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Beistand aus dem Internet für Elias’ Familie

Prozessauftakt gegen Silvio S. in Potsdam Beistand aus dem Internet für Elias’ Familie

Plattformen wie Facebook spielten bei der Suche nach Elias eine wichtige Rolle. Auch zum Prozessauftakt war die Unterstützung für die Familie des getöteten Jungen im Internet groß. Einige Freiwillige, die bei der Suche nach Elias geholfen hatten, kamen am Dienstag persönlich zum Potsdamer Landgericht.

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Freiwillige Helfer bei der Suche nach Elias 2015.

Quelle: dpa

Potsdam. Wieder wird Facebook zum wichtigen Medium für Elias’ Familie. Waren es anfangs die verzweifelten Suchaufrufe nach dem Verschwinden des sechsjährigen Jungen aus Potsdam, war das soziale Netzwerk nach der Gewissheit über seinen gewaltsamen Tod Trauerplattform. Nun ist es ein Unterstützungsportal für die Betroffenen, die seit Dienstag den Gerichtsprozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Elias und Mohamed, Silvio S., durchstehen müssen.

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„Ich wünsche allen Beteiligten, vor allen Dingen aber der Mama, von Herzen ganz viel Kraft für die nächsten noch einmal sehr schweren Wochen“, schreibt eine Nutzerin. „Viele Menschen werden an diesem Tag und auch die weiteren Gerichtstage in Gedanken bei euch sein“, schreibt eine andere. „Elias, kleiner Stern – unvergessen“ heißt die von der Familie autorisierte Seite, die fast 13000 Freunde hat. Aus der Such- ist eine Gedenkseite geworden. Darauf ein Foto aus glücklichen Tagen: Mama Anita (26), wie sie ihren Elias auf die Wange küsst. Auch die Beerdigung von Elias am 16. November 2015 im engsten Familienkreis wird hinterher über die Seite publik gemacht.

Suchaufrufe wurden über Facebook verbreitet

Anfangs ruhten die Hoffnungen von Elias Familie, seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten, auch auf Facebook. Die Gruppe mit dem Titel „Suche Elias“ hatte binnen kurzer Zeit mehr als 10000 Mitglieder. Tausende teilten die Suchaufrufe, zahlreiche Helfer kamen persönlich zum Bürgerhaus im Stadtteil Schlaatz, um bei der Suche nach dem Erstklässler zu helfen. Das ging nicht immer glatt. Weder auf den sozialen Netzwerken, noch ganz real an Ort und Stelle. Die Facebook-Seite wird auch zum Tummelplatz für wilde Gerüchte und Spekulationen. Mal geht es um ominöse Transporter und Leute, die jemand in der Nähe gesehen haben will, dann wieder werden die Familienverhältnisse von Elias öffentlich zeziert.

Zwischenzeitlich zerstreiten sich auch die Helfer. Neben dem offiziellen Freiwilligenstützpunkt, der von der Potsdamerin Gabi Franz organisiert wird, bildet sich ein zweites Grüppchen, das auf eigene Faust lossuchen möchte. Auch ein falsches Flugblatt – mit Angabe einer unrichtigen Polizeinummer – ist kurzzeitig im Umlauf. Die Polizei bedankt sich dennoch bei den vielen Helfern, betont, jedes Stück trotzdem auch selbst abzusuchen und Hinweise auch auf Facebook ernstzunehmen. Wenngleich die Soko „Schlaatz“ kaum hinterherkommt, die Hinweisflut abzuarbeiten.

Die Soko „Schlaatz“

60 Polizisten kümmerten sich in der Soko „Schlaatz“ um die Suche nach Elias, der in dem Potsdamer Stadtteil am 8. Juli 2015 vom Hof seines Wohnhauses spurlos verschwand.

Täglich suchten in der Anfangszeit mehr als 150 Beamte nach dem Jungen. Sämtliche Stellen, die die freiwilligen Helfer abgesucht hatten, durchforstete die Polizei nochmals. Auch Helfer der Bundeswehr und des Technischen Hilfswerks waren dabei.

Die Polizei ließ sogar die Nuthe ausbaggern und absenken, weil vermutet wurde, Elias könne beim Spielen in den kleinen Fluss gefallen sein. Spürhunde hatten zuvor an der Nuthe angeschlagen.

Nicht nur Wälder und Wiesen rund um den Schlaatz wurden abgesucht, die Polizei untersuchte auch unterirdische Kanalschächte. In den ersten zehn Tagen gingen rund 650 Hinweise ein.

Die Stadt unterschätzte die sozialen Medien

Die Dynamik des Internets unterschätzte auch die Stadt, wie Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) später in einem MAZ-Interview einräumte. Der Stadtverwaltung wurde vorgeworfen, sich bei der Suche nach Elias nicht genügend eingeschaltet zu haben. Man habe die Helfer nach Kräften unterstützt, „aber wir haben die Dynamik der sozialen Medien unterschätzt“, so Jakobs. „Wie sich die Freiwilligenarbeit zum Beispiel über Facebook entwickelt hat, das haben wir nicht abgesehen. Da hat es manchmal bei der Koordinierung gehakt, ja.“

Doch es ist nicht nur die praktische Unterstützung, die Elias Familie und Freunde in der Zeit des Hoffens und Bangens trägt, ist die deutschlandweite Anteilnahme. Ein Youtube-Rapper aus Lutherstadt Wittenberg schreibt einen Song für Elias. „Wir vermissen dich, zerbrechen innerlich, weil wir nicht wissen, was mit dir ist“, rappt Michael Rolle.

Die große Tragik des Falls: Die Suche, die Flugblätter, die Facebook-Aufrufe, sie waren vergebens, wie Familie, Helfer und Polizei heute wissen. Elias starb laut Anklage noch am Tag seiner Entführung, in Potsdam, im Auto seines Peinigers. Doch für eines, das haben Helfer wie Gabi Franz bereits nach dem Bekanntwerden von Elias’Tod betont, war die Suche dennoch gut: Die Stadt ist näher zusammengerückt. Elias Familie ist nicht allein, die Anteilnahme am Schicksal des Jungen ist nach wie vor groß. Das zeigt sich auch zum Prozessauftakt – an den vielen Beiträgen in den sozialen Netzwerken. Anja Berger, die Freundin der Familie, die die Elias-Seite schon während der Suche eingerichtet hat, um die Helfer auf dem Laufenden zu halten und zur Sprecherin von Elias Familie geworden war, erwartet nun selbst ein Kind. Das Leben geht weiter. Irgendwie.

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Alles zum Prozess im MAZonline-Spezial

Von Marion Kaufmann

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