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Eine andere Heimatgeschichte

Annika Scheffel stellte in Potsdam ihren zweiten Roman vor – er handelt von Menschen, die bleiben Eine andere Heimatgeschichte

 Annika Scheffel ist schon 30, das sieht man ihr nicht an; eine leichtfüßige Frau, das lockig-rote Haar am Hinterkopf zum Dutt gebunden, eine Hannoveranerin, die es einst für ein Semester nach Norwegen trieb und die nun in Berlin lebt.

POTSDAM. Ihr Romandebüt „Ben“ wurde vor drei Jahren vom Feuilleton gefeiert. In ihrem neuen Buch, aus dem die junge, neugierige Frau am Mittwoch in der Villa Quandt in Potsdam las, treibt sie etwas Eingestaubtes um, es geht ihr um Heimat.

Heimat ist etwas, das ihre Generation zu vergessen gelernt hat. Die Krise des Sozialstaates hat Berufseinsteigern die Mobilität gelehrt, und nun kommt Annika Scheffel und erzählt die Geschichte derer, die bleiben: „Bevor alles verschwindet“, heißt das Buch. Ein namenloser Ort irgendwo in der Provinz, er könnte genauso gut im Harz wie in der Lausitz liegen, soll einem Stausee samt Naherholungsgebiet weichen, das ist längst beschlossene Sache. Doch die Hundert, die noch nicht gegangen sind, trifft es überraschend, als eines Tages zwei Herren , dunkelblau uniformiert, aus dem schwarz lackierten Auto mit fremdem Kennzeichen steigen, um zu sagen, dass es losgeht.

Die Suhrkamp-Autorin seziert ein Dorf, in dem jeder alles weiß. Da ist Bürgermeister „Wacho“, der keine Frau mehr, dafür den Alkohol, also „ein Problem mit dem Optimismus“ hat. Er schlägt seinen Sohn und rast wie wild um den Hauptplatz, wenn er „punschtrunken“ ist.

Da ist Mona, sie wartet seit 50 Jahren auf die Männer und das Leben. Da sind die Geschwister Jules und Jula, beide 18, aber im Dorf sind sie noch immer „der Junge und das Mädchen“.

„Ich glaube nicht an langweilige Menschen“, sagt Annika Scheffel, sie zeichnet ihre Charaktere fein und in überraschender Sprache, es sind keine stereotypen Figuren. Sie alle gehen unterschiedlich mit ihrem Schicksal um, plötzlich müssen sie sich damit auseinandersetzen. Wirklichkeit und Traumwelt verschwimmen ineinander. „Kurz bevor nichts mehr möglich ist, ist plötzlich alles möglich“, sagt die Autorin. „Ich schaffe einen Ort und lasse ihn untergehen.“

Ihr Roman ist morbide und bejahend zugleich, voller Abgründe und Sehnsüchte. Ein Stück Heimat. (Von Bastian Pauly)

Annika Scheffel: Bevor alles verschwindet. Suhrkamp, 411 Seiten, 19,95 Euro.

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