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Er „erfand“ den Landtag am Alten Markt

Potsdamer Chef-Denkmalpfleger im Interview Er „erfand“ den Landtag am Alten Markt

Potsdams Stadtkonservator Andreas Kalesse hält Rückschau auf 25 Jahre in der Stadt. Die Anfänge waren ziemlich bescheiden: Im Amt gab es keine Möbel außer plüschigen Stasi-Sesseln. In extremer Kleinstarbeit musste eine Übersicht der existierenden Denkmale erstellt werden. Und er hatte die Idee zum Standort für das Parlamentsgebäude: am Alten Markt.

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Stadtkonservator Andreas Kalesse mit einem friderizianischen Denkmal von 1773, das auf der Montierungskammer der roten Kasernen stand.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Normalerweise hält sich Stadtkonservator Andreas Kalesse öffentlich sehr bedeckt. Zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum in der Stadt machte er aber eine Ausnahme und sprach über das Arbeiten im Ex-Stasi-Knast, die Befindlichkeiten zwischen Stadt und Schlösserstiftung und weshalb er lieber eine Förderung der Friedenskirche sähe als der Garnisonkirche.

MAZ: Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag vor 25 Jahren erinnern?

Andreas Kalesse: Ja, ziemlich genau sogar. Mein Dienstzimmer war vollkommen leer. Von der Decke hing an einem Kabel eine Glühbirne. Ich bekam einen roten wackligen, plüschigen Stasi-Sessel. Das Amt war damals nämlich in der Lindenstraße 54/55, dem ehemaligen Stasi-Knast. Dann musste ich mir mit den Kollegen und dem sehr aktiven Hausmeister die Möbel von überall zusammensammeln. Die Beleuchtung kam aus einer Fleischerei und die Schränke aus einer Apotheke.

Und wie fanden Sie sich als „Wessi“ der alten West-Berliner Schule damals in Potsdam zurecht?

Kalesse: Ich kannte Potsdam ja bereits seit langem – insofern gab es keinerlei Probleme. Die Mitarbeiter waren gut ausgebildet und hatten eine genaues Bild von der Rettung dieser Stadt. Zunächst mussten wir überhaupt erst einmal den gesamten Schutzgutumfang ermitteln, weil im August 1991 das neue Denkmalschutzgesetz in Kraft trat. Aber Anfang 1991 gab es noch gar keine Übersichtslisten über den Bestand. Heute ruft man im Internet die Liste der ganzen Denkmale auf, aber wir mussten alles in mühsamster Kleinarbeit aus den einzelnen Akten zusammensuchen.

Ein Vierteljahrhundert ist eine sehr lange Zeit mit sicher unglaublich vielen speziellen Ereignissen. Trotzdem: Gab es etwas ganz besonderes Highlight für Sie?

Kalesse: Am meisten hat mich gefreut, dass meine Idee, den Landtag auf die Stelle des ehemaligen Stadtschlosses in dessen Kubatur zu platzieren, tatsächlich realisiert wurde. Wofür man mich Anfang 1991 und auch später scharf kritisiert hat, ist nun eine Realität.

Hatten Sie damals schon die Vision, dass das Parlament eine historische Hülle bekommen soll?

Kalesse: Nein, das war nicht der entscheidende Punkt. Wichtig war, dass das Parlament überhaupt dorthin kommt und dass es in seiner Form die Kubatur des ehemaligen Schlosses nachzeichnet. Im April 1991 fand ein „Internationales Architektenseminar“ mit zehn Architektengruppen aus dem In- und Ausland statt. Nur eine Gruppe folgte meinem Vorschlag, das Parlament an die Stelle des ehemaligen Stadtschlosses zu stellen. Eine weitere Gruppe schlug wenigstens ein Palais der Landesregierung vor. Die Gruppe um den Architekten Franco Stella schlug zwar auch ein Parlamentsgebäude vor – aber an der Stelle der heutigen Fachhochschule. Bemerkenswert ist, dass Stella nun in Berlin eine Erinnerungsarchitektur an das dortige ehemalige Stadtschloss realisiert!

Bei der Durchsetzung der Interessen der Denkmalpflege gelten Sie – mit Verlaub – als „harter Hund“ und sehr streng.

Kalesse: Ja, und darauf bin ich ja auch sehr stolz. Sonst sähe Potsdam nicht so aus, wie es aussieht. Nur ein Beispiel: die Brandenburger Straße: In vielen anderen Städten haben historische Häuser im Erdgeschoss oft keinen einzigen historischen Stein mehr. Da gucken Sie nur noch auf hundertprozentige Verglasungen und Stahl. Die kleine Ladenstruktur, die Sie bei uns noch auf der Brandenburger Straße finden, ist woanders völlig vernichtet.

TV-Moderator Günther Jauch, der in Potsdam viele historische Häuser besitzt, beklagte seinerzeit geradezu schikanöse Auflagen durch die Denkmalpflege. Wie ist jetzt Ihr Verhältnis zu Herrn Jauch?

Kalesse: Ich habe keines.

2015 wurde das Jubiläum „25 Unesco-Welterbe in Potsdam“ gefeiert. Nun wird das Welterbe meist mit der Schlösserstiftung assoziiert, obwohl der größte Teil der Welterbefläche auf dem Stadtgebiet liegt. Wie würden Sie die Beziehung zwischen Stadt und Stiftung beschreiben?

Kalesse: Das ist naturgemäß ein schwieriges Verhältnis. Die Stiftung kann sich ausschließlich auf Museales konzentrieren, während die sie umgebende Stadt ein lebendiger Körper ist, der sich permanent wandelt und der auch anderen Nutzungsansprüchen unterworfen wird. Unsere Aufgabe ist es, die Historizität einer Stadt trotz der sich wandelnden Ansprüche weitestgehend zu wahren. Die Stiftung hat die wesentlich komfortablere Aufgabe, nur bewahren zu müssen. Keiner wird je die Fensterscheiben von Sanssouci rausnehmen müssen, weil eine Wärmedämmverglasung erforderlich ist oder eine 20 Zentimeter dicke Wärmedämmung vor die Fassade gesetzt werden muss. Oder Schallschutz, Fahrstuhl, Parkplätze, Mülltonnen – all das gab es im 18. Jahrhundert nicht. Haben Sie in Sanssouci schon mal eine gelbe Tonne gesehen?

In Potsdam dreht sich viel um die Barock-Architektur. DDR-Bauten finden hingegen kaum mehr Gnade. Würden Sie dafür plädieren, dass Gebäude wie die FH am Alten Markt oder das Mercure-Hotel unter Schutz gestellt werden?

Kalesse: Da bin ich die falsche Anlaufstelle. Für Unterschutzstellungen ist das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege beim Land zuständig.

Wem würden Sie eine finanzielle Förderung mehr gönnen: dem Aufbauprojekt Garnisonkirche oder der sanierungsbedürftigen Friedenskirche?

Kalesse: Da es sich um die wiedererbaute Garnisonkirche um kein Denkmal handeln wird, würde ich als Denkmalpfleger für eine Förderung der Friedenskirche plädieren. Sie ist ein hochbedeutendes Bauwerk, nicht zuletzt als Grablege eines preußischen Königs mit seiner Frau und als Hofkirche. Und sie hat ein bedeutendes mittelalterliches Apsis-Mosaik aus Venedig.

Würde es Sie stören, wenn man Sie als „Sichtachsen-Fetischist“ titulieren würde?

Kalesse: Als Fetisch betrachte ich die Achsen nicht, aber sie sind ein maßgebliches Charakteristikum dieser Stadt und müssen daher auch erhalten bleiben. In Berlin stellt auch niemand den Fernsehturm infrage.

In Ihrem Vierteljahrhundert in Potsdam hatten Sie mit Hunderten historischen Bauwerken zu tun. Welches ist Ihr „Liebling“?

Kalesse : Die Alexander-Newski-Kapelle auf dem Kapellenberg. Sie war die erste Kirche, die wir gleich nach der Wende in Angriff genommen haben. Sie hat ein Höchstmaß an Authentizität, weil sie nie zerstört wurde. Architektonisch und künstlerisch ist sie hervorragend ausgestattet und sie stellt ein Zukunftssymbol christlicher Natur für die Freundschaft zwischen Preußen und Russland dar. Das bleibt seit 1829 bis heute aktuell.

Gibt es etwas, das Sie an Potsdam – abgesehen von den Bauwerken – als ganz speziell empfinden?

Kalesse: Das Engagement von Privatleuten ist hier besonders hoch und natürlich sehr bereichernd. Es gibt viele Förderinitiativen, die sich um den Erhalt historischer Kulturgüter bemühen und sehr viel Zeit und Geld dafür aufbringen. Und unsere Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und ihrer „Frau vor Ort“, Heidi Gerber, kann man nur als vorbildlich bezeichnen.

In etwas mehr als zwei Jahren müssen Sie in Rente gehen. Was möchten Sie bis dahin noch unter Dach und Fach bringen?

Kalesse: Leider muss ich in Rente gehen, obwohl ich das Gefühl habe, als sei noch nicht mal die Hälfte der Zeit rum. Ich will noch die wissenschaftlichen Untersuchungen über den jüdischen Friedhof am Pfingstberg zum Abschluss bringen. Es war immerhin der erste jüdische Friedhof überhaupt, der in Deutschland unter Unesco-Schutz gestellt wurde. Außerdem will ich die Alexandrowka weitestgehend restauratorisch zum Abschluss bringen: Drei Häuser müssen noch komplett gemacht werden, zwei müssen noch außen saniert werden. Wichtig ist mir bei der russischen Kolonie auch, dass die historischen Obstsorten noch zu Ende bestimmt werden. Und mein dritter großer Wunsch bleibt die Rückführung und Aufstellung aller Attika-Figuren – auch die von der Humboldt-Universität – auf das Potsdamer Parlamentsgebäude.

Als Denkmalpfleger sind Sie ja in erster Linie mit Geschichtlichem befasst. Riskieren wir aber mal einen Blick in die Zukunft: Wie sollte Potsdam im Jahr 2030 aussehen?

Kalesse: Weiterhin so gut wie bisher. Ich wünsche mir, dass meine Nachfolger die Stadt weiterhin so gut pflegen und entwickeln. Wir haben Potsdam in den vergangenen 25 Jahren aus einem schlimmen Gesamtzustand herausgeholt und sie in diesen Zustand versetzt, der von allen bewundert und besonders hervorgehoben wird.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie haben das Gesicht von Potsdam maßgeblich geprägt und damit auch einen Sehnsuchtsort für Zuzügler daraus gemacht. Sie selbst wohnen aber standhaft in Spandau. Warum?

Kalesse: Als Kind einer Flüchtlingsfamilie möchte man auch irgendwann „ankommen“ und dann bleibt man dort, wo man zur Schule gegangen ist und wo man Denkmalpflege gelernt hat. Ich habe mich seit 1972 um Denkmalpflege gekümmert und meine ersten großen Erfolge in Spandau erzielt. Das sitzt tief! Potsdam bleibt dann meine Vollendung und heimliche Liebe.

Von Ildiko Röd

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