Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Eine Stadt mit Wachstumsschmerzen
Lokales Potsdam Eine Stadt mit Wachstumsschmerzen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:35 13.06.2018
Blick in den Saal des Potsdam-Museums am Alten Markt, wo am Dienstagabend der MAZ-Talk zum Thema „Potsdam wächst“ stattfand. Quelle: Friedrich Bungert
Anzeige
Innenstadt

Da war ganz schön viel Dampf im Kessel beim Publikum des MAZ-Talks im Potsdam-Museum am Alten Markt. Bei der Diskussionsveranstaltung der Märkischen Allgemeinen am Dienstagabend ging es um das Wachstum der Stadt. Allerdings nicht um das „Größer, Besser, Schöner“ der Gute-Laune-Schlagzeilen, sondern um die Kehrseite. „Wachstumsschmerzen“, wie es Henry Lohmar, stellvertretender Chefredakteur der MAZ, in seiner Anmoderation nannte. Auf dem Podium: Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), Jörn-Michael Westphal, Geschäftsführer der kommunalen Immobilienholding Pro Potsdam, Angela Million, Direktorin des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin, und der Landesvorsitzende des Deutschen Mieterbunds, Rainer Radloff. Im Publikum: Rund hundert MAZ-Leser, von denen viele in der Fragerunde ihren Frust über das rasante Wachstum abließen. Klar wurde vor allem: Die Bürger möchten mitreden. Sie wollen gehört werden. Murren gab es in den Sitzreihen, als Jakobs postulierte: „Wenn mehr Menschen herkommen, heißt das nicht, dass die Lebensqualität sinkt.“ – „Doch!“, kam es von mehreren Seiten empört aus dem Publikum zurück.

Vorbild Aldi-Wohnungsbau?

Gleich zum Auftakt hatte Lohmar beim Stadtoberhaupt nachgehakt. Hätte man angesichts des Wachstumstrends nicht schon früher alles Notwendige – mehr Kitas, mehr Schulen, bessere Verkehrssteuerung – in die Wege leiten müssen? Hat man da eine Entwicklung verschlafen? Das wollte Jakobs nicht auf sich sitzen lassen: „Das war kein Planungsfehler, sondern auch ein finanzielles Problem.“ Erst seit wenigen Jahren sei die Stadtkasse so gut gefüllt, dass man über Investitionen in die wachsende Stadt nachdenken könne. Beispiel: das 160-Millionen-Euro-Schulinvestitionsprogramm. Und, schob Jakobs nach, der Zuzug habe ja nicht nur Schattenseiten. Mehr Bürger, das bedeutet auch mehr Steuereinnahmen.

Jörn-Michael Westphal, Geschäftsführer der kommunalen Pro Potsdam (l.), Angela Million, die als Direktorin des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin, Henry Lohmar (Mitte), der stellvertretende Chefredakteur der MAZ, Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD, 2.v.r.) und der Landesvorsitzende des Deutschen Mieterbunds, Rainer Radloff (r.). Quelle: Friedrich Bungert

Klar ist aber: Der Verteilungskampf hat schon längst begonnen. Woher sollen die dringend benötigten Grundstücke kommen? Pro-Potsdam-Geschäftsführer Jörn-Michael Westphal zählte die Potenzialflächen auf, etwa das Ex-Tramdepot an der Heinrich-Mann-Allee. In Drewitz würde sich das ehemalige Kaufhallen-Areal an der Slatan-Dudow-Straße anbieten. Große Hoffungen setzt man auf das neue Krampnitz-Quartier im Norden. Angesichts der Flächenknappheit plädiert Westphal sogar dafür, sich an die heilige Kuh vieler Potsdamer – die Garagenstandplätze – heranzuwagen. Stadtplanerin Angela Million hatte noch kreativere Ansätze im Gepäck. Warum nicht Supermarkt-Filialen mit Wohnraum aufstocken? Handelskonzern Aldi macht es gerade in Berlin vor, wo an 15 Standorten 2000 Wohnungen gebaut werden. Und Lidl baut ebenfalls in Hamburg.

Sorge um das Grün der Stadt

Derzeit treibt viele Menschen die Sorge um das Grün in ihrer Nachbarschaft um. Das wurde auch bei der Saal-Fragerunde mit dem stellvertretenden MAZ-Lokalredaktionsleiter Peter Degener deutlich. Vertreter von Kiez-Initiativen aus der Waldstadt und Babelsberg machten ihrem Ärger Luft. Auch am Humboldtring in Zentrum-Ost gehen die Bürger auf die Barrikaden, weil dort wegen eines Bauprojekts ein Wäldchen zu verschwinden droht. Sogar die Unesco-Beraterorganisation Icomos hat sich eingeschaltet – es droht der Verlust des Welterbe-Titels. Jakobs ließ durchscheinen, wie genervt er von den Welterbehütern ist. „Unangebrachte Überreaktion“, sagte er. Würde man aller Kritik nachgeben, „dann kann man am Ende gar nichts bauen“. Und noch ein heißes Eisen: Das geplante Wohnungsprojekt der Pro Potsdam am Volkspark, bei dem eine Grünfläche bebaut werden soll. Dagegen gibt es Protest. Für den Landesvorsitzenden des Deutschen Mieterbunds, Rainer Radloff, ist hingegen klar: „Manchmal muss man auch Druck aushalten.“

Blick ins Publikum. Quelle: Friedrich Bungert

Blieb noch die generelle Preisfrage: Wohin wird die Reise gehen in der Boom-Stadt Potsdam? Kann es vielleicht – so der Vorschlag einer Dame aus dem Publikum zur Lösung der Verkehrsproblematik – sogar eine unterirdische Straßenbahn geben? Wenn man auf das Finanzpolster der Stadt schaut, ist das eher unwahrscheinlich. Gesetzt ist hingegen die Zukunft von Krampnitz als Öko-Quartier, inklusive Wärme aus dem Erdreich und Versorgung mit Biogas, wie Pro-Potsdam-Chef Westphal skizzierte. Eine immer wiederkehrende Frage: Wie will man den drohenden Verkehrskollaps rund um Krampnitz lösen, das perspektivisch zehntausend Einwohner haben wird? Den Stein der Weisen konnte man allerdings auch an diesem Abend nicht finden.

Agieren statt reagieren

In punkto Stadtentwicklung waren die Gefühle im Saal gemischt. Holger Zschoge vom Bündnis „Stadtmitte für alle“ kritisierte, dass die Stadt „jeden Gestaltungsspielraum“ abgegeben habe: „Es gibt kein kommunales Vorkaufsrecht.“ Anke Oehme von der Bürgerinitiative Fahrland schilderte besorgt die Infrastruktur-Probleme im Ortsteil: Bei 5000 Fahrländer Bürgern gebe es nur einen kleinen Nahversorger, die Kita ist im Container: „Wie geht es in Zukunft so weiter, dass man das Gefühl hat: Sie agieren und reagieren nicht nur?“, sagte Oehme an das Podium gewandt.

Jakobs räumte ein, dass die Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger – etwa bei der Auslegung von Bebauungsplänen – noch besser kommunziert werden müssten. „Mehr Öffentlichkeitsarbeit und mehr Veranstaltungen vor Ort, damit die Bürger sich damit auseinandersetzen können“, kündigte der Rathaus-Chef an.

Von Ildiko Röd

Potsdam OB-Wahlkampfauftakt in Potsdam - Viel Konsens, wenig Zoff

Bis zur Oberbürgermeisterwahl am 23. September sind es noch reichlich drei Monate. Kein Wunder, dass der Wahlkampf noch nicht auf Hochtouren läuft. Dies wurde am Mittwoch auch während der Podiumsdiskussion der Akademie 2.Lebenshälfte deutlich, bei der sich sieben Bewerber den Fragen des Journalisten Oliver Geldener stellten.

16.06.2018

Posaunistin Friederike Ganster (17) aus Potsdam hat beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ den ersten Preis geholt und zählt damit zu den besten Nachwuchsmusikerinnen Deutschlands. Später möchte sie aber Chemikerin werden.

16.06.2018

Bundesweite Strukturvorgaben bringen die Potsdamer Kinderklinik in Zugzwang. Um die gesetzlichen Vorschriften in der Pflege erfüllen zu können, werden junge Patienten jetzt nach der Operation auf den „normalen“ Stationen der diversen Fachbereiche des Ernst-von-Bergmann-Klinikums betreut.

16.06.2018
Anzeige