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Können Mantrailer noch Spur von Elias finden?

Gute Spürnasen gefragt Können Mantrailer noch Spur von Elias finden?

Wenn Vermisste gefunden oder Täter verfolgt werden sollen, greifen viele Ermittler auf Personensuchhunde zurück. Die Spezial-Spürnasen können den menschlichen Geruch noch tagelang riechen und verfolgen. Auch die Spuren von Elias könnten einige Hunde noch aufnehmen. Doch wie machen sie das?

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Noch keine Spur von Elias – selbst die Mantrailer waren bisher erfolglos.

Quelle: dpa

Potsdam.
Wo ist Elias aus Potsdam? Wo ist die kleine Inga aus Schönebeck? Beide Kinder sind seit Wochen verschwunden, ohne dass die Ermittler einen konkreten Hinweis auf ihren Verbleib haben. Wenn selbst erfahrene Kriminalisten vor Ort keine Spuren mehr finden können, schlägt oft die Stunde der feinsten Spürnasen.

Personensuchhunde, sogenannte Mantrailer, werden jahrelang darauf trainiert, selbst kleine Geruchsspuren von Vermissten noch nach vielen Tagen zu erschnuppern - und diesen zu folgen. Auf der Suche nach beiden Kindern nutzten die Ermittler die Expertenschnüffler. Wenn auch zunächst ohne großen Erfolg.

In Potsdamer Stadtteil Schlaatz, dem Zuhause von Elias, waren auch Mantrailer-Spürhunde im Einsatz. Erfolglos. Kurz nach dem Verschwinden hatte jedes der damals fünf eingesetzten Tiere eine andere Spur. Das liegt laut Kripo-Chef Sven Mutschischk daran, dass Elias schon vorher im Kiez unterwegs war. Ende Juli, rund drei Wochen nach dem Verschwinden von Elias, sah man dann mitten in der Potsdamer Innenstadt Suchtrupps mit Spürhunden.

In Potsdam waren etwa insgesamt zehn Personensuchhunde kurz nach dem Verschwinden des sechsjährigen Elias am 8. Juli tagelang im Einsatz, wie ein Polizeisprecher berichtet.

INFO: Eine ausführliche Chronik der Ereignisse im Fall Elias.

Leihgaben aus dem Umland

Die Brandenburger Polizei hat keine eigenen Mantrailer. Sie leihe sie nur für spezielle Einsätze von den Berlinern oder von Rettungsdiensten aus. Ein Hund nahm auch eine Spur zu Elias auf, schildert der Sprecher. Doch vergeblich. Es sei nicht sicher, ob die Fährte vom Tag des Verschwindens gestammt habe - oder älter gewesen sei.

Denn die Mantrailer können den Geruch der gesuchten Person tagelang im Freien aufspüren, wie der sächsische Polizist und Fachmann Leif Woidtke weiß. Studien belegen, dass die feinen Nasen in geschlossenen Räumen noch Monate später nachweisen konnten, dass ein Verdächtiger am Tatort war. Wie die Tiere das machen?

„Vieles deutet darauf hin, dass der Geruch des Menschen ebenso einmalig ist wie der Fingerabdruck oder die DNA“, sagt er. Die häufigste Erklärung sei, dass der Geruch durch Bakterien auf abgestorbenen Hautzellen entstehe. Hautzellen verlören wir ständig. Die Mantrailer nehmen den Geruch wahr.

Bloddhound und Weimaramer

Bei der Ausbildung setzt die Polizei deshalb auf Hunde mit besonders vielen Riechzellen. Die Sachsen setzen nur auf Bloodhounds , die 250 bis 300 Millionen Riechzellen besitzen. Vier sind bereits im Einsatz, vier weitere werden derzeit ausgebildet. In Bayern sind neben Bloodhounds auch Jagdhunde wie Weimaraner im Einsatz.

Die Kollegen aus Sachsen-Anhalt suchten gleich mehrfach mit Mantrailern nach der kleinen Inga aus Schönebeck. Sie verschwand vor drei Monaten in einem Waldstück bei Stendal, im Norden des Landes. Direkt nach dem Verschwinden suchten die Hunde vergeblich im Wald auf die Suche nach einer Spur. Wochen später liefen sieben private Mantrailer dann doch los: Im Juni und Juli schnüffelten sie sich von Stendal bis nach Brandenburg und Sachsen bis kurz vor Dresden und legten so Hunderte Kilometer zurück. Ob sie wirklich einer Geruchsspur folgten, konnte die Magdeburger Polizei nicht mit Sicherheit sagen.

Ob die Suche nach Menschen funktioniert, die in Autos sitzen, ist bisher kaum untersucht, sagt der sächsische Mantrailer-Forscher Woidtke. Weil die Ermittler es im Fall Inga versuchten, will er die Frage jetzt in Tests versuchen zu beantworten. “Wird durch die Belüftung des Autos überhaupt genug Spurenmaterial nach außen getragen“, fragt er sich. Seine Ergebnisse will er im kommenden Jahr vorlegen.

Bloodhound – der perfekte Mantrailer

Was passiert, wenn Spürhunde auf die Suche gehen, ist das Spezialgebiet des sächsischen Polizisten Leif Woidtke. Er schreibt eine Dissertation dazu. Was die Tiere können und wie sie arbeiten, erzählt Woidtke im Interview der Deutschen Presse-Agentur.


Was können Mantrailer, was normale Fährtenhunde nicht können?

Leif Woidtke : Ein Fährtenhund wird vielfach an neuen Tatorten eingesetzt. Er kann ohne Geruchsprobe suchen, denn er verfolgt die frischste Spur. Das ist bis etwa 24 Stunden nach der Tat möglich. Und wir wissen nie, ob die frischste Spur zum Täter führt – oder ob zwischendurch die Postfrau Briefe eingeworfen hat. Mantrailer suchen hingegen den Individualgeruch des Gesuchten. Dafür braucht man eine Geruchsprobe, dafür funktioniert es auch mit deutlich älteren Spuren. Neben Vermissten können so auch Spuren zu Tätern verfolgt werden. Die Hunde können auch nachweisen, ob ein Verdächtiger am Tatort war.


Wie alt können die Spuren denn sein?

Woidtke : Es ist belegt, dass in geschlossenen Räumen an Objekten aufgenommene Geruchsspuren bis zu zwei Jahre nach ihrer Entstehung genutzt werden können. Also die Hunde zeigen an, ob eine gesuchte Person oder ein Tatverdächtiger an diesem Ort war oder nicht. Dies trifft auch für Spuren zu, die ungeschützt über einen Zeitraum bis zu fünf Tagen der Witterung ausgesetzt waren. Eine Blindstudie des FBI aus 2003 erbrachte den Nachweis, dass eine sechs Monate alte Geruchsspur durch einen Bloodhound zum Haus des Verursachers verfolgt werden konnte.


Wonach suchen die Tiere eigentlich?

Woidtke : Das versuche ich unter anderem in meiner Dissertation herauszufinden: Woraus besteht die menschliche Geruchsspur, wie wird sie produziert und abgegeben und wie lange ist sie haltbar? Die häufigste Erklärung ist bisher die Vorstellung, dass menschlicher Geruch durch bakterielle Wirkung auf abgestorbene Hautzellen und Sekrete produziert wird. Es wird davon ausgegangen, dass der bei der Zersetzung entstehende Geruchskomplex einzigartig ist. Vieles deutet darauf hin, dass der Geruch des Menschen ebenso einmalig ist wie der Fingerabdruck oder die DNA. Und Hautzellen verlieren wir ständig.


Wer kann Personensuchhund werden?

Woidtke : Prinzipiell kann jeder Hund Spuren erschnüffeln. Aber es gibt speziell gezüchtete Tiere mit besonders vielen Riechzellen. Als besonders geeignet gelten etwa der Deutsche Schäferhund mit etwa 220 Millionen Riechzellen – und der Bloodhound mit 250 bis 300 Millionen. Die sächsische Polizei setzt komplett auf diese Rasse. Für die Tiere spricht aus unserer Sicht auch, dass sie sehr ausdauernd sind und sehr konzentriert arbeiten. Bloodhounds sind fast schon autistisch. Komme, was wolle, der Hund läuft weiter und konzentriert sich auf seine Nasenarbeit.


Wie lange werden die Expertenschnüffler ausgebildet?

Woidtke : Bei uns müssen die Hunde eine dreijährige Ausbildung durchlaufen, ehe sie wirklich einsatzfähig sind. Die Arbeit beginnt mit Welpen, die für das Verfolgen leichter Spuren Knuddeleinheiten und Leckerli bekommen. Sie sollen dazu motiviert werden, eine fremde Person aus eigenem Antrieb finden zu wollen und sie daher konzentriert zu suchen. Nach und nach wird die Schwierigkeit erhöht, die Spuren werden länger, es gibt Lärm und viel Verkehr, der ablenkt. Zur Abschlussprüfung müssen sie eine zwei Tage alte Spur über 2,5 Kilometer verfolgen. Diese Tests müssen sie jährlich neu bestehen.

Interview: Franziska Höhnl

ZUR PERSON : Leif Woidtke ist Polizeioberrat und Dozent für Polizeiliches Management an der Hochschule der Sächsischen Polizei. Er ist zudem Projektleiter für die Einführung der Mantrailer bei der sächsischen Polizei. Seit Juli 2014 forscht er als Gast an der Uni Leipzig für seine Dissertation zum Thema «Menschlicher Individualgeruch als forensisches Identifizierungsmerkmal». Im kommenden Jahr will er die Ergebnisse vorlegen.

Von MAZonline

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