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Elias „Elias’ Mutter kann sich an uns wenden“
Lokales Potsdam Elias „Elias’ Mutter kann sich an uns wenden“
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22:52 03.11.2015
Willi Wierscheim leitet die Außenstelle des Weißen Rings. Quelle: Foto: Köster
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Potsdam

Der pensionierte Bundeswehroffizier und Sozialpädagoge Willi Wierscheim (62) leitet die Potsdamer Außenstelle des Weißen Rings, der neben Opfern auch Angehörige betreut.

MAZ:Stehen Sie in Kontakt mit Elias’ Mutter?

Willi Wierscheim: Die Mutter kann sich jederzeit an uns wenden. Wir sind darauf vorbereitet. Gegebenenfalls würde dann eine andere Außenstelle übernehmen, weil sie ja weggezogen ist. Von uns aus werden wir aber nicht bei der Mutter anrufen. Das ist das Prinzip des Weißen Rings: Hilfe zur Selbsthilfe. Der erste Schritt ist, sich an uns zu wenden.

Welche Unterstützung bekäme die Mutter dann?

Wierscheim:Am Anfang steht ein Gespräch. Unsere Erfahrung ist, dass es den Leuten erst einmal gut tut, mit einer außen stehenden Person zu reden. Gespräche mit Freunden sind ja meist sehr emotional. Dann vermitteln wir den Kontakt zu Experten. Wir sind ja keine Therapeuten, sondern Lotsen zu weiteren Hilfsangeboten. Die Trauma-Ambulanz am Ernst-von-Bergmann-Klinikum, mit der wir eng zusammenarbeiten, wäre dann u. a. eine richtige Adresse.

Warum?

Wierscheim:Man muss davon ausgehen, dass die Mutter durch den gewaltsamen Tod von Elias traumatisiert ist und professionelle, psychologische Hilfe braucht.

Die Anteilnahme an Elias’ Schicksal ist riesig. Hilft das der Mutter?

Wierscheim:Es ist schwer zu sagen, ob die öffentliche Anteilnahme eine Erleichterung oder eine Belastung ist. Das ist bei Hinterbliebenen ganz unterschiedlich. Man muss davon ausgehen, dass die Mutter die Außenwelt noch gar nicht so wahrnimmt, weil sie sich wegen der Kürze der Zeit wohl noch in der ersten Traumaphase befindet.

Welche Phasen gibt es denn?

Wierscheim:In der ersten Phase realisieren Gewaltopfer oder bei Getöteten die Angehörigen noch nicht, was passiert ist. In der zweiten kommt dann die Frage: Warum gerade ich? Und in der dritten Phase wird dann wirklich dringend Hilfe gebraucht, um wieder ins Leben zu finden und den Alltag irgendwie zu bewältigen.

Der Gerichtsprozess reißt ja dann oft Wunden auf. Gäbe es da Hilfe?

Wierscheim:Ja, wir stehen auch als Prozessbegleiter im Gerichtssaal zur Seite. Viele Anwälte begrüßen das, weil sie sich dann auf das Verfahren konzentrieren können. Wir nehmen die Betroffenen an die Hand und stehen etwa nach belastenden Zeugenaussagen sofort für ein Gespräch bereit.

Für die juristische Beratung ist aber der Anwalt zuständig?

Wierscheim:Genau. Was wir bieten können, ist ein Beratungsscheck für einen Ersttermin bei einem Anwalt, den die Betroffenen wählen können. Wir dürfen keine Anwälte empfehlen, stehen aber bei der Auswahl zur Verfügung.

Gibt es finanzielle Unterstützung?

Wierscheim:In bestimmten Fällen kann eine Opfersoforthilfe von bis zu 250 Euro gezahlt werden. Dabei geht es aber mehr um Fälle wie diesen: Bei einem Einbruch wurde einer bedürftigen Person Bargeld, Scheckkarte usw. gestohlen, oder das Türschloss muss ausgewechselt werden. Bei Menschen, die bedürftig sind, können wir nach Prüfung des Einzelfalles eine Erholungsmaßnahme gewährleisten, um Abstand zu gewinnen. Auch eine Übernahme der Umzugskosten ist möglich: Wenn Opfer oder die Familie aus ihrem alten, für sie belastenden Umfeld wegziehen, wie es Elias’ Mutter ja bereits getan hat, können wir einspringen.

Sind Fälle, in denen sich Hinterbliebene an Sie wenden, selten?

Wierscheim:Meist betreuen wir Opfer von Straftaten wie Überfällen oder Einbrüchen, häusliche Gewalt und Sexualdelikten, so die Erfahrung z. B. der letzten drei Monate. So einen Fall wie den von Elias hatte ich noch nie. In den vergangenen zwei Monaten hatten wir in Potsdam aber zehn Fälle von Gewalt gegen Kinder. Das ist eine hohe Zahl, zumal die Dunkelziffer groß sein dürfte.

Was sind das für Fälle?

Wierscheim:Entweder geht es um häusliche Gewalt: Kinder in zerrütteten Familien werden Opfer. Aber es gibt auch Kinder, die in Institutionen wie Schule oder Kita irgendeine Form von Gewalt erfahren haben. Das kann zum Beispiel auch Cybermobbing sein.

Von Marion Kaufmann

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