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Entenkeulen für 900 Menschen in Not

Weihnachtsfeier für bedürftige Potsdamer Entenkeulen für 900 Menschen in Not

Niemand weiß, wie viele Menschen in Potsdam auf der Straße leben, wie viele in einer Notlage sind, in der sie sich selbst kaum mehr helfen können. Sicher ist: Die Zahl der Bedürftigen steigt. Allein 900 Potsdamer, die es im Leben nicht so gut getroffen haben, kamen gestern auf Einladung der Awo zur Weihnachtsfeier mit Schmaus und Bescherung ins Dorint-Hotel.

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Familie van der Meer mit Jayden-Tyler (4) war unter den Gästen im Dorint-Hotel. Das Schicksal hat es nicht gut gemeint mit der Familie – doch den Humor lassen sich die van der Meers nicht nehmen.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Es ist lange her, dass er den Kindern etwas zu Weihnachten schenken konnte. „Sieben Jahre, vielleicht auch mehr“, sagt Reinhard van der Meer (61). Dem Enkel konnte der Opa gar noch nie etwas unter den Baum legen. Mit vier Jahren ist Jayden-Tyler zum Glück noch zu jung, um die Sorgen seiner Familie ermessen zu können – noch darf er Kind sein, unbeschwert und mit leichtem Herzen. Der Großvater tut sein Bestes dazu, macht seine Späße mit ihm. „Meinen Humor lass sich mir nicht nehmen“, sagt Reinhard van der Meer. „Egal, wie schlimm es kommt.“

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Niemand weiß, wie viele Menschen in Potsdam auf der Straße leben, wie viele in einer Notlage sind, in der sie sich selbst kaum mehr helfen können. Sicher ist: Die Zahl der Bedürftigen steigt. Allein 900 Potsdamer, die es im Leben nicht so gut getroffen haben, kamen am Montag auf Einladung der Awo zur Weihnachtsfeier mit Schmaus und Bescherung ins Dorint-Hotel.

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Und schlimm ist’s gekommen in den vergangenen Jahren. Job weg, Gesundheit kaputt. Das linke Bein wurde ihm amputiert, ums andere steht es auch schlecht. „Wir waren kurz davor, obdachlos zu werden“, erzählt Reinhard van der Meer, der einst als Zimmerer auf den höchsten Dächern zu Gange war und heute im Rollstuhl sitzt. „Wir leben von der Hand in den Mund. Und wir sind in Potsdam nicht die einzigen.“ Die Schere zwischen Arm und Reich, meint er, öffnet sich mehr und mehr. Er stemmt sich ein paar Zentimeter aus dem Rollstuhl, um den Saal, um all die Männer und Frauen, Kinder und Jugendlichen besser überschauen zu können.

900 Menschen in Not, darunter 300 Kinder, sind am Montagnachmittag zur „Von Herzen“-Weihnachtsfeier der Arbeiterwohlfahrt ins Dorint-Hotel gekommen – so viele wie nie zuvor. „Ein Rekord, den man so und so sehen kann“, sagt Attila Weidemann – der beliebte RBB-Wettermann und rasende Reporter führte durchs Programm.„Wir freuen uns, dass wir heute so viele sind, die miteinander feiern. Und wir sind traurig, dass so viele Menschen bedürftig sind in dieser Stadt.“ Wie gut, dass es da die Awo gebe, die nicht nur in der Weihnachtszeit ein starker Partner ist, sondern das ganze Jahr hindurch, tagein, tagaus. „Bei der Awo sind Sie wohl behütet“, lobt denn auch Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). „Auf die Awo können Sie sich verlassen.“ Diesen Einsatz, vor allem der Einsatz der vielen ehrenamtlichen Helfer, „könnten wir gar nicht mit Geld bezahlen“, sagt Jakobs.

Das liebe, das verdammte Geld. Wie oft schon hat es Jaydens Mutter verflucht! 817 Euro Hartz IV bezieht Ariane van der Meer (30). Hinzu kommen 340 Euro, die sie mit Kisten-Auspacken und Regale-Einräumen im Supermarkt verdient. Davon bezahlt die Alleinerziehende die Miete für die kleine Wohnung in Drewitz und Jaydens Kita-Platz, den Strom und die Versicherungen, Lebensmittel, Kleidung, das Telefon... „Eben alles“, sagt Ariane van der Meer. Es reicht gerade so. Aber eben nicht für mehr. Seit Januar hat sie Monat für Monat ein wenig Geld zur Seite gepackt, um Jayden ein Weihnachtgeschenk kaufen zu können, eine Autorennbahn. „So etwas ist teuer. Aber ich hab’s geschafft“, sagt die junge Frau. Sie lacht und weint zugleich und dreht sich weg von Jayden, um heimlich die Tränen fortzuwischen.

Schon zum vierten Mal ist Ariane van der Meer mit den Eltern und mit Jayden zu Gast bei der Awo-Feier. „Es ist so schön hier – das kann man gar nicht in Worte fassen. Für meine Familie wäre Weihnachten ohne dieses Fest sehr traurig.“ Was sie sich wünscht? Ariane van der Meer zögert keinen Wimpernschlag: „Einen Job“, sagt sie. „Eine Weiterbildung, endlich wieder in meinen Beruf zurückzukehren.“ Sie ist Erzieherin. „Weil der Kleine aber sehr oft krank ist, habe ich die Kündigung erhalten.“

Geschichten wie diese sind bei der Weihnachtsfeier an jedem der festlich gedeckten Tische zu hören. „Es klingt merkwürdig, aber genau das ist auch das Schöne“, sagt Reinhard van der Meer. „Hier treffen wir Leute, die unser Schicksal teilen – wir sehen, dass wir nicht allein sind, tauschen Erfahrungen aus, geben uns Tipps. Vor allem ist die Feier aber mal etwas anderes. Man kommt mal raus, ist unter Menschen – viele in unserer Lage kapseln sich ab.“

Nicht nur für die Gäste, auch für das Dorint-Team ist das „Von Herzen“-Fest etwas Besonderes. „Das ist einer der schönesten Tage im Jahr“, sagt Hoteldirektor Stefan von Heine. Sicher ist es der geschäftigste. Immerhin mussten zig Tische eingedeckt und dutzende Kandelaber poliert, aufgebaut und entzündet werden. 2000 Klöße haben die Köche angerichtet, 760 Entenkeulen, dazu Haxen, Rotkohl, Salate, Desserts und Kuchen. Stefan von Heine breitet die Arme aus: „Genießen Sie den Tag. Wir sind für Sie da!“

Hilfe für Bedürftige

- Die Suppenküche auf dem Campus der Stadtverwaltung hat wochentags 9-14 Uhr und sonntags 10-14 Uhr geöffnet. Für Bedürftige gibt es eine warme Mahlzeit, sie können auch duschen und in der Kleiderkammer stöbern.

Die Kleiderstube vom Verein Exvoto, Max-Eyth-Allee 44a ist Montag bis Mittwoch 9-18 Uhr, Donnerstag/Freitag 9-16 Uhr, Samstag 9-13 Uhr geöffnet.

Die Tafel hat in Potsdam zwei Ausgabestellen. Bei der Baptistengemeinde, Schopenhauer Straße 8, ist Dienstag 14-16 Uhr geöffnet. In der Drewitzer Straße 22a werden Mittwoch bis Freitag 15-17 Uhr Lebensmittel verteilt. Zudem betreibt die Tafel eine Ausgabestelle in Teltow, Potsdamer Straße 34 (Samstag 15-17 Uhr), und die Tee- und Wärmestube in Werder, Eisenbahnstraße 1 (Montag bis Freitag 9-15 Uhr).

- Das Arztmobil hält donnerstags von 10.30 bis 11.30 Uhr auf dem Konsumhof. Dort gibt es beim BBW auch Angebote für Menschen in Not (eine Anmeldung beim Jobcenter ist nötig).

Von Nadine Fabian

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