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Silvio S. muss nicht pädophil sein

Sexualmorde an Kindern Silvio S. muss nicht pädophil sein

Die Morde an Elias (6) und Mohamed (4) sind die traurige Ausnahme, denn Sexualmorde an Kindern geschehen sehr selten. Über das Motiv des mutmaßlichen Mörders Silvio S. ist bisher nichts bekannt. Im MAZ-Interview erklärt Kriminalist Mario Arndt, welche Besonderheiten es aus Erfahrung bei Sexualmorden an Kindern gibt.

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Mohamed und Elias fielen einem Sexualmörder zum Opfer.

Quelle: dpa

Berlin, Potsdam. Die Morde an Elias (6) und Mohamed (4) sind die traurige Ausnahme, denn Sexualmorde an Kindern geschehen sehr selten. Über das Motiv des mutmaßlichen Mörders Silvio S. ist bisher nichts bekannt. Im MAZ-Interview erklärt Kriminalist Mario Arndt, welche Besonderheiten es aus Erfahrung bei Sexualmorden an Kindern gibt.

99 von 100 vermissten Kindern werden in kürzester Zeit wohlbehalten wiedergefunden. Was sagt die Statistik über die übrigen ein Prozent aus?

Arndt: Zunächst: Im Jahr 2014 wurden 7174 Kinder (bis 14 Jahre) bundesweit als vermisst gemeldet. Bis zum September 2015 wurden davon 6986 Fälle aufgeklärt (Quelle Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA)). Die meisten vermissten Kinder sind Ausreißer. Zudem gibt es Kindesentziehungen, überwiegend durch ein Elternteil. Es kommt auch zu teils tödlichen Unfällen, zum Beispiel durch Ertrinken beim Spielen.Rund 150 Kinder werden pro Jahr in Deutschland getötet, im Jahr 2014 waren es laut BKA 108 Kinder. Dabei handelt es sich um fahrlässige Tötungen, Totschlagsdelikte, Körperverletzungen mit Todesfolge und Morde. Erschreckend dabei: Die meisten dieser Delikte finden im familiären und sozialen Umfeld der Kinder statt.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Arndt: Der 26-jährige Ole E. hat im Dezember 2013 in Strausberg (Märkisch-Oderland) ein zweijähriges Kind getötet. E. war der Lebensgefährte der Mutter des Kindes. Er hat das Mädchen geschüttelt, geschlagen, getreten, gewürgt, mehrfach kopfüber auf den Boden fallen lassen, sich mit einem Fuß auf ihren Bauch gestellt. Und er hat sich geweigert, Lilly ins Krankenhaus zu bringen, als sie nur noch röchelte und wie erstarrt im Bett lag. Er wurde wegen Totschlags zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Wie häufig kommen Sexualmorde an Kindern vor?

Arndt: Sexualmorde an Kindern geschehen äußerst selten. Nur nehmen wir das auf Grund des großen Medieninteresses an solchen Fällen anders wahr. Zwischen 1990 und dem Jahr 2000 registrierte das BKA lediglich 37 dieser Morde in Deutschland. Der überwiegende Teil dieser Tötungsdelikte wird relativ schnell aufgeklärt. Die Morde an Elias (6) und Mohamed (4) sind also eine große Ausnahme. Leider gibt es aber auch immer wieder Morde an Kindern, die über viele Jahre nicht geklärt werden. Dazu zählt der Mord an der 10-jährigen Jane Fränzke aus Dornswalde (Teltow-Fläming), die im Februar 1995 auf dem Weg zur Schule sexuell missbraucht und getötet wurde. Auch nach so langer Zeit wird an der Aufklärung des Verbrechens aber weiter gearbeitet.

Was Elias (6) und Mohamed (4) widerfahren ist, ist die absolute Ausnahme. Die beiden Kinder wurden mutmaßlich von dem 32-jährigen Silvio S. aus Brandenburg entführt, missbraucht und anschließend getötet. Wie wird aus einem als ruhig und höflich wahrgenommenen jungen Mann ein Kinderschänder und Mörder?

Arndt: Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich zu Detailfragen im Fall Elias und Mohamed nicht äußern kann, da mir auch nur die öffentlich zugänglichen Informationen aus den Medien vorliegen. Allgemein kann man sagen, dass es verschiedene Tätertypen bei Sexualmorden an Kindern gibt. Hier muss man unterscheiden, ob das Sexualdelikt oder die Tötung des Kindes das Motiv der Handlung ist. Wenn ein Täter das Kind nach einem sexuellen Missbrauch tötet und es dann noch vergräbt, dann könnte es sich bei der Tötung um eine Verdeckungstat handeln. Der Täter will den einzigen Zeugen der Tat, nämlich das Opfer, beseitigen.

Sind Menschen, die zu Sexualmördern werden, schon vorher auffällig?

Arndt: Ja, es gibt in fast allen Fällen von Sexualmorden im Vorfeld Auffälligkeiten beim Täter. Nur werden diese oft nicht wahrgenommen. Allgemein entwickelt ein Sexualmörder, je nach Motivationslage, über längere Zeiträume Fantasien. Er malt sich seine Taten gedanklich immer weiter aus. Gleichzeitig wächst das körperliche Verlangen, diese Fantasien in die Wirklichkeit umzusetzen. Irgendwann gibt es dann den Punkt, wo er bereit ist, die Tat zu begehen, mit allen Risiken. Oftmals gibt es sogar Vortaten, wie den „einfachen“ sexuellen Missbrauch, der unentdeckt bleibt, das Quälen von Tieren, Brandstiftungen und ähnliche Delikte.

Sind Menschen, die Kinder missbrauchen und töten, zwangsläufig pädophil?

Arndt: Nein, überhaupt nicht. Ein Täter, der einen Sexualmord an einem Kind begeht, muss nicht pädophil sein, d.h. sein primäres sexuelles Interesse muss nicht Kindern gelten. Oftmals ist das Kind nur ein „Sexualobjekt“, das leicht verfügbar und schnell und leicht beeinflussbar ist. Ein erwachsenes Opfer würde sich wehren. Darum weicht der Täter auf das „Ersatzopfer“ Kind aus. Nochmal: Jemand, der Kinder missbraucht, muss nicht pädophil sein.

Warum, glauben Sie, blieb es bei Silvio S. nicht bei dem Mord an Elias, warum musste noch ein zweites Kind sterben?

Arndt: Darüber möchte ich nicht spekulieren. Aus der kriminalistischen Praxis kann man aber sagen, es ist schon sehr selten, dass ein Sexualmörder in so kurzem zeitlichem Abstand zwei artgleiche Morde begeht. Nicht selten nimmt der Mörder ein „Souvenir“ oder eine „Trophäe“ vom Tatort mit, um seine Fantasien später anzuregen und weiter zu entfalten. Wie lange er dann mit seinen Fantasien leben kann, ohne wieder eine aktive Tat auszuführen, ist sehr unterschiedlich und kaum vorherzusagen. Hier muss man wieder das eigentliche Motiv der Tat betrachten. Doch darüber wissen wir im Fall von Silvio S. bislang nichts. Das wird man hoffentlich nach dem Gerichtsprozess wissen, wenn sich die forensischen Sachverständigen ausführlich mit der Persönlichkeit des vermeintlichen Täters befasst haben und ihre Gutachten erstellen.

Mario Arndt

Mario Arndt (52) ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik e.V. und deren Landesvertreter für Berlin und Brandenburg. Er ist Dozent an der Sicherheitsakademie Berlin und leitet die private Detektei S.E.K.A. in Berlin. Mario Arndt hat Kriminalistik studiert und ist spezialisiert auf die Bearbeitung strafrechtlich relevanter Sachverhalte und nicht natürlicher Todesfälle.

Von Interview: Maria Kröhnke

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