommen. „Und ich war so blöd und hab das Geld abgehoben. Die treibende Kraft war aber sie. Sie hat immer alles organisiert. Ich wollte aufhören, hab mich aber immer wieder bereden lassen.“

So einfach aber kommt Marcel M. nicht davon. Wie er im Gerichtssaal doch noch zugibt, hat auch er in den Zimmern der Patienten zugegriffen und mindestens zwei Mal nach der Pin gefragt. Dafür gab er sich bei einer 82-Jährigen sogar als Arzt aus, scheiterte aber letztlich am Misstrauen der alten Dame.

Misstrauen regte sich spätestens am 20. Juni 2015 auch in Mandy F. An jenem Tag gab Marcel M. seiner Komplizin gegenüber vor, dass er mit einer der gestohlene Karten am Klinik-Automaten kein Geld ziehen konnte. Mandy F. glaubte das nicht und versuchte es Tags darauf selbst. Um 11.29 Uhr hob sie 1000 Euro ab – es ist das einzige Mal, dass sie allein am Automaten stand. Wie üblich teilte sie das Geld mit dem Kollegen. Was erst im Gerichtssaal herauskommt: M. hat sie belogen. Er hat am 20. Juni 2015 sehr wohl Geld abheben können: 1000 Euro, die er offenbar für sich behalten hat. Er schweigt zu dem Vorwurf.

Die Angeklagten sind nicht vorbestraft

Marcel M. und Mandy F. sind keine notorischen Rechtsbrecher. Bis zu ihrem Beutezug durch die Bergmann-Geriatrie sind sie nicht aufgefallen, sind nicht vorbestraft. Das Verhältnis zum Elternhaus ist normal. Beide sind inzwischen selbst Eltern: Marcel M. hat einen Sohn, Mandy F. eine Tochter. Drei Berufe hat Marcel M. nach der Schule gelernt: Koch, Schweißer, Krankenpflegehelfer. Mandy F. wurde nach Abitur und Ausbildung direkt als Krankenpflegehelferin über­nommen. Das Klinikum hat ihnen gekündigt. Marcel M. arbeitet heute als Gleisbauer und Mandy F. in einem Pflegeheim, in dem man nichts von ihrer Vorgeschichte weiß, wie sie sagt. Beide zeigen Reue und haben erste Schritte zur Wiedergutmachung getan: Marcel M. hat allen Opfern einen Brief geschrieben, Mandy F. hat 5000 Euro zur Seite gelegt, um ihren Anteil des materiellen Schadens zurückzahlen zu können.

Wie wurden Marcel M. und Mandy F. zu Straftätern? „Da haben sich zwei gefunden, die sich brauchten“, sagt Staatsanwalt Thomas Jaschke. „Beide stecken in akuter Geldnot.“ M. weil er sich gerade von der Frau getrennt hatte, zwei Wohnungen und ein teures Auto unterhielt und eine Freundin, die „sehr anspruchsvoll war“, wie er sagt. Mandy F. hatte durch einen Hauskredit 100.000 Euro Schulden angehäuft, mit denen sie nach der Trennung von ihrem Partner allein dastand. „Sie brauchten beide das Geld und hatten die Idee, die Zustände im Krankenhaus und die Hilflosigkeit und Gebrechlichkeit der Patienten auszunutzen“, so der Staatsanwalt. „Dabei hat jeder seine Fähigkeiten eingesetzt und das mit hoher krimineller Energie.“ Jaschke forderte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung. Das Gericht erhöhte die Frist auf dreieinhalb Jahre. Marcel M. und Mandy F. müssen zudem jeweils 1000 Euro an die Volkssolidarität zahlen. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung erklärten bereits, das Urteil anzunehmen.

Der Umgang mit Patienteneigentum

Im Klinikum sind 2018 Mitarbeiter beschäftigt. Davon sind 474 Ärzte, 874 arbeiten im Pflegedienst. Die Geriatrie hat am 1. Januar 2014 eröffnet und verfügt über 70 Betten.

Die Angeklagten waren wegen der erdrückenden Beweislage zunächst umgehend vom Klinikum freigestellt worden. Das Klinikum prüfte daraufhin weitere arbeitsrechtliche Maßnahmen und entließ die Angeklagten fristlos. Gegen die Kündigungen haben sich die Angeklagten laut Klinikum nicht gewehrt.

Patienten und wenn anwesend auch Angehörige werden laut Klinikum bereits bei der Aufnahme und über die Hausordnung darauf hingewiesen, keine Wertgegenstände, Schmuck oder größere Summen Bargeld mitzubringen oder im Zimmer aufzubewahren. Wenn sich Patienten bei Untersuchungen oder im OP befinden, können sie kleine Geldbeträge und Schmuck in Siegelbeuteln an einem abschließbaren Ort auf der Station deponieren. Es ist auch möglich, Wertgegenstände gegen Quittung an der Krankenhauskasse zu hinterlegen. nf

Von Nadine Fabian

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