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Einmal Hermannswerder und zurück

Zu Hause in der... Templiner Vorstadt Einmal Hermannswerder und zurück

Peter Hohmann ist der Mann zwischen den Ufern. Der 60-Jährige steuert die Fähre, die Hermannswerder und das Festland verbindet. Als er vor 16 Jahren von Bord eines Berliner Ausflugsdampfers ging und in Potsdam anheuerte, befürchtete er, dass es eintönig werden könnte auf so der 200-Meter-Passage. Wird es aber nicht. Die MAZ hat sich davon überzeugt.

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Seit 16 Jahren holt Peter Hohmann zwischen Kiewitt und Hermannswerder über.

Quelle: Friedrich Bungert

Templiner Vorstadt. Das ewige Hin und Her liegt Peter Hohmann. Der 60-Jährige ist der Mann zwischen den Ufern – er steuert die Fähre, die das Festland mit Hermannswerder verbindet. Aber Achtung: Er ist kein Kapitän! „Wir sind hier ja nicht auf hoher See“, sagt Peter Hohmann. „Lass die Havel hier 200 Meter breit und 2,50 tief sein.“ Ein wildes Wasser sieht anders aus.

An jedem Tag der Woche setzt die Seilfähre über. Die erste Fahrt geht um 7.03 Uhr ab Kiewitt, die letzte um 18.21 Uhr ab Hermannswerder. „Wir fahren alle 15 Minuten“, so Hohmann. Er ist fast immer pünktlich – nur am Wochenende, wenn besonders viel los ist auf dem Wasser, sei es schwierig, den Takt zu halten. Flöße, Segler, Dampfer, Stand-Up-Paddler: „Dann ist schon Stress hier“.

Schön ruhig ist die Überfahrt in diesen Tagen. Wer an Bord geht, hat reichlich Platz – noch. Am Montag beginnt nach sechs Wochen Sommerferien das neue Schuljahr. Dann strömen wieder Jungen und Mädchen im albernsten, im coolsten, im patzigsten Teenie-Alter nach Hermannswerder. Jungen und Mädchen im ganz normalen Wahnsinn des Erwachsenwerdens, die mit ihren Rädern den kleinen Fährberg herab- und durch die Sitzreihen hindurch direkt unter Deck stürzen. Wehe, wenn sie losgelassen! Dann müssen der Fährmann und die übrigen Passagiere schon mal tief durchatmen und sich still sagen, dass sie es vor 45, vor 50, vor 60 Jahren doch auch nicht anders gemacht hätten.

Nur zweieinhalb Minuten braucht die Seilfähre für ihre Passage

Nur zweieinhalb Minuten braucht die Seilfähre für ihre Passage.

Quelle: Friedrich Bungert

Selbst Günter, der sein Rad bedächtig in den Bauch der Fähre schiebt, gibt das zu. Günter ist hier Stammgast. Seinen Nachnamen möchte der 79-Jährige lieber nicht verraten, dennoch ist er zum Plaudern aufgelegt. So eine Seefahrt macht irgendwie auch lustig „und ist die schönste Art, durch die Stadt zu kommen“, sagt Günter. Manchmal ist es auch die aufregendste. Günter war nämlich schon mal dabei, als sich ein Motorboot in den Seilen der Fähre verfangen hatte. „Das kommt ja immer wieder vor“, sagt er, „bestimmt drei, vier Mal im Jahr“. Seit 40 Jahren beackert Günter in der Kleingartensparte „Waldwiese“ eine 400-Quadratmeter-Scholle. „Bohnen, Kartoffeln, Tomaten... Das ist schon alles abgeerntet. Jetzt kommen noch die Äpfel.“ Um sein kleines Paradies zwischen Templiner Straße und Deutschem Wetterdienst zu erreichen, nehmen Günter und sein Rad seit eh und je die Fähre – und zwar täglich. „Es ist viel zu tun im Garten. Auch im Winter – da muss man schauen, ob alles in Ordnung ist.“ Zweieinhalb Minuten dauert die Passage von einem Ufer zum anderen. Für ausführliche Gartentipps ist leider keine Zeit. Günter verabschiedet sich und schiebt mit seinem Rad davon. Treue Passagiere wie er haben eine Jahreskarte. Gelegenheitsfahrer zahlen 1,40 Euro pro Tour. Das Fahrrad darf gratis mit. Für Mopeds hingegen ist die Fähre tabu. „Es sei denn, das Moped hat einen Elektromotor“, sagt Peter Hohmann. „Hier kommt nix drauf, was einen Tank hat.“

Seit 16 Jahren schippert Peter Hohmann nun schon auf der F1 vom einen Ufer zum anderen. Er kennt wohl jeden, der auf Hermannswerder wohnt, lernt oder arbeitet. Mit den meisten ist er per Du, mit den Berufsschiffern, die sich per Funk bei ihm anmelden, sowieso. „Morgen Jürgen! Fährst gern die Runde, wenn ich hier bin, wa?“, feixt er ins Mikrofon. Für die MS „Stadt Potsdam“ legt er dennoch einen Augenblick später ab als geplant. So kann das Salonschiff ohne den Schub zu mindern, passieren – und ein Pendler bekommt doch noch die verpasst geglaubte Fähre. Hohmann winkt ihn heran.

Der gelernte Schienenfahrzeugschlosser heuerte in den 80ern in der Binnenschifffahrt an

Der gelernte Schienenfahrzeugschlosser heuerte in den 80ern in der Binnenschifffahrt an.

Quelle: Friedrich Bungert

Der gelernte Schienenfahrzeugschlosser hat in den 80ern zuerst zum Matrosen der Binnenschifffahrt umgeschult und dann bei der Weißen Flotte noch das Schiffsführerpatent draufgesetzt. Nach der Wende heuerte er in einer Privatreederei im Westen Berlins an. „Da gab es damals besseres Geld“, sagt Peter Hohmann. Bis zur Jahrtausendwende steuerte er Ausflugsdampfer von Spandau über Tegel raus auf den Lehnitzsee bei Oranienburg und zurück. Tanzfahrten, Mondscheinfahrten, Hochzeitsgesellschaften. „Im Sommer gab’s keinen Tag frei, das Wochenende existierte nicht – oft hab ich auf dem Schiff übernachtet“, erzählt Hohmann. „Das war mir irgendwann nix mehr.“ Sicher, der Wechsel auf die Fähre, die in vorgeschriebener Bahn tuckert, „das war ’ne mächtige Umgewöhnung. In den ersten zwei, drei Wochen hab ich befürchtet, dass es eintönig wird“, sagt Hohmann und macht eine Kunstpause. „Wird’s aber nicht. Ich will den Beruf nicht tauschen. Auf dem Wasser ist man irgendwie frei.“

Ein Unikat

Die Seilfähre verkehrt auf der Linie F1 und gehört zum Potsdamer Verkehrsbetrieb Vip. Sie wurde im Mai 1984 im VEB Schiffsreparaturwerft Berlin, Werft Genthin, speziell für den Einsatz in Potsdam gebaut. Sie ist kein Serienmodell.

Alle fünf Jahre muss die Fähre zur Schiffsuntersuchung, die in Fachkreisen „Erneuerung des Fährzeugnisses“ heißt. Dann wird die Fähre zu einer Werft überführt, aus dem Wasser genommen und ihr technischer Zustand komplett untersucht. Am Ende steht die Abnahme durch die zuständige Schiffsuntersuchungskommission und die Ausstellung des neues Fährzeugnisses. Die Fährmänner arbeiten währenddessen in der Tramwerkstatt. Die Ausschreibung für die nächste Schiffsuntersuchung läuft gerade. Die Fähre soll Ende 2016/Anfang 2017 ins Dock.

In der nächsten Umgebung ist die Fähre in guter Gesellschaft, so setzen auch in Caputh (Tussy II), Ketzin (Charlotte) und zur Pfaueninsel Seilfähren über. nf

Von Nadine Fabian

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