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Einige offene Fragen nach Urteil gegen Silvio S.

Mord an Elias und Mohamed Einige offene Fragen nach Urteil gegen Silvio S.

Das Urteil ist gesprochen: Silvio S. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Dennoch könnte es eine Fortsetzung geben. Theoretisch haben sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung Grund zur Revision. Und es gibt noch andere offene Fragen.

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Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Um den Tod von Elias gibt es viele Unklarheiten. Das Obduktionsgutachten legt nahe, dass der Potsdamer Junge brutal missbraucht wurde – eindeutig bewiesen ist es nicht. Auch ist offen, ob ihm die schweren Verletzungen vor oder nach dem gewaltsamen Tod zugefügt wurden. Das Gericht geht jedoch davon aus, dass Silvio S. Elias getötet hat, um die vorausgegangene Straftat zu verdecken - ein klassisches Mordmerkmal.

Über den Prozess hinaus stellt sich die Frage, ob es weitere Opfer von Silvio S. gibt. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft hat ein entsprechendes Verfahren eingeleitet. Bei dem Angeklagten waren auch DNA-Spuren bislang unbekannter Personen gefunden worden. Insgesamt 1546 fremde DNA-Spuren hat man bei dem Angeklagten gefunden, aber nicht alle waren Elias und Mohamed zuzuordnen. So trägt beispielsweise ein Kinderslip eine nicht zuordenbare DNA. Insgesamt habe sie neun fremde Erbgutspuren entdeckt, berichtet eine zweite Sachverständige.

Welche Vorgeschichte haben die beiden Morde?

Nach Auffassung des Gerichtes hat Silvio S. die Taten detailliert geplant. Auf einem Zettel, den Ermittler in seiner Wohnung gefunden haben, stand handschriftlich notiert: „Mädchen“, „Jungen“, „Messer“, „Kind besoffen machen“, „Kind fesseln“, „Mund zuknebeln“. Außerdem hat er den sexuellen Missbrauch vor den Taten an Puppen geübt. Was allerdings Silvio S. konkret veranlasste, am 8. Juli 2015 nach Potsdam-Schlaatz und am 1. Oktober 2015 zum Berliner Lageso-Gelände zu fahren, um zwei Kinder zu entführen, ist offen. Alles deutet darauf hin, dass er die Orte zielgerichtet ansteuerte. Warum aber fuhr er ausgerechnet dorthin?

Und noch einige andere Punkte sind ungeklärt.

Wo sitzt Silvio S. nach einer Verurteilung ein?

Das Land Brandenburg hat nur wenige Haftanstalten. Derzeit sitzt Silvio S. in Untersuchungshaft in Brandenburg an der Havel. Es könnte gut sein, dass er im Falle einer Verurteilung dort bleibt. Man kann ihn, weil die Anstalt nicht voll ausgelastet ist, dort recht gut von Mitgefangenen isolieren – um ihn vor Angriffen zu schützen. In Berlin-Moabit wurde er bereits einmal angefallen. Dennoch ist für das Justizministerium laut Sprecherin Maria Strauß Ziel, solche Täter „in den normalen Strafvollzug zu integrieren“ – ohne Extra-Schutzzone also.

Genauso gut kann es sein, dass der Mann aus Kaltenborn bei Jüterbog in der neuesten JVA des Landes, Luckau-Duben, inhaftiert würde. Die ist auf Langzeithäftlinge spezialisiert. In jedem Falle werde man eine Unterbringung „in Wohnortnähe“ befürworten, so Strauß.

Ist der Gang in eine höhere Instanz denkbar?

Eine Fortsetzung am Bundesgerichtshof in Leipzig ist durchaus denkbar.

Der Verteidiger von Silvio S, Mathias Noll, und Staatsanwalt Peter Petersen (r)

Der Verteidiger von Silvio S., Mathias Noll, und Staatsanwalt Peter Petersen (r).

Quelle: dpa

Nachdem das Gericht dem Antrag der Staatsanwalt auf Sicherungsverwahrung nicht gefolgt ist, kann es sein, dass von der Seite der Ankläger Revision beantragt wird.

Aber auch die Verteidigung hätte Anlass, Revision zu beantragen. So könnte es sein, dass die Anwälte von Silvio S. die höhere Instanz bemühen, da das Gericht die besondere Schwere der Schuld feststellt hat.

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Wer erhält die Belohnung?

Die entscheidenden Hinweise auf Silvio S. kamen aus dem familiären Umfeld – von Ex-Schwager und Mutter. Beide kommen als Empfänger der Belohnung infrage, die frühestens nach Rechtskraft des Urteils ausgezahlt wird. Die Berliner Staatsanwaltschaft und zwei Privatleute hatten im Fall Mohamed insgesamt 20 000 Euro ausgelobt.

Nicht mehr abrufbar ist die Belohnung über 50 000 Euro, die ein Privatmann im Fall Elias ausgesetzt hatte. Der Betrag ist laut der damit betrauten Berliner Kanzlei Unger verfallen, da niemand fristgerecht bis Ende März 2016 einen Anspruch geltend gemacht hat.

Von Ulrich Wangemann, Bastian Pauly und MAZonline

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