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„Eine mythische Kraft“

Historiker Martin Sabrow analysiert die symbolpolitische Bedeutung, die der „Tag von Potsdam“ hatte „Eine mythische Kraft“

Der 21. März 1933 – Ausdruck einer rauschhaften Euphorie der deutschen Mehrheitsbevölkerung, sagt Martin Sabrow (Foto: Hübner), Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) am Neuen Markt.

Welche Bedeutung hatte der „Tag von Potsdam“ für den weiteren Verlauf der NS-Herrschaft?

Martin Sabrow: Verfassungsrechtlich spielte der Potsdamer Staatsakt eine völlig untergeordnete Rolle. Wichtiger war der politische Impuls, der von dem gemeinsamen Auftritt Hindenburgs und Hitlers in der Garnisonkirche ausging. Hitlers maßvolle Rede in der Garnisonkirche löste die letzten Vorbehalte auf, die der Reichspräsident gegenüber seinem Reichskanzler noch hatte. Er stärkte Hindenburgs Willen, sich aus der aktiven Politik soweit als möglich zurückzuziehen und Hitler alle gewünschten Vollmachten zuzugestehen. Der Staatsakt vom 21. März half insofern, dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März den Weg zu bahnen.

Welche Symbolkraft hatte die Inszenierung?

Sabrow: Die entscheidende Bedeutung der Potsdamer Veranstaltung ist die symbolpolitische. Obwohl der „Tag von Potsdam“ keineswegs so berechnend und zielbewusst in Szene gesetzt wurde, wie dies schon Goebbels suggerierte und bis heute gern geglaubt wird, gewann er in Ablauf und Erinnerung eine mythische Kraft, die ihn für viele Zeitgenossen zu einer lebenslang erinnerten Zäsur machte.

Wie kam es dazu?

Sabrow: Mit dem „Tag von Potsdam“ schien für sie das Ende des „Weimarer Alptraums“ ausgerufen und eine neue Verbindung von Tradition und Moderne gestiftet, die in der Propagandaformel von alter Größe und neuer Stärke des Reichs ihren Ausdruck fand. Es war die begeisterte Mitmachbereitschaft, die den Potsdamer Staatsakt zu einem historischen Augenblick machte. Die tiefste Bedeutung des Tags liegt in der rauschhaften Euphorie einer deutschen Mehrheitsbevölkerung: Mit begeisterter Zustimmung reagierte sie auf die symbolisch aufgeladene Ausrufung einer mit sich und ihrer stolzen Vergangenheit einigen Volksgemeinschaft.

Warum wurde die Garnisonkirche als zentraler Veranstaltungsort gewählt?

Sabrow: Die Wahl war weniger gezielt, als gemeinhin angenommen. Sie ging auf den Brandanschlag vom Abend des 27. Februar 1933 zurück, der den Berliner Reichstag in eine rauchgeschwärzte Ruine verwandelt hatte. Da Hitler sich angesichts der der KPD zugeschriebenen Brandstiftung ein noch besseres Wahlergebnis erwartete, drängte er in der ersten Kabinettssitzung nach dem Reichstagsbrand darauf, den am darauffolgenden Sonntag zu wählenden Reichstag zur Eröffnungssitzung nach Potsdam in das Stadtschloss einzuberufen. Die Sondierungen bei der Potsdamer Schlösserverwaltung blieben aber unergiebig, weil weder das Schloss noch ein anderer preußischer Repräsentativbau 600 Abgeordneten Platz bot. Da verfiel ein Potsdamer Obermagistratsrat auf die kühne Idee, die Garnisonkirche als Ort der Reichstagseröffnung vorzuschlagen. Hitler erklärte sich wohl zur Verblüffung seines Vizekanzlers Papen einverstanden.

Welche Rolle haben die evangelische und katholische Kirche gespielt?

Sabrow: Bei der Auswahl spielten beide Kirchen keine Rolle. Aber die evangelische Kirche protestierte über ihren kurmärkischen Generalsuperintendenten Otto Dibelius sofort nach Bekanntwerden der Entscheidung beim Reichspräsidenten gegen die aus ihrer Sicht missbräuchliche Nutzung eines Gotteshauses für eine politische Veranstaltung. Tatsächlich setzte sich die Kirche mit ihrer Verweigerungshaltung weitgehend durch: Am Ende wurde die Reichstagseröffnung in einem mühsam ausgehandelten Kompromiss in zwei Teile aufgespalten, so dass in Potsdam ein zeremonieller Staatsakt stattfand und der politische Teil der Reichstagseröffnung in Berlin.

Wie hat sich die katholische Kirche verhalten?

Sabrow: Ein Konflikt ergab sich auch mit ihr. Überraschend nämlich blieben Hitler und Goebbels am Morgen des 21. März einem Gottesdienst für die neu gewählten Reichstagsabgeordneten in der katholischen Stadtpfarrkirche fern, um den Gräbern im Straßenkampf zu Tode gekommener SA-Männer in Berlin einen Besuch abzustatten. Zur Bemäntelung erschien tags darauf eine amtliche Erklärung, aus der hervorging, dass Hitler sich angesichts einer angeblichen Sakramentsverweigerung für nationalsozialistische Parteimitglieder „zu seinem Leidwesen“ nicht in der Lage gesehen habe, am katholischen Gottesdienst teilzunehmen. (epd/MAZ)

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