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Eine WG für Behinderte und Nichtbehinderte

Babelsberger Wohnprojekt Eine WG für Behinderte und Nichtbehinderte

Eine Babelsberger Familie baut zwei Häuser zu einer Hofgemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten. Am Freitag ist Richtfest für das besondere Wohnprojekt in der Stahnsdorfer Straße.

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Mutter Meike Jacobi, Vater Friedrich Thomas und die Söhne Theo (2.v.l.) und Linus. Der 20-Jährige wird in die behindertengerechte WG ziehen.

Quelle: .G.

Babelsberg. Mit 20 von zu Hause ausziehen, auf eigenen Beinen stehen – eigentlich keine große Sache, sondern der Lauf der Welt. Bei Linus ist das etwas anders. Der 20-Jährige ist geistig behindert, vermutlich durch eine Sauerstoffunterversorgung während der Geburt. Er kann nicht lesen und schreiben. Wenn er spricht, verstehen ihn andere schwer. Und trotzdem soll Linus wenigstens annähernd so wohnen können wie andere junge Männer in seinem Alter – selbstständig, ohne Tag und Nacht die Eltern um sich zu haben.

„Wir haben lange gesucht, aber nichts gefunden, wo Linus so leben könnte“, erklärt sein Vater Friedrich Thomas (52). Die Wartelisten für betreutes Wohnen sind lang, ein klassisches Heim kam für die Familie nicht in Frage. Und was, wenn die Eltern sich einmal altersbedingt nicht mehr kümmern können oder nicht mehr leben? Dann soll Linus schon an ein Leben in vertrauter Umgebung, aber außerhalb des Elternhauses gewöhnt sein. Deswegen wurde die Familie selbst aktiv und realisiert in Babelsberg ein Wohnprojekt für Behinderte und Nichtbehinderte. Am Freitag ist Richtfest für den besonderen WG-Bau in der Stahnsdorfer Straße 22.

Beim Gang durch Babelsberg entdeckten Linus’ Eltern das Grundstück, auf dem 1850 das Lokal „Zum Birkenwäldchen“ gebaut wurde. Sie kauften das Areal im Februar 2015, stellten den Bauantrag, begannen zu planen, rissen bis auf einen Wintergarten, der künftig als Gemeinschaftstreff genutzt werden könnte, die alten Gebäude ab. Zwei moderne Häuser mit insgesamt sieben Wohnungen sind im Werden, Ende Juni 2018 sollen sie bezugsfertig sein. Geheizt wird mit Geothermie, eine Photovoltaikanlage sorgt für den Strom. Aufgeteilt werden sollen die teils rollstuhlgerechten Appartements in drei WGs für acht Behinderte. Hinzu kommen vier Wohnungen für „nicht offiziell Behinderte“ wie Friedrich Thomas die vermeintlichen Normalos nennt. Um zum Ausdruck zu bringen, dass eben jeder so seine Eigenheit hat – und man trotzdem als Gemeinschaft zusammenleben kann.

Ambulante Betreuung für ein möglichst selbstständiges Leben

„Hofgemeinschaft am Birkenwäldchen“, kurz „Hobi“, nennt die Familie das Projekt, an dem alle kräftig mitwerkeln, auch Theo, Linus’ jüngerer Bruder. Er wolle seinen großen Bruder nicht loswerden, betont der 16-Jährige, aber dass es für alle gut sei, wenn Linus mehr auf eigenen Beinen stehen könne. Denn konfliktfrei sei das Zusammenleben nicht – wie bei jeder Familie, nur dass bei Familie Thomas besondere Anforderungen an den Alltag gestellt werden. „Wenn etwas nicht genau nach Plan läuft, bekommt Linus richtig schlechte Laune. Er braucht genaue Abläufe, sonst wird er unsicher“, erklärt Theo.

Damit ein geregelter Alltag auch in Zukunft gewährleistet ist, will die Familie mit der Theodor Fliedner Stiftung zusammenarbeiten und über diese eine ambulante Betreuung organisieren, die morgens und abends nach den hilfebedürftigen Bewohnern sieht. Linus arbeitet tagsüber in der Fahrradwerkstatt der Oberlin-Werkstätten auf Hermannswerder, ein Fahrdienst holt ihn ab und bringt ihn zurück. Bei der Aktion Mensch soll zudem ein Förderantrag für einen WG-Koordinator gestellt werden, der die Bewohner anfangs unterstützen und Kontakt zu Nachbarn herstellen kann.

Für die Familie ist das Vorhaben eine enorme finanzielle Last. Rund zwei Millionen Euro inklusive Grundstück kostet der Bau. „Wenn die Zinsen nicht so niedrig wären, könnten wir das nie finanzieren“, sagt Bauherr Friedrich Thomas, der von Beruf Elektroingenieur ist. Seine Frau arbeitet als Naturpädagogin in einem Schulgarten. Über die Mieteinnahmen sollen die Kosten langfristig kompensiert werden. Erste Interessenten gibt es schon: Zwei alleinerziehende Frauen, deren Töchter bald ausziehen, wollen eine WG im Vorderhaus gründen.

Linus selbst will sich mit seinem Auszug noch nicht so richtig befassen. Er hat sich noch keine Wohnung ausgesucht, aber eine Sache, sagt sein Vater, war Linus sehr wichtig: Er wünschte sich für sein neues Zuhause einen Übungskeller, damit er ausgiebig E-Gitarre und Schlagzeug spielen kann.

Von Marion Kaufmann

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