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Zwei getötete Kinder und viele Fragen

Elias-Prozess in Potsdam Zwei getötete Kinder und viele Fragen

Der mutmaßliche zweifache Mörder Silvio S. soll Elias, 6, und Mohamed, 4, entführt, missbraucht und getötet haben. Vor dem Gerichtsurteil am Dienstag gibt die MAZ Antwort auf wichtige Fragen: Welche Strafe droht Silvio S.? Ist der Gang in eine höhere Instanz denkbar? Und was ist das Geständnis im Polizeiverhör wert?

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Silvio S. im Landgericht Potsdam

Quelle: Dpa

Potsdam. Nach elf Verhandlungstagen fällt am Dienstag das Urteil im Prozess gegen den mutmaßlichen zweifachen Mörder Silvio S. Er soll Elias, 6, und Mohamed, 4, entführt, missbraucht und getötet haben.

Welche Strafe droht Silvio S.?

Im Fall Mohamed gilt eine Verurteilung wegen Mordes als wahrscheinlich. Silvio S. soll das Kind getötet haben, um die Entführung des Flüchtlingskindes zu verdecken – ein Mordmerkmal wäre also erfüllt. Zum Schicksal von Elias hat der Angeklagte hingegen bis auf den späteren Fundort der Leiche nichts gesagt. Wahrscheinlich wird das als Totschlag gewertet. In der Zusammenschau käme dennoch eine Verurteilung wegen Mordes heraus – also mindestens 15 Jahre Haft. Erst danach dürfen Haftlockerungen greifen. In diesem Fall würde Silvio S. auch nur dann freigelassen, wenn ein Gutachter ihn für nicht rückfallgefährdet hielte. Zentral wird die Frage, ob das Gericht eine „besondere Schwere der Schuld“ sieht. Das würde eine Haftentlassung erst nach voraussichtlich 20 Jahren ermöglichen. Um dieses verschärfte Strafmaß anzuwenden, muss die Tat in Ausmaß und Brutalität aus durchschnittlichen Taten „herausragen“. Schließlich steht die Frage der Sicherungsverwahrung im Raum. Das hieße: Wegschließen auch nach Verbüßung der Haft – wegen Allgemeingefährlichkeit. Diese extremste Form des Freiheitsentzugs im deutschen Recht hielt der psychiatrische Gutachter im Prozess aber für nicht angebracht.

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Was genau bedeutet „lebenslang“? Was ist eine Sicherungsverwahrung? Und was hat es mit den letzten Worten des Angeklagten auf sich?

Was ist das Geständnis im Polizeiverhör wert?

Im Polizeiverhör gestand Silvio S., die beiden Jungen entführt und getötet zu haben. Im Fall Mohamed schilderte er auch Einzelheiten des Missbrauchs. Das 15-seitige Vernehmungsprotokoll ist damals jedoch nicht unterschrieben worden. Es gab einen Streit zwischen Verteidigung und Vernehmungsbeamten, der eine mögliche Änderung des Protokolls betraf. Im Prozess ist das Geständnis allerdings nicht widerrufen worden. Grundsätzlich ist ein Geständnis im Polizeiverhör nicht gleichbedeutend mit einem Geständnis vor Gericht, das ausblieb.

Welche Fragen sind im Prozess offen geblieben?

Um den Tod von Elias gibt es viele Unklarheiten. Das Obduktionsgutachten legt nahe, dass der Potsdamer Junge brutal missbraucht wurde – eindeutig bewiesen ist es nicht. Auch ist offen, ob ihm die schweren Verletzungen vor oder nach dem gewaltsamen Tod zugefügt wurden. Über den Prozess hinaus stellt sich die Frage, ob es weitere Opfer von Silvio S. gibt. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft hat ein entsprechendes Verfahren eingeleitet. Bei dem Angeklagten waren auch DNA-Spuren bislang unbekannter Personen gefunden worden.

Wo sitzt Silvio S. nach einer Verurteilung ein?

Das Land Brandenburg hat nur wenige Haftanstalten. Derzeit sitzt Silvio S. in Untersuchungshaft in Brandenburg/Havel. Es könnte gut sein, dass er im Falle einer Verurteilung dort bleibt. Man kann ihn, weil die Anstalt nicht voll ausgelastet ist, dort recht gut von Mitgefangenen isolieren – um ihn vor Angriffen zu schützen. In Berlin-Moabit wurde er bereits einmal angefallen. Dennoch ist für das Justizministerium laut Sprecherin Maria Strauß Ziel, solche Täter „in den normalen Strafvollzug zu integrieren“ – ohne Extra-Schutzzone also.

Genauso gut kann es sein, dass der Mann aus Kaltenborn bei Jüterbog in der neuesten JVA des Landes, Luckau-Duben, inhaftiert würde. Die ist auf Langzeithäftlinge spezialisiert. In jedem Falle werde man eine Unterbringung „in Wohnortnähe“ befürworten, so Strauß.

Ist der Gang in eine höhere Instanz denkbar?

Eine Fortsetzung am Bundesgerichtshof in Leipzig ist höchstwahrscheinlich. Wie auch immer das Gericht entscheidet: Die Staatsanwaltschaft wird wohl Revision beantragen, wenn ihr das Urteil als zu milde vorkommt. Und die Verteidigung wird vermutlich ihrerseits die höhere Instanz bemühen, wenn das Gericht Sicherungsverwahrung anordnet oder die besondere Schwere der Schuld feststellt. Ein Spruch, den beide Seiten und die Angehörigen akzeptieren, ist kaum denkbar.

Gibt es eine Entschädigung?

Nur ein Nebenkläger – der von Mohameds Mutter – hat Schmerzensgeld geltend gemacht: 50 000 Euro. Den Anspruch auf irgendeine Summe wird das Gericht vermutlich einräumen. Doch praktisch gesehen ist Silvio S. fast mittellos. Sein Dacia, in dem der tote Flüchtlingsjunge lag, ist bankfinanziert. Eine Riesterrente hat der Wachschutzmitarbeiter zwar abgeschlossen, die ist aber lange noch nicht fällig. Nur die Anwartschaft darauf ist pfändbar. Was den Anteil des Angeklagten an der Doppelhaushälfte angeht: Im Falle einer Zwangsversteigerung stellt sich die Frage: Wer will in einem Mord-Haus wohnen? Ein solcher Makel müsste auf jeden Fall im Exposé angegeben werden. Außerdem: Das Haus liegt weit weg von Berlin, es ist ohnehin nicht viel wert. Es ist also unwahrscheinlich, dass größere Summen fließen werden. Ein Kind machen sie ohnehin nicht wieder lebendig.

Wer erhält die Belohnung?

Die entscheidenden Hinweise auf Silvio S. kamen aus dem familiären Umfeld – von Ex-Schwager und Mutter. Beide kommen als Empfänger der Belohnung infrage, die frühestens nach Rechtskraft des Urteils ausgezahlt wird. Die Berliner Staatsanwaltschaft und zwei Privatleute hatten im Fall Mohamed insgesamt 20 000 Euro ausgelobt. Nicht mehr abrufbar ist die Belohnung über 50 000 Euro, die ein Privatmann im Fall Elias ausgesetzt hatte. Der Betrag ist laut der damit betrauten Berliner Kanzlei Unger verfallen, da niemand fristgerecht bis Ende März 2016 einen Anspruch geltend gemacht hat.

Mehr im MAZonline-Spezial

Von Ulrich Wangemann, Bastian Pauly und Nadine Fabian

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Elias verschwand am 8. Juli 2015 spurlos. Die wochenlange Suche nach ihm brachte keinen Erfolg. Im November schließlich die schreckliche Gewissheit, der Junge wurde getötet. In der Chronologie haben wir die Ereignisse seit Elias' Verschwinden Woche für Woche zusammengefasst.

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