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„Mohamed hatte keine Angst, vor nichts“

Prozess gegen Silvio S. in Potsdam „Mohamed hatte keine Angst, vor nichts“

Am Tag seiner Entführung sollte der kleine Mohamed eigentlich gar nicht am Berliner Lageso sein. Er war ein Junge, der vor nichts Angst hatte, sagen Zeugen im Prozess vor dem Potsdamer Landgericht. Das und das Chaos der Flüchtlingsregistrierung wurden ihm womöglich zum Verhängnis.

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Im Chaos vor dem Berliner Lageso wurde Mohamed entführt.

Quelle: dpa

Potsdam. Er hätte gar nicht dabei sein sollen. Eigentlich, sagt die Familienhelferin, hätte Mohamed an dem Tag in der Kita sein sollen, die er seit wenigen Wochen besuchte. Er sei sehr gerne dorthin gegangen, habe es geliebt, mit den anderen Kindern zu spielen. „Er wollte immer gar nicht mehr nach Hause“, sagt Jacqueline A. (34) beim Prozess gegen den mutmaßlichen Kindermörder Silvio S. vor dem Potsdamer Landgericht.

Liveticker vom Verhandlungstag am Montag

Doch Aldijana J. hat Mohamed mitgenommen am 1. Oktober 2015. Im Morgengrauen sei sie aufgestanden und habe die drei Kinder Mohamed (4), Medina (9) und Kevin, der da erst ein halbes Jahr alt war, geweckt. Kartoffeln hätten sie zum Frühstück gegessen und sich dann auf den Weg gemacht, mit der U-Bahn -Linie 9 zum Landesamt für Gesund und Soziales (Lageso) in der Turmstraße. Sie hatte dort einen Termin, zum Geldabholen. „Flüchtlinge ohne Ende“ seien immer am Lageso gewesen, erinnert sich die kleine, rothaarige Frau mit den dunklen Augenringen.

Mohamed spielte gerne Pirat

Drei Dinge hatte Mohamed dabei, daran erinnert sich seine Schwester Medina genau. Einen roten Schnuller, eine Augenklappe und Kinderfernrohr. Seine Ausrüstung zum Piratspielen. Aber ein Kuscheltier hatte er nicht dabei. Es habe überhaupt nicht viel Spielzeug gegeben in der Familie, sagt eine zweite Familienhelferin. Vielleicht war es das, was Mohamed zum Verhängnis wurde. „Wenn ihn jemand mit Süßigkeiten oder Spielzeug gelockt hätte, da wäre er mitgegangen. Hundertprozentig“, sagt die 44-Jährige.

Mohamed und Elias, der sechsjährige Potsdamer, der ebenfalls von Silvio S. getötet worden sein soll – sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Als aufgeweckten, aber vorsichtigen Jungen, der Regeln kannte und sich von Fremden fern hielt – so haben Zeugen Elias beschrieben, einen blonden, eher schmächtigen Jungen. Mohamed, kräftig, dunkelhaarig, war ein ganz anderer Typ. „Er hatte keine Angst, vor nichts“, sagt ein Nachbar der Familie, der am 1. Oktober mit im Lageso war, zeitweise in der Warteschlange auf die drei Kinder von Aldijana aufpasste – bis er sich Zigarettenholen ging. Als er nach etwa einer halben Stunde zurückkam, war Mohamed verschwunden.

Warteschlangen, Gedränge – leichtes Spiel für Silvio S.?

„Er hat keine Regeln kennengelernt. Er hat sich selber erzogen“, sagt die Familienhelferin über den Vierjährigen. Die Alleinerziehende Aldijana M. liebe ihre Kinder, sei aber mit der Erziehung überfordert gewesen. Die 29-Jährige ist Analphabetin, hat keine Schulbildung. Vor Gericht braucht sie einen Dolmetscher, weil ihre Deutschkenntnisse zu gering sind. „Ein schlimm Mann“, sagt sie einmal mit Blick auf Silvio S.

Elias’ Mutter, die an diesem vierten Prozesstag ins Gericht gekommen ist, ist gelernte Übersetzerin. Zuletzt, als Elias verschwand, war sie auf Jobsuche. Der Schlaatz gilt nicht als Potsdams bevorzugte Wohngegend und doch waren die Verhältnisse andere. Bei Mohamed, das wird an diesem Prozesstag klar, hatte der Entführer offenbar leichtes Spiel. Ein vertrauensseliges Flüchtlingskind, das Kuscheltiere liebte, aber wenig besaß.

Zwei Mütter vereint in ihrem Schmerz

Ein Vierjähriger mit geringen Deutschkenntnissen, mitten im Chaos einer Behörde. Hunderte Menschen auf engstem Raum, Warteschlagen, Gedränge, gelangweilte Kinder. „Da kann jeder rein und raus. Ich hatte immer die Befürchtung, dass dort jemand Kinder mitnehmen könnte“, sagt Familienhelferin Jacquline A, die sogar meint, den Mann vom Fahndungsvideo mehrmals auf dem Gelände gesehen zu haben. Im Gerichtssaal erkennt sie Silvio S., der in der Haft stark abgemagert ist, nicht wieder.

„Dass er für den Rest seines Lebens im Gefängnis bleibt. Mehr wünsche ich mir nicht im Leben“, sagt Mohameds Mutter. Elias’ Mutter hört zu und blickt zum ersten Mal auf den mutmaßlichen Mörder ihres Kindes. Am Ende ist die Herkunft der Kinder egal. Der Schmerz der Mütter ist derselbe.

Liveticker vom Verhandlungstag am Montag

Von Marion Kaufmann

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