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Potsdam Eine neue Mitte für den Schlaatz
Lokales Potsdam Eine neue Mitte für den Schlaatz
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15:43 14.10.2017
Der Kiezbunt-Plan sieht ein neues Stadteilzentrum am Südrand des Schlaatz (rosa) und eine Erweiterung der Wohnbebauung auf Kleingartenland (braun) im Westen vor. Quelle: Rainer Schüler
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Schlaatz

Der Schlaatz ist tot; es lebe der Schlaatz – so ließe sich die Visionen-Werkstatt zur Runderneuerung des Neubaustadtteils beschreiben, bei der in den vergangenen vier Tagen kühne Ideen entwickelt wurden. So hegt die eigens zum Workshop gegründete heimische Planungsgruppe „Kiezbunt“ keine Hoffnung, das bislang eher reglose Stadtteilzentrum am Schilfhof als Zentrum wiederbeleben zu können. Sie würde es aufgeben und ein neues Zentrum rings um die Tram-Haltestelle Magnus-Zeller-Platz schaffen. Zentraler Teil soll ein Neubau sein, der ein Ärztehaus und einen Nahversorger aufnimmt, obwohl es schon zwei Rewe-Märkte gibt im Stadtteil. Der Magnus-Zeller-Platz liegt zwar am Südrand des Schlaatz, aber auch dicht an der alten und der neuen Waldstadt sowie an der Süd-Nord-Achse zwischen Waldstadt und Babelsberg. Die Gruppe möchte nun einige bislang dreiseitige Wohnquartiere zum Geviert schließen, um neuen Wohnraum zu schaffen. Während sich das Team damit durchaus Freunde machen könnte, dürfte seine Idee einer Westausdehnung des Schlaatz über die Straße An der Alten Zauche hinweg auf Kleingartenland für heftigen Widerstand sorgen, sollte die Potsdamer Wohnungswirtschaft als Initiator der Werkstatt dies in Betracht ziehen.

Finanziell illusorisch erscheint zudem die Kiezbunt-Vorstellung, die völlig begradigte Nuthe wieder im früheren Zickzack durch einen weitläufigen Nuthepark fließen zu lassen. Zwei Brücken sollen eine Fußwegverbindung durch die weitestgehend gesperrten Nuthewiesen nach Babelsberg schaffen. Der Trinker-Szene vom Schilfhof will man einen eigenen Freiraum schaffen, um die alte Kiezmitte kulturell fortzunutzen.

Eine Internationale Schlaatz-Ausstellung ISA 2030 schwebt dem Team BAO (Besondere Aufgaben Organisation) vor. Unter dem Slogan „Gut, besser, Schlaatz!“ will die Gruppe den Stadtteil als autofreie Insel betonen, die allein lebensfähig ist, indem sie Solarstrom und Lebensmittel auf den Dächern erzeugt. Auch diese Gruppe will neuen Wohnraum durch Lückenschlüsse und einen Nuthepark schaffen. Die Innenhöfe sollen Rückzugsräume für Mieter und Gemeinschaftsgärten bieten. Schlaatz-Rangers überblicken alles, was im Kiez passiert ; ein Schlaatz-Rat steuert die Projekte. Vertreter der Wohnungswirtschaft bezweifeln allerdings, dass Autofreiheit machbar ist.

Dass man den „grünen Schlaatz noch grüner machen“ kann, glaubt die Gruppe „Tinyhouse University“, die sich der Schaffung kleiner Räume verschrieben hat. Sie möchte „Hochregale“ mit Terrassen und Wintergärten vor die Häuser stellen, die Beleuchtung im Kiez verbessern und einen Mondschein-Boulevard vom Magnus-Zeller-Platz über den Schilfhof zu einer Nuthe-Uferpromenade einrichten.

Kleinst.Gewerberäume von maximal zehn Quadratmetern sollen mit sehr niedrigen Startmieten Schlaatzer locken, sich selbständig zu machen mit bislang ungenutzten Fähigkeiten vom Nachhilfeunterricht bis zum Nagelstudio.

Auch das Büro Drees & Sommer will verdichten, durch Lückenschlüsse, aber vor allem durch Aufstockung in Leichtbauweise. So können größere Wohnungen entstehen, denn die Schlaatzer Grundrisse sind zu klein für Familien und Wohngemeinschaften.

Fakten zum Schlaatz

Das Neubaugebiet Am Schlaatz steht für die letzte Phase des industriellen Wohnungsbaus in der DDR und entstand zwischen 1980 und 1987. In dem rund 76 Hektar großem Gebiet leben etwa 10 000 Menschen.

Am Schlaatz wurden 5500 Wohnungen gebaut; 85 Prozent gehören den vier Wohnungsunternehmen, die zur Ideenwerkstatt eingeladen hatten.

Die durchschnittliche Schlaatzer Nettokaltmiete liegt bei diesen Unternehmen bei 5,02 Euro je Quadratmeter. Die Spanne reicht von 4,02 bis 7,95 Euro. Der Schlaatz ruft damit stadtweit die günstigsten Mieten auf.

Die Bewohnerschaft am Schlaatz wächst seit Jahren beständig. Vor allem junge Familien ziehen hierher. So gehört der Schlaatz zu den kinderreichsten Neubaugebieten; es werden mehr Kinder geboren als Menschen sterben. Gemessen am Durchschnittsalter ist der Schlaatz der „jüngste“ Stadtteil Potsdams.

Fast Zwei Drittel der Haushalte sind Single-Haushalte. Dieser Anteil ist stadtweit der höchste.

Der Schlaatz weist im Vergleich zu allen anderen Wohngebieten der Stadt mit fast 20 Prozent den höchsten Anteil an Ausländern auf; doch gelebt wird die Vielfalt im Stadtteil bisher kaum. Verstärkt wurde die Konzentration an Ausländern im Zuge der Flüchtlingskrise 2015/2016.

Stadtweit verzeichnet der Schlaatz die höchste Arbeitslosigkeit; mehr als jeder 4. Schlaatzer bezieht staatliche Hilfe.

Trotz der wachsenden Einwohnerzahl gibt es eine anhaltend hohe Fluktuation der Bevölkerung im Stadtteil. Für viele Haushalte ist der Schlaatz nut eine „Durchgangsstation“. Die hohe Fluktuation und die damit ständig wechselnden Nachbarn sowie kulturelle und sprachliche Barrieren behindern die Entstehung funktionierender Nachbarschaften.

Die Innen- und Außenwahrnehmung des Schlaatzes ist seit Jahren eines der größten Probleme. Insbesondere in der Außenwahrnehmung schneidet der Schlaatz schlecht ab. Das ergeben immer wieder auch die von der ProPotsdam durchgeführten Mieterbefragungen. Wohnungssuchende – und mag die Not auch noch so groß sein – wollen überall hin, nur nicht an den Schlaatz.

Der Schlaatz ist hinsichtlich seiner Freiraumgestaltung sehr vielseitig und weist einen hohen Grünanteil auf. Zu nennen sind hier insbesondere die großen, fast ausschließlich begrünten Wohnhöfe, die sogenannte „Schlaatzer Welle“ als innere Erschließung für den Fußgänger- und Radverkehr sowie die an das Gebiet angrenzenden Nuthewiesen.

Die Freiräume könnten aber viel besser genutzt werden, insbesondere die Höfe und die Übergänge in die unmittelbare Umgebung.

Klein-Gewerbe soll ins Erdgeschoss der Häuser einziehen, „Food-Marktes“ etwa, die landestypische Gerichte aus den angeblich über 80 Nationen anbieten, die im Schlaatz vertreten sind. Mit Parkpaletten will man dafür sorgen, dass die endlosen Straßenrand-Parkplätze verschwinden und wieder Freiräume entstehen, die man begrünen kann.

Photovoltaik auf den Dächern könnte ein Drittel des Strombedarfes im Kiez decken, glauben die D & S-Planer. Die triste Mitte des Viertels könne man mit Fitnessangeboten, einer Schau-Brauerei und anderen Inhalten aufwerten. Parkpaletten sind auch für Drees & Sommer ein Muss, ein führerloser Elektrobus ist ihr bevorzugtes Nahverkehrsmittel im Schlaatz. Diese Buslinie und Radwege will man über die Nuthe hinweg nach Babelsberg führen. Die Beleuchtung muss überall im Stadtteil verbessert werden; die Kanten der Hochhäuser könnten Leuchtbänder bekommen und signalisieren: „Seht her! Wir sind der Schlaatz!“

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Der Schlaatz gilt als Problemviertel, an dem seit vielen Jahren herumverbessert wird. Der große Wurf zu einer Neuausrichtung und Verbessrung der Lebensverhältnisse ist bislang ausgeblieben. Vier junge Planungsteams halten das Plattenbauviertel aber für viel besser als seinen Ruf und stellen teils radikale Problemlösungen vor.

Auch wenn sich zur Ideenpräsenation am Donnerstagabend nur etwa ein Dutzend Schlaatzer Bürger einer „Übermacht“ von Verwaltungsmitarbeitern, Vertretern der Wohnungswirtschaft und Planern gegenüber sah, zeigten die wenigen Wortmeldungen volle Zustimmung zu dem Betreben der Ideengeber, den Stadtteil aufzuwerten. Petra Sell etwa, seit 1983 im Kiez und hier verwurzelt, zollte den jungen Leuten „Respekt für die schönen Visionen“, forderte von der Politik und der Wohnungswirtschaft aber auch, diesmal die Bürger in die Planungen mit einzubeziehen. Das sei 2010 anders gewesen, als man eine Seniorengruppe zur Teilhabe gründete, „aber am Mitmachen gehindert“ wurde und die Gruppe wieder auflöste.

Von Rainer Schüler

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