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Potsdam Er hörte Martin Luther King predigen
Lokales Potsdam Er hörte Martin Luther King predigen
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10:28 16.11.2016
Pastor Michael Lefherz (l.) und Konrad Krause, der Martin Luther King 1964 in der Marienkirche erlebt hat – und später selbst Pastor wurde. Quelle: Christel KÖster
Potsdam

Zwischen Texttafeln und Schwarz-Weiß-Fotos erinnert sich Konrad Krause (71) an Worte, die die Welt tausender Christen in der DDR, die seine Welt veränderten. 52 Jahre ist es her, eine halbe Ewigkeit, doch noch immer klingen diese Worte in seinem Gedächtnis: „My dear christian friends in East-Berlin...“

Der Mann, der zu den „lieben christlichen Freunde in Ost- Berlin“, so unverhofft gekommen ist und „Grüße eurer Brüder und Schwestern aus West-Berlin... und eurer christlichen Brüder und Schwestern aus den Vereinigten Staaten“ überbringt, ist Martin Luther King. Der amerikanische Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger predigte am 13. September 1964 in der Ost-Berliner St. Marienkirche. Eine Ausstellung, die noch bis zum 20. November in der Potsdamer Baptistenkirche an der Schopenhauerstraße zu sehen ist, erinnert an den Besuch.

„Martin Luther King hat uns aus dem Herzen gesprochen“

In einer der ersten Reihen, der Kanzel ganz nahe, sitzt damals Konrad Krause und hört King atemlos zu. „Es ist wahrhaftig eine Ehre in dieser Stadt zu sein, die als ein Symbol der Teilungen durch Menschen auf dieser Erde steht“, sagt King. „Denn hier leben auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen.“ Die Predigt, die Konrad Krause mit einem tiefen Gefühl der Isolation verlässt, ihm aber zugleich Hoffnung schenkt, markiert einen Wendepunkt in seinem Leben. „Martin Luther King hat uns aus dem Herzen gesprochen“, sagt er.

Auf der Kanzel: Am 13. September 1964 predigte Martin Luther King in der Ost-Berliner St. Marienkirche. Quelle: Marienkirche

Konrad Krause ist in Potsdam geboren – im März 1945, nur wenige Wochen vor der Nacht, in der Bomben die historische Altstadt, in der seine Familie zu Hause ist, zerstörten. Er ist in Potsdam aufgewachsen und zur Schule gegangen. Und er ist in Potsdam verhaftet worden, weil er der Grenze näher kam als es nervöse Machthaber ertragen konnten.

Konrad Krause ist 16 Jahre alt, als der Mauerbau beginnt. Ein paar Tage nach dem 13. August 1961 packt den Halbstarken die Neugier. Er schlendert mit einem Kumpel durch den Babelsberger Park, um mal zu schauen, ob dort von der Abriegelung schon etwas zu sehen ist – doch die Freunde kommen nicht weit. Während Familien ihren Spaziergang unbehelligt fortsetzen können, werden die Jungen festgenommen, weggesperrt und die Nacht hindurch verhört. Vermutlich wird Konrad Krause die Badehose, die er damals als Leistungsschwimmer mit Aussicht auf einen Platz im erweiterten Tokio-Olympia-Kader immer dabei hat, zum Verhängnis: Er wird zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und nach Luckau gebracht. Erst vor Kurzem hat er nach einem Besuch im ehemaligen Hafthaus einen Schlussstrich unter das Erlebnis, das seine Jugendträume mit einem Mal zunichte machte, ziehen können.

Wer den Wehrdienst verweigert, kommt ins Gefängnis

Insgesamt neun Monate hat Konrad Krause im Jugendgefängnis gesessen – das Gnadengesuch, das er nach zwei Dritteln verbüßter Strafe einreicht, wird erhört und er auf drei Jahre Bewährung aus der Haft entlassen. Im Babelsberger Karl-Marx-Werk beendet er die Dreher-Lehre, die er im Gefängnis begonnen hat und holt an der Abendschule das Abitur nach. Als Konrad Krause 18 ist, lässt er sich in der Baptistengemeinde taufen – zu dieser Zeit wird er auch für die Nationale Volksarmee (NVA) gemustert. Zermürbendes Warten beginnt, denn Konrad Krause kann sich nicht vorstellen, Dienst an der Waffe zu leisten. Den Wehrdienst zu verweigern ist in der DDR aber nicht möglich und hätte ihn wieder hinter Gitter gebracht. Was er im Fall der Fälle getan hätte, kann er heute nicht sicher beantworten. Vermutlich, meint er, wäre er zur Armee gegangen.

Doch zunächst gibt es Aufschub. Für die Zeit seines Studiums, das er am 1. September 1964 an der Ingenieurschule in Hennigsdorf aufnimmt, wird Krause vom Wehrdienst freigestellt. Fast zeitgleich tritt eine Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR in Kraft, der zufolge Baueinheiten in der NVA aufgestellt werden – quasi die einzige Möglichkeit für junge Männer, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Konrad Krause will dieses neue Gesetz in Anspruch nehmen. Im November ’64 verfasst er sein Gesuch und beruft sich darin auf Mahatma Gandhi und Martin Luther King und ihren gewaltlosen Widerstand. Was sollten die DDR-Oberen sagen? Immerhin gehörten Gandhi und King zu den Guten...

Die Schonfrist wird dem jungen Mann gestrichen

Mit Gandhi und King als Schutzpatrone hat Konrad Krause es geschafft. Er wird vom Dienst an der Waffe befreit – aber gleichzeitig seine Freistellung zurückgezogen: Es gibt keine Schonfrist mehr für den Studenten, der längst nicht mehr als gesellschaftskonform gilt. Konrad Krause hätte jederzeit zu den Bausoldaten gezogen werden können. Doch nichts passiert. „Ich bin nie eingezogen worden. Weshalb, das weiß ich bis heute nicht. Womöglich hatte man Angst, dass ich die Truppe unterwandere. Vielleicht hat auch jemand anderes eingegriffen.“

Aus innerer Überzeugung, wie er sagt, entscheidet er sich, die Ingenieurschule zu schmeißen und Pastor zu werden. Von 1965 bis 1969 studiert er am Theologischen Seminar Buckow, der Ausbildungsstätte für Pastoren des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in der DDR. Er wirkt als Pastor in Greifswald, Forst, Stendal, Schwerin und nach der Wende in Westdeutschland. Vor acht Jahren kehrte Konrad Krause nach Potsdam und in die Gemeinde seiner Kindheit und Jugend zurück, wo nun die Ausstellung zu sehen ist, die einem wichtigen Ereignis auch seines Lebens gewidmet ist.

Von den USA in die DDR

Martin Luther King, geboren 1929, war ein US-amerikanischer Baptistenpastor und Bürgerrechtler, er träumte von einer Welt, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben, unabhängig von ihrer Hautfarbe oder Religion und vertrat sei Leben lang die Gewaltlosigkeit. Bei einer Massendemonstration am 28. August 1963 in Washington D.C. mit mehr als 250.000 Menschen hielt Martin Luther King seine bekannteste Rede: I have a dream (Ich habe einen Traum). Er wurde am 4. April 1968 bei einem Attentat ermordet.

Noch bis zum 20. November ist die Ausstellung über den Berlin-Besuch Martin Luther Kings im Jahr 1964 in der Baptistenkirche in der Schopenhauerstraße 8 zu sehen. Geöffnet ist täglich von 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung unter 0331/9513958.

Die Ausstellung ist im Rahmen des Projekts „King-Code“ entstanden, bei dem Jugendliche in Archiven recherchiert und Zeitzeugen befragt haben. Sie nährten sich dem berühmten Baptisten aber auch über Musik, Zeichnungen und Malereien und spannten den Bogen bis in die Gegenwart. Die Ausstellung zeichnet dadurch nicht nur das Leben Martin Luther Kings und seinen Besuch im geteilten Berlin nach, sondern beleuchtet auch die Situation der Christen in der DDR, die Einflüsse der „Black Music“ auf die Bürgerrechtsbewegung, die Wende 1989 und die Ursachen des Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft. nf

Von Nadine Fabian

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