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Erinnerung an den Potsdamer Künstler Mynok

Fantastische Bildwelten Erinnerung an den Potsdamer Künstler Mynok

Felix Chmura hat unter dem Pseudonym Mynok mit der Potsdamer Sprayergruppe Pie-Crew fantastische Bildwelten entworfen und in der Rap- und Beatcrew TVC musiziert. Ausstellungen im Archiv und in Matschkes Galerie-Café erinnern an den begnadeten Potsdamer Comiczeichner, der Anfang April im Alter von 36 Jahren gestorben ist.

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Wandgemälde an der Garage im Freiland-Kulturzentrum zur Erinnerung an Felix Chmura alias Mynok.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Felix Chmura hat fantastische Wesen in das Potsdamer Stadtbild gesetzt. In der Sprayergruppe Pie-Crew war er mit einer seltenen Begabung für die Charaktere zuständig – für die Hexen, Monster und Zauberwesen. Der Künstlername Mynok, den er neben seine Bilder setzte, war einem Star-Wars-Film entlehnt, in dem geflügelte Parasiten mit dieser Bezeichnung an den Energiekabeln von Raumschiffen knabbern.

Jahrgang 1980, ist Felix Chmura in einer kunstsinnigen Familie aufgewachsen. Der Vater Bernd Chmura ist einer der bekanntesten Cartoonisten Potsdams, die Mutter Heidi Chmura war zuletzt Projektmanagerin im Team von Kulturland Brandenburg. Felix zeichnete schon als Kind mit vier, fünf Jahren: „Schon damals hat er mit Figuren kleine Geschichten erzählt“, sagt der Vater.

Er besorgte seinem Sohn in der DDR rare Comics: „He-Man und die Turtles haben ihn interessiert. Aber auch Actionfilme wie ,Conan der Barbar’. Bud Spencer und Terence Hill waren seine Haupthelden. Später kamen japanische Kampfkunstgeschichten hinzu. Er war sehr belesen, kannte sich aus in Geschichte, in der antiken Sagenwelt und in der nordischen Mythologie.“ Als die Mauer fiel, fuhren sie gemeinsam in das Fachgeschäft „Grober Unfug“ in Berlin-Kreuzberg und gaben das Begrüßungsgeld für Comics aus.

Als Zehntklässler hatte Felix Chmura in der Goetheschule seine erste Ausstellung. Danach folgte eine dreijährige Friseurlehre: „Er wusste nicht richtig, was er machen sollte. Man hatte ihn dahin vermittelt. Aber er wollte kein Friseur werden. Er wollte zeichnen.“

Der Potsdamer Graffitikünstler Mynok alias Felix Chmura

Der Potsdamer Graffitikünstler Mynok alias Felix Chmura.

Quelle: Privat

In die erste Sprayer-Gruppe kam er Ende der 1990er Jahre über einen Sprayer mit dem Alias-Namen Holm, der damals am Stern und in Drewitz mit einer Gruppe namens Springfield-Mafia unterwegs war. Der berichtet von einem in jener Zeit gewachsenen künstlerischen Anspruch: „Einfach kann jeder. Das ist wie Werbung. Aber wir wollten keine Werbung machen, wir wollten Graffiti, also Schönschrift in Groß.“ 150 Sprüher gab es damals in der Stadt, schätzt Holm, „die Nacht für Nacht rausgegangen sind“. Die mit der Buga 2001 verbundene Stadtverschönerung hat er als „Säuberungsaktion“ in Erinnerung: „Dadurch hat Potsdam seine Graffitigeschichte verloren.“

Mynok lernte er bei einer Party im Kirchsteigfeld kennen: „Ich habe ihm beim Zeichnen zugesehen. Und da war eigentlich schon klar, auch weil wir uns super verstanden haben: Den nehmen wir mit rein. So einen hoch kreativen Menschen wollen wir dabei haben.“ Der erste Ort, an dem sie gemeinsam sprühten, war eine halblegale Wand in der Fultonstraße in Babelsberg. „Felix hat einen Mynok-Drachen gemalt und zwei Elfen, ich habe einen Holm gesprüht und mich um den Hintergrund gekümmert.“

Charaktere habe es schon vor dem Auftauchen Mynoks an Potsdams Wänden gegeben, sagt Holm: „Aber er hat den Stil verfeinert. Früher waren es diese B-Boy-Figuren mit ihren übergroßen Schuhen und Sprühdosen in der Hand. Er hat das ganze noch einmal geöffnet für Fantasy- und Fabelwesen, für dreidimensionale Zeichnungen. Das hat auch uns als Crew einen enormen Aufschwung gegeben, weil wir jetzt jemanden hatten, der richtig zeichnen konnte. Wir waren ja alle Autodidakten. Er hingegen hatte schon zehn Jahre Erfahrung im Comic-Zeichnen. Wir konnten sehr viel von ihm lernen.“

An einer Wand beim damaligen Stern-Club sprühten Holm und Mynok 2001 gemeinsam mit Freunden das erste Wandbild mit dem Signum „Pie-Crew“. Erster Impuls der neuen Gruppe war die Abkehr vom dominierenden Schwarz-Weiß zum Bunt. „Wir hatten den Anspruch, sehr gut zu werden.“ Dass sie nun bevorzugt an legalen Wänden arbeiteten, hing auch mit Mynok zusammen: „Felix war nicht so der illegale Maler, weil er sehr lange brauchte für seine Figuren.“

2003 war Mynok erstmals an einer Ausstellung in der Galerie „M“ des Brandenburgischen Künstlerverbandes beteiligt. 2004 stellte er im Waschhaus aus. Mynok gestaltete zahlreiche Plattencover wie 2013 das Album „Meine Stadt“ von DJ Knick Neck/PDM Caravan Records. Im Internet gibt es unter anderem auf ArtStation und ToonsUp Galerien von ihm.

Geblieben sind von Mynok und der Pie-Crew wandfüllende Figuren im Archiv, ein Rapper mit Dreadlocks, ein betagter Punk mit Ratte als Kopfschmuck, ein Zombie als Barkeeper mit rauchendem Glas, die sie vor einigen Jahren nach dem ersten Sanierungsgang im Flur des Kulturzentrums sprühten. Im April gestalteten Mitglieder der Pie-Crew eine Garagenwand auf dem Freiland-Gelände gegenüber dem Spartacus mit einem Porträt von Mynok, das umweht wird von Blättern und Papierflugzeugen mit einer Vielzahl seiner Charaktere.

Das Bild entstand wenige Tage nach dem Tod des Künstlers, der am 1. April nach langer Krankheit mit 36 Jahren verstorben ist. Zur Trauerfeier kamen auch die Mitglieder der ONG-CRU, einer Greifswalder Sprayergruppe, der Mynok seit seinem Lehramtsstudium in Kunst und Deutsch an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität verbunden war. Unter den Trauernden war auch die Potsdamer Rap- und Beatcrew TVC, in der Mynok musikalisch aktiv war. Im Archiv und im Galerie-Café Matschke erinnern jetzt kleine Ausstellungen mit Skizzen, Charakteren, Abbildungen von Wandbildern und Comic-Episoden an ihn.

Bernd Chmura und Holm haben mit der Aufbereitung des künstlerischen Nachlasses begonnen. Sie planen ein Buch, das über eine Crowd-Funding-Kampagne finanziert werden soll, und eine Kunstausstellung. Eröffnet wurde die Trauerfeier auf dem Bornstedter Friedhof mit Musik von Ennio Morricone. Den Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ hätten sie sich gemeinsam oft und gern angesehen, sagte Bernd Chmura: „Wir waren uns in der Hoffnung darin einig, dass die Gerechtigkeit letztendlich siegt“. In einem Internet-Kommentar zur Traueranzeige für Mynok steht: „Bei jedem Regenbogen voller Farbe, der nach einem Sommerregen erscheint, wissen wir, du machst den Himmel jetzt ... bunter.“

Streit um legale Graffitiflächen

Der Streit um legale Flächen für Graffitikünstler hat Potsdam immer wieder beschäftigt. Den entscheidenden Schub gab es 2008.

Damals wurden mit der Sanierung des Kulturzentrums Schiffbauergasse mehrere 100 Meter Mauer abgerissen, die bis dahin von Graffitikünstlern genutzt worden waren.

Legale Flächen wurden so ein zentrales Thema der 2008 aufflammenden Jugendproteste. Sie waren ein Punkt im Forderungskatalog der damals entstandenen Arbeitsgruppe Alternative Jugendkultur.

Mittlerweile gibt es im Stadtgebiet mehr als 20 Adressen mit legalen Graffitiwänden. Sie sind im Internet aufgelistet auf www.potsdam.de/content/legale-graffiti-flaechen-potsdam

Von Volker Oelschläger

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