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In Potsdam spielt die Angst weiterhin mit

Besuch im Schlaatz – 1 Jahr nach Elias’ verschwinden In Potsdam spielt die Angst weiterhin mit

Heute vor einem Jahr verschwand der kleine Elias aus Potsdam. Er war gerade erst 6 Jahre alt. Bei den Menschen im Stadtteil Schlaatz haben die verzweifelte Suche nach dem Jungen und sein gewaltsamer Tod tiefe Spuren hinterlassen. Ein Besuch.

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Von diesem Innenhof vor seinem Wohnhaus verschwand der kleine Elias am 8. Juli 2015.

Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Keine Schippe, kein Sandförmchen und auch kein Kind. Eine pinkfarbene Plastikschnur, locker um einen Metallpfosten gewickelt, ist der einzige Hinweis darauf, dass hier vielleicht manchmal Kinder spielen. Der Innenhof am Ende der Sackgasse, umsäumt von Plattenbauten und Bäumen, ist verwaist. Niemand hält sich auf dem Platz am Inselhof im Potsdamer Stadtteil Schlaatz auf. Dort, wo Elias verschwand. Vor genau einem Jahr, am 8. Juli 2015, etwa gegen 18 Uhr.

– Berichte zum Fall Elias und Mohamed unter www.MAZ-online.de/elias

Das Jahr danach

Am 8. Juli 2015 verschwindet Elias (6) aus Potsdam spurlos. Wochenlang sucht die Polizei gemeinsam mit vielen freiwilligen Helfern nach ihm.

1.Oktober 2015: Der vierjährige Mohamed wird vermisst. Der Flüchtlingsjunge aus Bosnien-Herzegowina wurde zuletzt auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin-Moabit gesehen. Dort hat ihn seine Mutter aus den Augen verloren. Die Suche beginnt. Es gibt auch Fotos des Täters, die eine Überwachungskamera eingefangen hat.

30. Oktober 2015: Der mutmaßliche Entführer des kleinen Mohamed, Wachschützer Silvio S. aus Kaltenborn (Teltow-Fläming) , wird geschnappt. Er gibt den Mord an dem Jungen zu und gesteht, dass er auch Elias getötet hat. In einer Gartenanlage bei Luckenwalde (Teltow-Fläming) wird die Leiche von Elias gefunden. Am Schlaatz trauern zahlreiche Menschen vor dem Bürgerhaus um Elias.

14. Juni 2016: Vor dem Landgericht Potsdam beginnt der Prozess gegen Silvio S. Insgesamt zwölf Prozesstage sind angesetzt. Am Montag wird die Verhandlung mit der Befragung von Polizisten fortgesetzt. Ein Urteil könnte am 26. Juli fallen.

8. Juli 2016: Eine offizielle Gedenkfeier für Elias wird es heute nicht geben. Freunde wollen gemeinsam mit Elias’ Mutter das Grab besuchen. Elias ist am 16. November 2015 in Potsdam bestattet worden.

Ein richtiger Spielplatz war die Stelle, wo sich der Erstklässer die Zeit bis zum Abendbrot vertreiben wollte, noch nie. Es gibt nur eine Sandfläche, von Holzpflöcken eingefasst, und ein Holznashorn. Schaukeln, Rutschen und Klettergerüste stehen ein paar Häuserecken weiter. Aber der Innenhof war ideal, um den Sechsjährigen nach draußen zu lassen. Vom Küchenfenster ihrer Parterrewohnung aus hatte Elias’ Mutter Anita S. den Platz im Blick, konnte immer wieder nach draußen schauen, was der Sechsjährige trieb. Elias brauchte zudem nicht viel. Er hatte Fantasie, konnte sich selbst beschäftigen. Mit Holzstöcken soll er gespielt haben, zwischen den Sträuchern.

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Am 8.Juli 2015 war der kleine Elias aus dem Potsdamer Stadtteil Schlaatz plötzlich verschwunden. Was folgte, war eine lange und aufwendige Suche der Polizei und freiwilliger Helfer. Doch von dem Jungen fehlte jede Spur. Als im Oktober der Flüchtlingsjunge Mohammed aus Berlin als vermisst gemeldet wurde, geriet Silvio S. als mutmaßlicher Entführer ins Visier der Ermittler. Dann der Schock: Er soll auch Elias entführt haben.

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Die Mutter ist umgezogen

In der Plattenbauwohnung leben inzwischen andere Mieter. Der Name am Klingelschild klingt ausländisch. Im Hausflur steht ein Kinderwagen. „Schlimm, was passiert ist“, sagt Peik Angermann. Er wohnt über der ehemaligen Wohnung von Anita S. (26), die kurz nach Elias’ Verschwinden weggezogen ist. Um Ruhe zu haben vor den neugieren Blicken und selbst nicht mehr ständig auf das einsame Holznashorn blicken zu müssen. Klar habe er Elias mal gesehen, auch seine Mutter. „Aber sie wohnten ja noch nicht lange da“, sagt der Ex-Nachbar. Anita S. war mit Elias und ihrem Lebensgefährten wenige Wochen vor dem Verschwinden hergezogen, aus einer kleineren Wohnung ganz in der Nähe. Auch Peik Angermann wurde damals von der Polizei befragt, wie alle Anwohner. Ob er nichts gesehen habe auf dem Spielplatz. „Ich war zu der fraglichen Zeit gar nicht da“, erinnert sich der 57-Jährige. Zudem wäre es doch komisch, wenn er den ganzen Tag am Fenster stehe und Kinder beobachte. „Ich freue mich, dass der Täter gefasst ist“, sagt er – und dass die Eltern am Schlaatz nun mehr auf ihre Kinder achten würden. „Nur gut, dass meine schon groß sind“, fügt er hinzu.

Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr allein auf den Spielplatz

Die Kinder von Suada Dazdarevic (31) sind noch klein. Drei Jungs, sechs, fünf und drei Jahre alt. Die Mutter winkt ihnen noch einmal durch den Kita-Zaun zu. Seit sieben Jahren lebt die Serbin am Schlaatz. „Ich habe gedacht, hier in Potsdam ist es ruhig“, sagt sie. Dann schießen ihr die Tränen in die Augen. Sie habe Elias nicht gekannt, aber allein die Vorstellung, was mit dem Jungen passiert sei. „Ich lasse meine Kinder nicht mehr aus den Augen. Alleine auf den Spielplatz, nein“, sagt sie. Früher habe sie manchmal zu Hause das Babyfon eingeschaltet, um im benachbarten Laden eine schnelle Besorgung zu machen. „Das traue ich mich nicht mehr“, sagt sie.

Traurige Gewissheit

Traurige Gewissheit: Am 30. Oktober 2015 versammelten sich Anwohner im Gedenken an Elias vor dem Bürgerhaus am Schlaatz.

Quelle: julian stähle

Jetzt, wo parallel der Prozess gegen Silvio S., den mutmaßlichen Entführer und Mörder von Elias und Mohamed (4) vor dem Landgericht Potsdam läuft, sind die Erlebnisse vom Sommer 2015 wieder sehr präsent in dem Stadtteil mit seinen knapp 9100 Einwohnern. Die wochenlange Suche zahlloser freiwilliger Helfer, die verzweifelten Appelle und Fahndungsaufrufe, die Polizeipräsenz. „Die Unsicherheit ist geblieben. Das dauert lange, bis dieses Gefühl wieder raus ist“, meint Katrin Binschus-Wiedemann, die das Friedrich-Reinsch-Haus leitet, eine beliebte Begegnungsstätte im Kiez. „Für viele war das eine traumatische Erfahrung“, erzählt sie. Aber das Trauma habe den Stadtteil auch näher zusammengebracht. Die Fluktuation ist hoch. „Zehn Prozent der Einwohner ziehen aus und wieder ein“, schildert Binschus-Wiedemann.

Ein Zeichen der Solidarität

Ein Zeichen der Solidarität: Zwei Wochen nach dem Verschwinden von Elias ließen Anwohner Luftballons mit Flugblättern steigen.

Quelle: Köster

Ein Teil der Helfer, die sich bei der Suche nach Elias erst kennengelernt haben, treffen sich noch immer regelmäßig. „Sie kümmern sich jetzt um Müllprobleme und solche Dinge“, sagt die Gemeindepädagogin. Die ganz großen Schwierigkeiten und sozialen Verwerfungen früherer Jahre hat der vermeintliche Problemkiez hinter sich gelassen. „Der Schlaatz ist befriedet“, sagt sie. Keine Neonazis mehr, 92 Nationen wohnen weitgehend friedlich zusammen. Die Trinkerszene am Marktplatz stört viele, aber von einem Kleinstadt-Ghetto ist der Schlaatz weit entfernt.

Anfangs schloss die Polizei einen Unfall nicht aus

Anfangs schloss die Polizei einen Unfall nicht aus: Die Nuthe wurde ausgebaggert, um Elias zu finden.

Quelle: dpa-Zentralbild

Ging der Entführer gezielt in den Schlaatz?

Die Zahlen machen dennoch deutlich, dass am Schlaatz kaum gut situierte Familien zu finden sind. Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger liegt 18,2 Prozent über dem Potsdamer Durchschnitt. Wusste der mutmaßliche Entführer das? Fuhr er gezielt in den Schlaatz, weil er glaubte, ein Kind dort leichter mit Süßigkeiten und Spielzeug locken zu können? Oder lag es daran, dass der Schlaatz mit seinen sich ähnelnden Straßenzügen aus begrüntem Beton etwas unübersichtlich ist und man leicht im Straßenlabyrinth abtauchen kann? Oder war es Zufall ? Auf diese Fragen erhoffen sich viele Antworten. Doch Silvio S. schweigt bislang im Prozess.

Vor der Kiezkneipe Full House gibt es einen Spielplatz. Er ist anders als der Platz am Inselhof gut besucht. Am Buddelkasten kann man sitzen, Softeis essen, den Nachwuchs im Auge behalten. Sie haben noch immer Angst am Schlaatz, obwohl der mutmaßliche Täter gefasst ist. Einige jedenfalls.

Denn während die Kinder am nahen Spielplatz unter Aufsicht toben, steht die Haustür zu Elias’ früherer Wohnung sperrangelweit offen, etwa eine halbe Stunde lang. Jeder kann rein und raus. Und niemand achtet darauf.

Von Marion Kaufmann

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Chronologie der Ereignisse

Elias verschwand am 8. Juli 2015 spurlos. Die wochenlange Suche nach ihm brachte keinen Erfolg. Im November schließlich die schreckliche Gewissheit, der Junge wurde getötet. In der Chronologie haben wir die Ereignisse seit Elias' Verschwinden Woche für Woche zusammengefasst.

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