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Nach Elias’ Tod ist das Vertrauen weggebrochen

Interview mit Notfallseelsorger Nach Elias’ Tod ist das Vertrauen weggebrochen

Vor einem Jahr verschwand der kleine Potsdamer Elias. Notfallseelsorger Stefan Baier äußert sich im MAZ-Interview über die Ängste, die der gewaltsame Tod des Jungen bei Eltern auslöst, das Trauma der Helfer und die Bedeutung von Jahrestagen.

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Plüschtiere und Kerzen: Viele Menschen trauerten um den kleinen Elias aus Potsdam.

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Pfarrer Stefan Baier (55) ist Leiter der Notfallseelsorge im Land Brandenburg. Gemeinsam mit drei Kollegen hat er vergangenen Herbst die freiwilliger Suchhelfer nach der Todesnachricht von Elias betreut. Silvio S. aus Kaltenborn (Teltow-Fläming) hatte gestanden, den Jungen aus Potsdam getötet zu haben.

Besuch im Schlaatz – ein Jahr nach Elias’ Verschwinden>>

Pfarrer Stefan Baier

Pfarrer Stefan Baier.

Quelle: Privat

Das Verschwinden von Elias jährt sich heute. Haben solche Tage für die Helfer und die Angehörigen eine besondere Bedeutung?

Stefan Baier : Ja, auf jeden Fall. Ein Jahrestag ist ein Ausrufezeichen, eine Schwelle, die überschritten werden muss. Man denkt noch einmal intensiv darüber nach, was man erlebt hat. Das Geschehene bleibt immer Teil von einem, auch für die Helfer.

Wie haben Sie die Helfer vor Ort erlebt als klar war, dass Elias tot ist?

Baier: Es war eine große Solidarität zu spüren. Und, so seltsam es klingen mag, auch eine gewisse Erleichterung: Wir haben getan, was uns möglich war, wir müssen nicht mehr suchen.

Bislang ist nicht hundertprozentig klar, ob Elias auch an dem Tag seines Verschwindens starb. Ist das Wissen darüber, wie es genau gewesen ist, überhaupt wichtig?

Baier: Ja, das ist sehr wichtig, um besser verarbeiten zu können. Das Quälendste sind die Fantasien, die man nicht stoppen kann. Jedes Stück begrenzte Realität hilft dabei, besser mit dem Geschehenen umgehen zu können. Nicht nur für die Angehörigen, auch für die Helfer sind die Antworten auf folgende Fragen relevant: Wann starb er? Wie lange musste Elias leiden?

Parallel läuft gerade der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Elias. Ist das für Angehörige und Helfer belastend oder hilft es, um abzuschließen?

Baier: Beides ist möglich, das hängt von den Personen ab. Manche können schwer damit umgehen, dass auch ein mutmaßlicher Kindermörder natürlich einen fairen Prozess bekommen muss. So nach dem Motto: So ein Schwein! Was muss da noch groß verhandelt werden? Aber für die meisten wird es eher hilfreich sein, um zur Ruhe kommen zu können. Der Prozess kann womöglich einige der Antworten liefern, die ihnen fehlen.

Eltern am Schlaatz sagen, dass sie Angst hätten, ihre Kinder alleine auf den Spielplatz zu lassen. Der Täter scheint gefasst. Ist diese Angst nicht irrational?

Baier: Ja, doch das ist eine ganz normale Reaktion: Es ist ein Stück Grundvertrauen weggebrochen. Ich weiß zwar, dass solche schlimmen Dinge passieren, Kinder entführt werden können – in der Bronx , aber doch nicht vor meiner Haustür. Dieses Vertrauen in das eigene Zuhause ist damit auf Jahre erschüttert. Da reicht ein Jahr nicht, um das abzulegen. Mir geht es übrigens selbst so: Ich mache mir nach Elias mehr Sorgen um meine Enkel. Es geht auch an mir nicht spurlos vorbei. Das gilt für alle, die mit solchen Einsätzen zu tun haben. Wenn ein Kind mit solch unfassbarer Brutalität aus dem Leben gerissen wird – das lässt weder hartgesottene Ermittler noch psychologisch geschulte Helfer unberührt.

Interview: Marion Kaufmann

Von Marion Kaufmann

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Elias verschwand am 8. Juli 2015 spurlos. Die wochenlange Suche nach ihm brachte keinen Erfolg. Im November schließlich die schreckliche Gewissheit, der Junge wurde getötet. In der Chronologie haben wir die Ereignisse seit Elias' Verschwinden Woche für Woche zusammengefasst.

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