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Fall Elias: Der Soko-Chef zieht Bilanz

Kind weiter vermisst Fall Elias: Der Soko-Chef zieht Bilanz

Der Chef der Soko "Schlaatz" kann es noch immer nicht fassen: "Ein solcher Vermisstenfall ist mir in meiner polizeilichen Laufbahn bisher noch nicht begegnet", sagt Michael Scharf. Im Interview erzählt er, was die Polizei ausschließt, worauf sie hofft und welche Gemeinsamkeiten es zum „Fall Inga“ gibt.

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Michael Scharf, Chef der „Soko Schlaatz“.
 

Quelle: dpa

Potsdam.  „Ein solcher Vermisstenfall ist mir in meiner polizeilichen Laufbahn bisher noch nicht begegnet“, sagt Michael Scharf. Der 49-Jährige ist stellvertretender Leiter der Polizeidirektion West und Chef der Soko ’Schlaatz’, die nach dem Verschwinden des sechsjährigen Elias in dem Potsdamer Stadtteil Schlaatz eingerichtet wurde.

Der sechsjährige Elias ist seit vier Wochen verschwunden. Es wurde mit einem sehr großen Aufgebot nach ihm gesucht, Hunderte Hinweise gingen ein, bisher gibt es keine Spur. Was kann die Polizei jetzt noch tun?

Michael Scharf : Bis zum Montagabend sind bei der Polizei mehr als 900 Hinweise im Vermisstenfall Elias eingegangen. Jedem Hinweis sind die Mitarbeiter der Kriminalpolizei, teils mit Unterstützung von Suchkräften der Bereitschaftspolizei und Spürhunden, nachgegangen. Rund 20 Hinweise sind noch offen und werden in den nächsten Stunden und Tagen durch die Sonderkommission «Schlaatz» bearbeitet. Leider lassen die bereits abgearbeiteten Hinweise bisher keine konkreten Aussagen darüber zu, wie der Sechsjährige am 8. Juli verschwunden ist, oder wo er sich derzeit befindet. Wir hoffen natürlich, noch eine konkrete Spur zu dem Jungen zu finden.

Was, glauben Sie, ist Elias passiert?

Michael Scharf: Das Ungewöhnliche an diesem Vermisstenfall ist die Tatsache, dass der Junge in einer recht kurzen Zeitspanne und scheinbar ohne Spuren und Zeugen verschwunden ist. Insofern hat die Polizei keine Grundlage für die Aufstellung von nur einer einzigen belastbaren Version. Wir müssen daher die möglichen Szenarien anhand der wenigen, uns bekannten Tatsachen ausschließen und daraus die Schwerpunkte unserer Ermittlungen herleiten.

Konkret bedeutet das, dass wir nach fast vier Wochen die Möglichkeit eines selbstständigen Weglaufens des Jungen, um sich irgendwo verborgen zu halten, fast gänzlich ausschließen können. Die herausragende und seit langem einmalige öffentliche Kenntnisnahme in ganz Deutschland und Europa sprechen gegen diese Version. Auch die Möglichkeit, dass der Junge im fußläufig zu erreichenden Wohnumfeld verunglückt ist, haben wir mit den sehr umfassenden und aufwendigen Suchmaßnahmen im Nahbereich überprüft. Leider auch ohne Ergebnis.

Insofern rückt die Version eines unfreiwilligen Verschwindens immer mehr in den Fokus unserer Vermisstensuche, was gleichzeitig bedeutet, dass wir eine Straftat, die zum Verschwinden des Jungen führte, nicht mehr ausschließen können. Trotzdem es für keine der drei Versionen derzeit konkrete Erkenntnisse oder Hinweise gibt, konzentrieren sich die Ermittlungen aktuell verstärkt auf die zuletzt genannte Version, der eines unfreiwilligen Verschwindens.

Dass ein Kind so völlig spurlos verschwunden ist – ist das irgendwie erklärbar, oder auch für Sie als sehr erfahrenen Polizisten unerklärlich?

Michael Scharf: Ein solcher Vermisstenfall ist mir in meiner polizeilichen Laufbahn bisher noch nicht begegnet. In der Tat ist das scheinbar spurlose Verschwinden sehr ungewöhnlich und macht die Suche umso schwerer. Wir haben jedoch schon frühzeitig alle verfügbaren Spezialisten in der Sonderkommission ’Schlaatz’ zusammengeführt, um jeder Spur, jedem Hinweis und jeder Aussage nachgehen zu können.

Die Befragung von mehreren 100 Anwohnern, die Auswertung von mehr als 300 Stunden Videomaterial und 1000 Fotos sowie die umfangreichen Suchmaßnahmen mit Tauchern, Baggern und verschiedensten Spürhunden sind für die Westbrandenburger Polizei bisher ein Novum. Wir hoffen, dass wir Elias letztlich doch noch finden und sein Verschwinden aufklären können.

Welchen Austausch gibt es noch mit den Kollegen aus Sachsen-Anhalt, die im Fall der vermissten Inga ermitteln?

Michael Scharf: Es gehört zu den polizeilichen Standardmaßnahmen, dass zeitlich und örtlich nicht weit auseinanderliegende Vermisstenfälle miteinander verglichen werden. Insofern hat die Soko ’Schlaatz’ auch Kontakt mit den Ermittlern in Sachsen-Anhalt aufgenommen und die dortigen Umstände und Hinweise mit den hiesigen abgeglichen. Daraus haben sich jedoch lediglich zwei Gemeinsamkeiten ergeben, die aber nicht dazu geeignet sind, beide Fälle in einem Zusammenhang zu sehen oder Parallelen zu ziehen.

Die erste Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide Kinder in einem sehr kurzen Zeitraum verschwunden sind und das scheinbar spurlos und ohne Zeugen. Die zweite Gemeinsamkeit ist das ungefähr übereinstimmende Alter der beiden Kinder. Obwohl weitere Gemeinsamkeiten nicht vorliegen, bleiben die Ermittlerteams weiterhin in ständigem Kontakt und Austausch.

ZUR PERSON: Michael Scharf ist Leitender Polizeidirektor. Der 49-Jährige studierte Kriminalistik und ist seit 31 Jahren bei der Polizei. Er ist stellvertretender Leiter der Polizeidirektion West. Im Fall des vermissten Elias aus Potsdam leitet er die Soko «Schlaatz».

MAZ-Spezial zum Fall Elias >

Von Nathalie Waehlisch

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