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Wenn ein Kind vermisst wird

Interview mit Kriminalist Mario Arndt Wenn ein Kind vermisst wird

98 Prozent aller vermissten Kinder in Deutschland werden nach kurzer Zeit gefunden. Doch je länger die Suche dauert, desto wahrscheinlicher sind ein Unfall oder ein Verbrechen. Das sagt der Kriminalist Mario Arndt im MAZ-Interview - und erklärt, was das Besondere an der Suche nach Kindern ist. Seit Tagen wird der 6 Jahre alte Elias aus Potsdam vermisst.

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Seit Mittwoch fahndet ein Großaufgebot der Polizei nach Elias (6) aus Potsdam

Quelle: Julian Stähle

MAZ: Die ersten 24 Stunden nach Verschwinden eines Kindes sind die wichtigsten. Warum ist das so?

Mario Arndt: Die Erfahrung lehrt, dass bei einem Verbrechen an einem Kind das Opfer meist am selben Tag getötet wird, einen Tötungsvorsatz beim Täter vorausgesetzt. Das ist der wichtigste Grund, warum bei vermissten Kindern sofort die Fahndungsmaßnahmen anlaufen. Liegt ein Unfall des Kindes vor bzw. eine dadurch hilflose Lage, so ist klar, dass in den ersten 24 Stunden die Überlebenschancen am größten sind. Zudem ist das Erinnerungsvermögen der Zeugen in den ersten 24 Stunden besser. Auch sichtet die Polizei in solchen Fällen alle möglichen Videoaufzeichnungen. Das betrifft Züge und Busse, aber auch zum Beispiel Tankstellen und ähnliche Objekte. Hier ist es oft der Fall, dass diese Aufnahmen nur eine begrenzte Zeit gespeichert werden, so dass auch dadurch die ersten 24 Stunden die wichtigsten sind zur Beweissicherung. Außerdem hat natürlich die kriminaltechnische Spurensicherung an den relevanten Orten absolute Priorität.

Wir müssen hier zwischen Kindern und Jugendlichen unterscheiden. Im jugendlichen Alter sind häufig Konflikte in der Schule oder im Elternhaus Ursache für ein Verlassen der gewohnten Umgebung. Jugendliche haben bereits "einen eigenen Kopf". Da kommt es oft zu unüberlegten Handlungen. Man versteckt sich bei Freunden, geht ein paar Tage auf die Straße oder ähnliches. Bei Kindern ist diese Reaktion auf Probleme in der Familie oder im Kindergarten bzw. in der Schule eher seltener.

Mario Arndt

Mario Arndt (52 Jahre) ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik e.V. und deren Landesvertreter für Berlin und Brandenburg. Er ist Dozent an der Sicherheitsakademie Berlin und leitet die private Detektei S.E.K.A. in Berlin. Mario Arndt hat Kriminalistik studiert und ist spezialisiert auf die Bearbeitung strafrechtlich relevanter Sachverhalte und nicht natürlicher Todesfälle.

Was ist das Besondere an der Suche nach einem Kind?

Arndt: Der Erwachsene kann sich frei entscheiden, wo er sich aufhält. Niemand ist verpflichtet, seiner Familie oder anderen Personen mitzuteilen, wo man sich aufhält. Daher wartet die Polizei in der Regel einige Zeit ab, bevor Fahndungsmaßnahmen eingeleitet werden. Ein Kind ist schon rein von seinem Entwicklungsstadium her emotional sehr eng an die Familie gebunden. Oft verschwinden Kinder, weil sie sich verlaufen haben, während des Spielens vom eigentlichen Aufenthaltsort abweichen oder einfach ihre Umgebung erkunden wollen. Meist tauchen diese Kinder sehr schnell wieder auf. Wenn das nicht der Fall ist, so muss man, anders als bei einem Erwachsenen, sehr bald von einem Unfall oder einem strafrechtlich relevanten Ereignis ausgehen. Je länger die Suche nach einem Kind dauert, desto wahrscheinlicher werden ein Unfall oder ein Verbrechen.

Warum ist es so schwierig, vermisste Kinder zu finden?

Arndt: Es ist im Allgemeinen gar nicht so schwierig. Zirka 98 Prozent der vermissten Kinder und Jugendlichen in Deutschland werden in den ersten Tagen nach ihrem Verschwinden gefunden oder kehren selbständig in die Obhut der Familie zurück. In den Medien werden allerdings regelmäßig nur die zwei Prozent der Fälle veröffentlicht, die in den ersten Tagen und Wochen ungelöst bleiben und die so das Bild in der Öffentlichkeit prägen.

In Potsdam sucht die Polizei bereits seit mehreren Tagen intensiv nach dem sechsjährigen Elias. Wie hoch ist Ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass Elias gefunden wird?

Arndt: Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich zu Aussagen über den konkreten Fall nicht kompetent und befugt sehe. Mir sind weder die Ermittlungsakten noch die Spurenakten und auch keine Maßnahmepläne der Polizei bekannt. Wie Sie, habe ich nur die Medieninformationen zu diesem Fall. Wer sich auf Grundlage dieses Wissens zu konkreten Aussagen über den Fall hinreißen lässt, ist ein „Möchtegernkriminalist“ oder ein Selbstdarsteller. Es kann lediglich allgemein gesagt werden, dass mit jedem Tag, der ergebnislos verstreicht, die Wahrscheinlichkeit eines Unfalles oder Verbrechens steigt.

Die Potsdamer Polizei scheint den Fokus der Suche bisher auf den Stadtteil gerichtet zu haben, in dem das Kind verschwunden ist. Wie schätzen Sie die Polizeiarbeit in dem Fall bisher ein?

Arndt: Sie sehen das vielleicht so, dass die Polizei ihren Fokus ihrer Suche auf den Stadtteil gerichtet hat. Das ist das, was im öffentlichen Erscheinungsbild hervorsticht. Es kann aber mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die polizeilichen Ermittlungen auch in verschiedene andere Richtungen laufen - und dies auch bundesweit. Sie können davon ausgehen, dass die Polizei sicherlich alles in ihrer Macht Stehende tut, um schnell zu einem Fahndungserfolg zu kommen.

Die Suche nach Elias

Alle Informationen zur Suche nach Elias im MAZonline-Spezial:

MAZ-online.de/elias >

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