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Einziger Fehler: Nicht zu Ende gebaut

Potsdam Kirchsteigfeld Einziger Fehler: Nicht zu Ende gebaut

Er ist noch immer stolz auf sein „Baby“: Für den Städteplaner und Architekten Christoph Kohl war das Kirchsteigfeld in den 1990er Jahren sein Gesellenstück. Jetzt ist er international gefragt. Doch wenn der Kirchturm dort läutet, wird er noch immer emotional. Was Kohl nach 20 Jahren noch immer gefällt und was ihn schockiert, verriet er der MAZ.

Kirchsteigfeld, Potsdam 52.363585 13.1354182
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Das Läuten der Kirchturmglocke beschert dem Stadtplaner Christoph Kohl immer noch „emotionale Momente“.

Quelle: Friedrich Bungert

Kirchsteigfeld. Wer annimmt, dass Kinder mit 19, 20 Jahren aus dem Gröbsten heraus sind, hatte entweder Glück oder gar keine Kinder. Christoph Kohls einstiges Baby, das Kirchsteigfeld, hat sich zwar im 20. Lebensjahr schon recht reif gezeigt, ist aber immer noch für eine Überraschung des Stadtplaners gut. Wirkt Kohl zu Beginn eines kleinen Spaziergangs durch sein Viertel bei schönster Septembersonne noch stolz und angetan, so fährt ihm ein sichtbarer Schreck in die Glieder, als er sieht, dass der Kaiser’s am zentralen Platz ausgezogen ist. Ein „Trostlos!“ entfährt ihm, ein „Schade!“ und ein „Ich glaube es nicht, dass sich das nicht lohnen soll“. Noch kurz darauf, beim Kaffee vor dem Asia-Imbiss gegenüber der Kirche, zeigt sich der inzwischen international renommierte und gefragte Stadtplaner noch immer „geschockt“ und „verständnislos“: „Wenn die Stadt einer neuen Siedlung Nachhaltigkeit zugestehen will, muss sie auch stadtplanerisch erzwingen, dass solch ein Ankermieter bleibt.“ Notfalls müssten Erdgeschosse subventioniert oder sehr günstig vermietet werden. „Supermärkte, Künstler, Subkulturkneipen“ brauche ein Viertel, um von den Kindesbeinen in ein erwachsenes Stadium zu gelangen, dafür müsse die Stadt und müssten die Vermieter sorgen – „sonst verkommt es zur Schlafstadt“. Eine alte Immobilienregel besage, dass „Mietenrentabilität“ im ersten Stock beginne, soziale Rentabilität indes im Erdgeschoss. Deshalb freut sich Christoph Kohl über eine Tagespflegeeinrichtung an einer Platzkante und ärgert sich über den Mangel an Kaufläden, Künstlern und Kiezkneipen.

Kohl ist mittlerweile 55 Jahre alt, das Kirchsteigfeld entwickelte er zusammen mit Rob Krier in den Jahren 1991 bis 1997. Es sollte sein Sprungbrett zu einer internationalen Stadtplanerkarriere werden, noch heute ist er im Schnitt viermal im Jahr hier, für Führungen, Interviews, Begehungen. „Es ist mein Gesellenstück, und ich bin noch immer stolz darauf“, sagt er, und es klingt nicht einmal überheblich. „So ein erstes Projekt bleibt eben besonders im Gedächtnis“, sagt Kohl fast entschuldigend und nimmt die Sonnenbrille ab: „Auf die Kirche bin ich besonders stolz, wenn ich hier bin und die Glocke schlägt, ist das immer ein emotionaler Moment.“

Die Entwicklung des Kirchsteigfelds über einen Masterplan hält Christoph Kohl rückblickend für „sehr glücklich“. So konnten eine städtebauliche Figur verwirklicht und über die Vergabe an sehr viele Architekturbüros wiederum für Vielfalt gesorgt werden. Seither hat sich Kohl auch auf solche Masterpläne spezialisiert, er belebt Bebauungspläne, macht Gestaltungssatzungen und bebaut auch einzelne Grundstücke selbst. Die meisten Kohlschen Projekte – Rob Krier zog sich nach der Finanzkrise in den Ruhestand zurück – stehen oder entstehen seither in den Niederlanden. „Das war nicht so geplant, hat sich aber so ergeben, als die Fachpresse voll des Lobes über das Kirchsteigfeld war“, erinnert sich der Stadtplaner. Sehr viele holländische Gemeinden sandten ihre Bauexperten und Bürgermeister nach Potsdam, ließen sich führen und beauftragten dann Christoph Kohl mit ihren Projekten – etwa das Viertel, „Leidsche Rijn“, ein riesiges, seit 20 Jahren laufendes Projekt in Utrecht.

Christoph Kohl

Christoph Kohl

Quelle: Jeroen Dietz

Auch in Potsdam hinterließen Kohl und Krier weitere Spuren: Im Medienzentrum Babelsberg, beim „Alten Rad“ in Eiche und in der mittleren Speicherstadt. Am meisten bedauert der Chefplaner des Kirchsteigfelds an seinem Projekt, „dass es Fragment geblieben ist“. Auf der Brache bis zur A 115 wollte er kleinteiliges Gewerbe ansiedeln, mit Platz für 5000 Arbeitsplätze. Auch das hätte dem Charakter einer Schlafstadt entgegenwirken können und sollen, sagt er. Das Projekt sei nachhaltig genug angelegt, um jederzeit zu Ende gebaut zu werden, ist Kohl überzeugt, zumal mit dem Autobahnanschluss Potsdam-Drewitz jetzt eine ganz andere Erschließungssituation herrsche. „Der Rest kommt ganz sicher noch, ich hoffe nur, ich darf dann wieder mitreden“, sagt Kohl mit einem Große-Jungen-Lächeln. Zum Streit über die Brache will sich der gebürtige Südtiroler gar nicht länger äußern. Er könnte sich auch Wohnungsbau dort vorstellen, denn im Kirchsteigfeld „ist zu wenig los“: „Je mehr Menschen hier leben, desto besser sind die Chancen auf ein lebendiges Stadtviertel“. Obgleich er nur Briefe von überzeugten Bewohnern bekomme, werde die „Veralterung der Gesellschaft“ sichtbar. Den Gebäuden indes sehe man ihr Alter kaum an – um Weihnachten wird das Kirchsteigfeld 20 Jahre alt – sie seien „gut in Schuss“ , die Farben „stimmen noch“ und „die gestaltete Natur macht enorm was her“. Zum Abschied sagt Christoph Kohl noch, alles in allem wisse er „aber auch nach 20 Jahren nicht, was man hier noch hätte verbessern können“. Das klingt dann doch nach stolzem Vater.

Dann setzt er seinen Helm auf, steigt auf sein Motorrad und fährt zurück nach Berlin.

Das Kirchsteigfeld in Zahlen und Fakten

Das Kirchsteigfeld umfasst eine Fläche von fast 59 Hektar im Südosten Potsdams.

3,3 Hektar sind für öffentliches Grün verplant worden, 11,2 Hektar für Straßen, Wege und Plätze und mehr als 20 Hektar für das Wohngebiet.

Das angrenzende, aber dazugehörige Gewerbegebiet, das noch nicht entwickelt ist, misst weitere 13 Hektar.

Ursprünglich vorgesehen waren zwei Schulen, zwei Kindertagesstätten, ein Hort und eine Jugendfreizeitstätte sowie Sportflächen an den Schulen.

Im geförderten Wohnungsbau sollten 2031 Wohnungen in 172 Häusern entstehen – insgesamt 14 Hektar Wohnfläche.

Im frei finanzierten Wohnungsbau waren 4,7 Hektar Wohnfläche in 77 Häusern mit insgesamt 734 Wohnungen vorgesehen.

Ein Großteil dieser Wohnungen wurden auch gebaut und bezogen. Nennenswerten Leerstand gibt es im Kirchsteigfeld nicht.

Für das Ortszentrum hatten Krier und Kohl einen Supermarkt, einen Discounter mit Getränkemarkt, 16 weitere Läden, eine Apotheke sowie ein Restaurant, ein Café und ein Bistro geplant.

Darüber hinaus waren Räume für Arztpraxen, ein Schulungszentrum, eine Musikschule und einen Stadtteilladen im Plan vorgesehen. Sie sind nur zum Teil umgesetzt worden.

Von Jan Bosschaart

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