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Hellseher sucht nach Elias - Polizei ist skeptisch

Elias aus Potsdam spurlos verschwunden Hellseher sucht nach Elias - Polizei ist skeptisch

Der kleine Elias (6) aus Potsdam wird seit fast zwei Wochen vermisst. Von ihm fehlt jede Spur. Doch bei der Polizei gehen täglich Hinweise ein, wo der Junge sein könnte. Auch Hellseher melden sich bei der Polizei. Unter anderem Michael Schneider - die MAZ hat mit ihm gesprochen.

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Der Seher Michael Schneider
 

Quelle: privat

Potsdam.  
Über 650 Hinweise liegen der Polizei inzwischen im Fall des vermissten Elias (6) aus Potsdam vor. Darunter sind viele Hinweise von Anwohnern, die Elias an bestimmten Stellen gesehen haben wollen. Aber auch ortsfremde Personen melden sich bei der Polizei. Und bei Vermisstenfällen melden sich auch immer wieder sogenannte Seher bei der Polizei. Einer von ihnen ist Michael Schneider aus Siegburg (Nordrhein-Westfalen). Er hat der Polizei bereits in anderen Vermisstenfällen Hinweise gegeben. Unter anderem im Fall der vermissten Peggy.

Auch im Fall Elias hat er sich an die Polizei gewandt und einen konkreten Hinweis zum Verbleib des Jungen abgegeben (E-Mail liegt der Redaktion vor). Darüber, wo sich Elias aufhalten könnte und was mit ihm geschehen ist, will Schneider nicht öffentlich sprechen. Auch die Polizei gibt keinen Kommentar zu seinem Hinweis ab. Mit der MAZ hat der Seher aber über seine Arbeit und den Fall Elias gesprochen.

>>> Der Fall Elias - eine Chronik

MAZ: Wie sind Sie auf den Fall Elias aufmerksam geworden?
Michael Schneider: Über Medienberichte. Und mich haben Potsdamer angesprochen und um Hilfe geben.

Haben Elias’ Eltern sie kontaktiert?
Schneider: Nein.

Wie hat die Polizei auf ihren Hinweis reagiert?
Schneider: Sie hat meinen Hinweis höflich, aber zurückhaltend angenommen.

Was ist ein Seher – können Sie das kurz beschreiben?
Schneider: Der Begriff ist so alt wie die Menschheit. Es gab schon in der Antike hoch angesehene Orakel, das Orakel von Delphi zum Beispiel. Als Seher arbeite ich ohne Hilfsmittel und nur mit meinen Eingebungen. Der Seher versucht, eine Vorhersage für die Zukunft zu treffen oder im Hier und Jetzt das Unsichtbare sichtbarer zu machen.

Eine Vorhersage kann man aufgrund von Erfahrungen treffen. Aber Ihre Vorhersagen beruhen ja nicht darauf.
Schneider: Ich will im Vorfeld möglichst wenig oder gar nichts zu einem Sachverhalt wissen, um nicht beeinflusst zu sein. Ich bin sehr gottgläubig und verbinde mich mit dem Oben. Ich bin eigentlich auch kein Seher, sondern hellhörig und bekomme eine innere Stimme; dafür gibt es jedoch keinen eigenen Begriff, denn Hörer sind wir ja alle. Nicht in dem Sinne, dass jemand sagt „Hallo, ich bin’s“. Die Stimme kommt mehr aus mir selbst heraus. Ein Beispiel: Wenn sie in der Dämmerung nach Hause fahren, sagt ihnen die innere Stimme, dass sie das Licht anmachen sollten. Dann machen sie es an. Genauso ist es bei mir.

Innere Stimme, hellhörig – das klingt schon sehr unseriös.
Schneider: Weiß ich. Aber wollen sie die diplomatische oder die ehrliche Antwort hören?

Die ehrliche.
Schneider: Es ist ja keine irre Stimme, die ich wahrnehme. Wenn das so wäre, wäre ich ja ein Fall für die Psychiatrie. Es ist eine innere Stimme.

Es ist also mehr eine Eingebung?
Schneider: Ja, so könnte man es nennen.

Das denkt die Polizei über Seher

Bei Vermisstenfällen gehen bei der Polizei meist unzählige Hinweise ein. Das ist im Fall Elias nicht anders. Und immer wieder gibt es auch dutzende auf den ersten Blick fragwürdige Hinweise. So haben sich im Fall Elias mehrere Seher gemeldet.

„Das Problem bei Hinweisen von Sehern ist, dass es oft nichts Nachprüfbares gibt“, sagt eine Polizeisprecherin. Dennoch werde jedem Hinweis nachgegangen. Im Fall von Schneiders Hinweis habe sich keine konkrete Spur ergeben. Noch nicht.

Geht ein Hinweis bei der Polizei ein, wird dieser zunächst geprüft und dann kategorisiert. Je schlüssiger und nachvollziehbarer der Hinweis, desto schneller und dringender wird ihm nachgegangen.

In Vermisstenfällen muss die Polizei oft mit vielen Anrufen und E-Mails umgehen, die nicht der Sache dienen. „Man hat da eine gewisse Notleuchte“, sagt die Polizeisprecherin. „Wir gehen da immer mit einem bestimmten Augenmaß ran.“

Worauf beruht so eine Eingebung?
Schneider: Ich beziehe diese Eingebung aus einer geistig-göttlichen Welt. Ich sage ja nicht, dass nur ich solche Eingebungen erhalte. Das ist bei vielen Menschen möglich. Ein Beispiel: Ein Freund von mir ist Arzt und eher skeptisch. Kürzlich ist er an einer Tankstelle vor einem Auto gestanden, dann machte er intuitiv einen Schritt nach links. Kurz danach machte das Auto beim Anlassen einen Satz nach vorne, weil der Fahrer die Kupplung nicht durchgetreten hatte. Wir alle haben solche Eingebungen. Die Frage ist nur, wie gut sind sie und wie gehen wir mit ihnen um. Jeder hat Intuitionen, es kommt nur darauf an, wie man sich darauf einlässt.

Sie beschäftigen sich ja mit Fällen vermisster Personen und geben Hinweise – wie kommen Sie denn dazu?
Schneider: In vielen Fällen werde ich von Angehörigen oder Dritten gefragt, in seltenen Fällen von der Polizei. In der Regel ist die Polizei von sich aus nicht allzu interessiert an der Hilfe von Sehern. Ich war Polizeireporter und habe mich immer für Kriminalfälle interessiert. Einer meiner ersten Fälle war die Flucht des Sexualstraftäters Frank Schmökel – ich habe die Polizei bei der Suche nach ihm in Brandenburg begleitet. Als ich eine große Landkarte angeschaut habe, bin ich über den ungewöhnlichen Namen der Laubenkolonie „Postbruch“ gestolpert und habe die Polizei gefragt, ob sie dort schon gesucht haben. Einige Tage später hat Frank Schmökel dort einen Rentner erschlagen. Ein ehemaliger Reporterkollege hat dann später Kontakt zu Angehörigen von Vermissten hergestellt. In einigen Fällen konnte ich Hinweise geben, die sich später als richtig herausgestellt haben. Im Fall einer vermissten Frau habe ich den Auffinde-Ort ziemlich präzise vorhergesagt. Es gibt aber auch Fälle, in denen ich mich getäuscht habe. Mein größtes Debakel war der Fall Mirco Schlitter – allerdings war ich zu dem Zeitpunkt auch lebensbedrohlich erkrankt und hätte mich zurückhalten sollen, was auch mein erster Impuls war. Dort hatte ich mich, was den Auffinde-Ort angeht, ziemlich getäuscht.

Die Polizei nennt Hinweise von Sehern „kriminalistisch wenig wertvoll“. Warum machen sie trotzdem weiter?
Schneider: Die Polizei ist keine homogene Organisation. Es gibt viele, die an die Fähigkeiten von Sehern glauben. Die Polizei ist auf meine Hinweise nicht angewiesen. Das ist klar. Die Aufklärungsquoten durch die konventionelle Polizeiarbeit sind hoch. Aber es kann Sinn machen, sich der Hilfe eines Sehers zu bedienen, wenn es keine Spuren gibt. Ich nehme kein Geld für meine Arbeit und spende ausgesetzte Belohnungen. Und wenn ich meine Eingebungen äußere, dann gebe ich nur räumlich begrenzte Hinweise, auch auf die große Gefahr hin, damit knapp oder komplett daneben zu liegen. Denn ungefähre Hinweise, wie die auf ein größeres Areal kann jeder geben. Ich versuche, so genau wie möglich zu sein; das erhöht aber natürlich die Fehlerquote. Abgesehen davon kann ich mich natürlich auch täuschen.

Was entgegnen Sie Menschen, die Sie als Scharlatan oder Wichtigtuer bezeichnen?
Schneider: Ich würde auf meine Erfolge verweisen, die auf meiner Homepage nachzulesen sind. Ich bin auch kein Wichtigtuer. Das sehen Sie daran, dass ich mich im Fall Elias nur an die Polizei und nicht von mir aus an die Medien gewandt habe.

Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen dem Begriff Hellseher und Seher?
Schneider: Hellseher klingt für mich unseriös, Seher trifft es.

Von Christian Meyer

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