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Elias „Was geht in so einem Menschen vor?“
Lokales Potsdam Elias „Was geht in so einem Menschen vor?“
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13:12 13.06.2016
Silvio S. steht ab Dienstag in Potsdam vor Gericht. Quelle: MAZ
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Luckenwalde

Die Mittagssonne steht hoch über der Kleingartenkolonie „Eckbusch“ in Luckenwalde (Teltow-Fläming). Es herrscht Stille, die Hobby-Gärtner genießen die Pause im Schatten. Nur ein verspätet aufgewachter Hahn kräht und ein paar Rasensprenger klacken leise. Eine Idylle, wie sie fast überall in deutschen Gartenanlagen zu finden ist. Aber der 147 Parzellen zählende „Eckbusch“ hat eine Besonderheit, die ihn bundesweit bekannt gemacht hat. Parzelle 27 wird nicht mehr vom Gartenverein genutzt. Vor sieben Monaten ist sie – spontan von Gartenvorstand und Stadtverwaltung entschieden – zum „Erinnerungsgarten“ geworden. Am Nachmittag des 30. Oktober 2015 war hier die Leiche des sechsjährigen Elias aus Potsdam gefunden worden, einen halben Meter tief im Boden verscharrt.

Entführt und getötet

Silvio S. soll Elias am Spätnachmittag des 8. Juli 2015 von einem Spielplatz im Potsdamer Wohngebiet Schlaatz ins Auto gelockt haben, um ihn mitzunehmen und zu missbrauchen. Als der Sechsjährige trotz eines Knebels weinte und schrie, soll S. ihn laut Anklage noch im Auto stranguliert haben. An den Folgen verstarb das Kind.

Mohamed, ein Flüchtlingsjunge aus Bosnien-Herzegowina, soll von Silvio S. am 1. Oktober 2015 vom Gelände des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) entführt worden sein. S. soll mit dem Vierjährigen zu seiner Wohnung im Obergeschoss seines Elternhauses in Niedergörsdorf (Teltow-Fläming) gefahren sein.

Am Morgen des 2. Oktober soll Silvio S. versucht haben, den Jungen zu missbrauchen. Als Mohamed sich weigerte und nach seiner Mutter schrie, soll S. ihn aus Furcht vor seinem im Haus anwesenden Vater erwürgt haben.

Astrid S., die Mutter von Silvio S., hatte ihren Sohn auf Fahndungsfotos erkannt und am 29. Oktober die Polizei gerufen.

Der Prozess gegen seinen mutmaßlichen Mörder Silvio S. beginnt am 14. Juni vor dem Landgericht in Potsdam. Der 32-Jährige, dem auch der Mord an dem vierjährigen Berliner Flüchtlingsjungen Mohamed zur Last gelegt wird, ist zudem des schweren sexuellen Missbrauchs angeklagt. Er soll die beiden Kinder getötet haben, damit sie niemandem erzählen konnten, dass er sie entführt und sich an ihnen vergangen hatte. Bei der Polizei hat Silvio S. die Taten gestanden.

Der Prozess beginnt am 14. Juni

Zu Prozessbeginn vor dem Landgericht Potsdam wird das Justizzentrum zur Sicherheitszone.

Rund um den Komplex wird für Fahrzeuge von Gerichtsfremden ein striktes Parkverbot durchgesetzt.

Silvio S. wird wohl zunächst schweigen. Eine längere Wortmeldung ist nicht vorgesehen. Zunächst wird der Fall von Elias verhandelt, später Mohameds Fall.

Das Interesse an dem Prozess ist sehr groß, doch das Verfahren können nur einige Dutzend Besucher verfolgen. 30 Besucher und 24 Journalisten haben Platz. Für Besucher gilt das Windhund-Prinzip, wer zuerst kommt, bekommt einen der Plätze. Besucher müssen sich auf Leibesvisitationen einstellen und dürfen keine Taschen mit in den Verhandlungssaal nehmen.

Die Termine im Einzelnen: 14., 20., 21., 27. und 28. Juni. 4., 5., 11., 12., 18., 19. und 26. Juli. Verhandlungsbeginn ist am 14. Juni und 26. Juli jeweils um 10 Uhr an den anderen Tagen um 9.30 Uhr.

Die Plexiglas-Tafel links an der Gartenecke erinnert an Elias und Mohamed. Davor ein Berg Plüschtiere und Kerzen, an der Seite eine hübsche Holzbank. Die 340-Quadratmeter-Fläche war nach der Freigabe durch die Polizei komplett beräumt worden. Die marode Laube ist verschwunden, die Hecken sind gestutzt. Zum Weg hin gibt es keinen Zaun mehr. Der Garten ist offen für jedermann. Nur ein alter Apfelbaum ist von damals stehengelieben, daneben lag die Kinderleiche. Vier junge Bäume sind seit Herbst gut angewachsen.

Martina Plackmeyer schafft Ordnung bei den Plüschtieren. Die bunten Gesellen sind auch schon in der Waschmaschine gewesen. Quelle: Julian Stähle

Silvio S., der in seinem 26 Kilometer entfernten Elternhaus in Niedergörsdorf wohnte, hatte den Garten ein Jahr vorher angemietet, verwildern lassen und ihn letztlich genutzt, um die Leiche von Elias loszuwerden. Seine Mutter Astrid S. ist im Viertel um den „Eckbusch“ nicht unbekannt. Sie betreibt in der Nähe einen Getränkemarkt.

Jessica Suchan: „Mir tun die getöteten Kinder auch leid. Aber der Gedenkgarten mit den Plüschtieren direkt gegenüber ist nur schwer zu ertragen.“ Quelle: Julian Stähle

„Es soll kein Wallfahrtsort werden“

„Mir will nicht in den Kopf, wie einer so was machen kann, Kinder mit den eigenen Händen erwürgen. Was geht in so einem Menschen vor?“, fragt Karsten Niendorf. Er wässert gerade den Rasen des Elias-Gartens und schüttelt den Kopf. Aber eine Antwort hat niemand für ihn. Silvio S. habe keinen Kontakt gesucht, sagt der Frührentner. „Ich hab’ ihn kaum gesehen. Er hat sich mal eine Grabegabel geborgt, das war’s.“ Niendorf hat seine Parzelle nebenan. „Ist doch klar, dass ich mich um den Erinnerungsgarten kümmere.“ Der 57-Jährige hatte ihn im Herbst mit hergerichtet, Unrat beseitigt und Blumenzwiebeln gesteckt. „Wir standen in Modder und Regen, aber das war uns egal.“ Niendorf hat eben zwei Schalen mit Geranien aufgestellt. „Noch ein paar Farbtupfer. Das ist doch nicht zu viel.“ Werner Fränkler klopft ihm auf die Schulter. „Ist in Ordnung, Karsten. Es soll ja bescheiden bleiben und kein Wallfahrtsort werden, nur ein Ort der Erinnerung. Wenigstens das wollten wir für Elias tun.“ Fränklers Stimme stockt. Der 67-jährige Kreisvorsitzende des Kleingartenverbandes hat selbst drei Kinder und zwei Enkel. „Der Schock sitzt noch immer tief.“ Die Spartenvorsitzende Martina Plackmeyer hat vier Kinder, die Jüngste ist sechs. „Was sage ich ihr, wenn sie fragt, warum da Spielzeug liegt und Kerzen brennen? Es ist furchtbar“, so die 35-Jährige. „Was kann man tun? Ich achte jetzt noch mehr auf meine Kinder.“

Doris Brunn: „Das ist alles so unfassbar. Ich spiele Lotto im Laden der Mutter von Silvio S.. Schlimm, was auch diese Frau durchmachen muss.“ Quelle: Julian Stähle

„Niemand hat uns gefragt, ob wir das wollen“

Aber der Gedenkgarten mitten in der Kolonie gefällt nicht allen. „Das kann kein Dauerzustand sein“, erregt sich Jessica Suchan. Die 27-Jährige, selbst Mutter, hat ihren Garten vis-à-vis. „Uns hat niemand gefragt, ob wir das wollen. Wir werden ständig von Schaulustigen angesprochen, die dann fragen, wie wir das eigentlich aushalten so dicht an diesem schrecklichen Ort. Ich meine, eine kleine Gedenktafel sollte reichen.“

Am 8. Juli 2015 war der kleine Elias aus dem Potsdamer Stadtteil Schlaatz plötzlich verschwunden. Es folgte eine lange, aber erfolglose Suche der Polizei und freiwilliger Helfer. Als im Oktober der Flüchtlingsjunge Mohammed aus Berlin als vermisst gemeldet wurde, geriet Silvio S. ins Visier der Ermittler. Dann der Schock: Er soll auch Elias entführt haben.

Auch Monika Mann, die in ihrem Garten ein paar Wege weiter Unkraut jätet, fragt nach der Zukunft des ungewöhnlichen Gedenkorts. „Darüber muss sicher gesprochen werden. Freilich nicht jetzt, wo der Prozess beginnt und all das Grausame und Unfassbare noch mal hochkommt. Welch ein Leid für Eltern und Angehörige. Das nimmt einen schon mit.“

Angehörige von Elias loben den Gedenkgarten

Werner Fränkler kennt die Debatte um den Gedenkgarten. Die Sparte „Eckbusch“ – die größte von 24 in Luckenwalde – ist ohnehin schwieriges Terrain nach anhaltenden Grabenkämpfen und missglückten Vorstandswahlen. „Für die Parzelle, wo Elias lag, findet sich nie wieder ein Nutzer. Vielleicht kann daraus mal eine Gemeinschaftsfläche mit Grillecke entstehen. Ich weiß es nicht. Es gibt keinen Plan, das braucht Zeit“, so der Verbandschef.

Reinhard Sieber: „Ich finde es gut, dass es den Garten zur Erinnerung gibt. Gesundheitlich bin ich aber nicht mehr so fit, dass ich mich beteiligen kann.“ Quelle: Julian Stähle

„Der Ort, in dem Fall kommunales Gelände, konnte nicht so bleiben, wie ihn die Polizei hinterlassen hat“, sagt Frank Dunker, Amtsleiter des Luckenwalder Bauhofs. „Sicher werden wir die Plüschtiere mal wegräumen, aber die Gartenanlage bleibt untrennbar Teil des schrecklichen Verbrechens. Die Erinnerung wird nicht ausgelöscht.“ Am Eingang der Kolonie soll demnächst noch ein kleines Hinweisschild angebracht werden, damit Besucher – ohne lange fragen zu müssen – den Weg zum Erinnerungsgarten finden. Laut Dunker haben sich Angehörige von Elias über Facebook gemeldet und das Gartenprojekt gelobt. Sie hätten damit die Gewissheit, mit ihrer Trauer nicht allein zu sein.

Von Volkmar Krause

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