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„Wir passen noch mehr auf unsere Kinder auf“

Elias seit 100 Tagen vermisst „Wir passen noch mehr auf unsere Kinder auf“

Der kleine Elias ist seit 100 Tagen verschwunden. Noch immer spurlos. Die MAZ hat sich in Potsdam im Schlaatz, wo Elias mit seiner Familie lebte, drei Monate nach dem rätselhaften Verschwinden des Jungen umgehört. Erschreckend: Kaum jemand redet mehr über den Fall. Das Leben geht einfach weiter.

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Vergilbte Suchplakate im Schlaatz: Die Sonderkommission der Polizei gibt nicht auf, prüft sogar Tipps von Hellsehern.

Quelle: Foto: Christel Köster

Potsdam. Die Flyer hängen noch an Laternen und Mauern. Die Menschen hier haben sie schon tausend Mal gesehen, eilen mit Einkaufstüten daran vorbei, hinein zu Rewe und wieder hinaus auf den fast leeren Marktplatz. Im Wohngebiet Schlaatz erinnert außer den verblichenen Plakaten nichts mehr an den größten Polizeieinsatz der Potsdamer Geschichte. Am 8. Juli war der sechsjährige Elias plötzlich verschwunden, am hellen Abend von einem Spielplatz im Inselhof, wo der Junge damals mit seiner Mutter und deren Freund wohnte. Wo er geblieben ist, ob er entführt wurde, ob er noch lebt? Niemand hier weiß es, auch die Polizei nicht. Es gibt nichts Neues von den Ermittlern, es gibt nichts zu bereden, hört man allerorten.

Elias’ Verschwinden hat europaweit für Schlagzeilen gesorgt

Im Supermarkt war die Suche nach Elias wochenlang das Thema Nummer eins zwischen Verkäuferinnen und Kunden, erzählt eine Rewe-Mitarbeiterin. Heute würde kaum noch darüber gesprochen. Es gebe inzwischen andere Themen. 100 Tage nach dem mysteriösen Vorfall, der europaweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, hat der Alltag die Menschen wieder eingeholt. Wenn man nach Elias fragt, kennt jeder die Geschichte von damals, aber ein Gesprächsthema ist sie nur noch selten. Zu viel Zeit ist vergangen, und so hektisch und verzweifelt die Suche war, so ergebnislos blieb sie am Ende.

Die Polizei ermittelt immer noch, sichtet alles, was schon mehrmals durchforstet wurde: 1200 Hinweise, knapp 400 Stunden Videobänder aus Bussen und Bahnen sowie vom Rewe-Vorplatz, rund 1000 Fotos. „Wir wollen sicher sein, dass uns nichts entgangen ist“, sagt der Leitende Polizeidirektor Michael Scharf. Wie lange das dauert, wagt er nicht abzuschätzen. Etwa ein Drittel der Zweitsichtung ist schon wieder geschafft, in „Hand- und Kopfarbeit“.

Dunkler Kombi gibt den Ermittlern weiter Rätsel auf

Die Sonderkommission (Soko) Schlaatz wurde mittlerweile von einst 60 auf 15 Leute geschrumpft. Doch Scharf sieht darin auch einen Vorteil: Je weniger Leute die Hinweise sichten und sortieren, desto eher fallen Übereinstimmungen von Hinweisen auf. „Am besten wäre es, einer allein könnte das machen. Einer, der alles gelesen und gesehen hat, in dessen Kopf sich alles ordnet.“ Zum Beispiel das Rätsel des ominösen dunklen Autos mit verdunkelten Scheiben, das am Abend des 8. Juli im Kiez umher gefahren sein soll. Mehrere Zeugen haben über Wochen hinweg davon berichtet, unabhängig voneinander. Da war die Erinnerung zwar noch recht frisch, aber trotzdem so ungenau, dass der Fahrzeugtyp nicht festzulegen ist. Es sei „eher ein Pkw Kombi“ gewesen als ein Pick-up oder Transporter, sagt die Polizei. Ob der Wagen überhaupt im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Elias steht, ist unklar. Sind die Insassen Zeugen? Oder war es vielleicht das Tatfahrzeug?

So nebulös die Beschreibung des dunklen Autos auch ist – trotzdem gibt es Hinweise, sogar aus dem gesamten Bundesgebiet. Man gehe ihnen nach, versichert die Polizei. Wie viele dunkle Autos mit dunklen Scheiben überprüft werden müssen, kann niemand sagen. Fraglich ist, ob ein Mann oder eine Frau den Wagen fuhr. Auch zu Autos mit ausländischen Kennzeichen gab es Tipps, doch Genaueres gibt die Polizei nicht preis.

Hinweise zu dem Jungen reichen bis nach Stuttgart

„Wir können nicht alle dunklen Autos in Potsdam überprüfen und ihre Halter befragen“, sagt Scharf. „Aber für das Wohngebiet am Schlaatz versuchen wir das.“ Es gehe darum, dass sich Halter dunkler Autos erinnern, ob sie am Tag von Elias’ Verschwinden hier waren, was sie da gemacht und ob sie etwas gesehen haben. „Wir suchen immer noch einen Anpacker“, sagt Scharf. Und: „Wir hatten immer genug Leute. Es ist so gelaufen, wie es laufen muss.“

Noch immer gehen Hinweise zu Elias ein, mutmaßliche Sichtungen vor allem. Bis nach Stuttgart reichen solche Tipps; keiner brachte einen Anhaltspunkt. „Elias ist ein unauffälliger blonder Junge“, sagt Scharf. „Und er kann heute schon ganz anders aussehen. Vielleicht hilft uns eines Tages Kommissar Zufall weiter.“

Gerüchte, die über Facebook kursierten, zerstreuten sich

Vermutungen von Anwohnern, der leibliche Kindsvater könnte Elias entführt haben, zerstreut Scharf. Der Mann sei überprüft worden, er habe keine Beziehung zu dem Jungen gehabt, ein Vertrauensverhältnis sei auszuschließen. Nachgegangen ist man auch Mutmaßungen, es seien ausländische Kinderfänger unterwegs. Auf Facebook wies jemand warnend auf Autos mit bulgarischen Kennzeichen hin. Kein Hinweis war richtig. Vieles, sagt Scharf bedauernd, entspringe der reinen Fantasie. „Im Normalfall würden wir viele der eingehenden Hinweise schnell verwerfen, im Fall Elias nicht. Wir prüfen alles, sogar die Tipps der Hellseher. Das sind Strohhalme, aber auch danach muss man greifen.“

Die Schlaatzer sind nach all der Aufregung und der bislang vergeblichen Suche müde. „Alles ist möglich“, sagt Wolfgang Hofmann, der hier wohnt . „Auch, dass Elias noch lebt. Aber man redet kaum noch über ihn.“ Eine Friseurin am Markt erzählt, das Gespräch der Kunden komme nur noch selten auf das traurige Geschehen: „Über Flüchtlinge wird viel mehr geredet.“

Anwohnerin: „Wir reden nur noch wenig über diese Sache“

Mit ihren drei kleinen Kindern eilt eine junge Mutter von der Ladenzeile nach Hause an den Inselhof, wo einst Elias wohnte. „Wir reden nur noch wenig über diese Sache“ gibt sie zu, „aber wir haben gelernt, besser auf unsere Kinder aufzupassen. Sie laufen und rennen lassen, das geht nicht mehr.“ Für Daniela Kotelecki (31) ist der Fall Elias noch immer sehr lebendig, weil ihre Kinder (9 und 6) immer wieder fragen, wo Elias sei. Natürlich hat sie darauf keine Antwort. „Wir passen jetzt noch mehr auf unsere Kinder auf“, sagt sie: „Allein zur Kita oder in die Schule? Undenkbar!“

Immer mittwochs treffen sich Helfer der Suchwochen im Nachbarschaftscafé des Bürgerhauses. Sie reden über Elias und sein Schicksal, wollen, dass der Junge nicht vergessen wird. Suchkoordinatorin Gabi Franz wird oft gefragt, denn viele kennen sie als Kopf der zivilen Einsatzleitung, die sich damals neben dem Bürgerhaus versammelt hatte. „Außenstehende würden wohl sagen: Hak’ das endlich ab! Aber wir können das nicht. Wer sich so tief reingehängt hat, schüttelt das nicht ab.“ Kinder fragen am häufigsten danach, „ob Elias wieder bei seiner Mama ist“, berichtet Gabi Franz. Bei der Luftballonaktion Ende Juli hatten Kinder selbstgemalte Bilder vom Schlaatz angehängt, „damit Elias wieder nach Hause findet.“

Helfer haben Suche unterstützt – auch weil sie Elias’ Schicksal kennen

Aber das ist lange her. Wenn Kiez-Pfarrerin Ute Pfeiffer mal drei Tage nicht an Elias denkt, erschrickt sie. „Das gerät in den Hintergrund“, räumt sie ein, „aber nicht in Vergessenheit.“ Schon gar nicht bei Daniel, der mit den Suchtrupps unterwegs war und immer noch zur Helfer-Runde kommt. Für den 34-Jährigen war die Suche so wichtig wie für keinen sonst im Schlaatz, denn sein eigener Junge ist seit sechseinhalb Jahren verschwunden. Vermutet wird, dass seine Mutter mit ihm abgetaucht ist. Daniel hat den Sohn vermisst gemeldet, sogar Interpol sucht ihn. Der Junge wird im Dezember acht Jahre alt – sein Name ist Elias.

Von Rainer Schüler

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Chronolgie
Chronologie der Ereignisse

Elias verschwand am 8. Juli 2015 spurlos. Die wochenlange Suche nach ihm brachte keinen Erfolg. Im November schließlich die schreckliche Gewissheit, der Junge wurde getötet. In der Chronologie haben wir die Ereignisse seit Elias' Verschwinden Woche für Woche zusammengefasst.

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