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Die Gräuel der Pogromnacht in Potsdam

Gedenken an jüdische Mitbürger Die Gräuel der Pogromnacht in Potsdam

Unter großer öffentlicher Anteilnahme ist am Montagabend in der Landeshauptstadt der Gräuel der „Reichspogromnacht“ gedacht worden, während der es am 9. November 1938 im ganzen Land zur brutalen Zerstörung von Tausenden Synagogen, jüdischen Läden und Wohnungen kam. Zugleich erhielt das Potsdam-Museum eine berührende Schenkung.

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Museums-Fördervereinschef Markus Wicke mit der Schrift von Ernest Nash, dessen Foto auf der Publikation rechts zu sehen ist.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Es ist ein Zeitzeugnis, das ein Schlaglicht auf die Lebensläufe jener jüdischen Mitbürger wirft, die fest in der Stadt verwurzelt waren – und grausamst entwurzelt wurden. Im Vorfeld des Gedenkens an die „Reichspogromnacht“ 9. November 1938 hat der Förderverein des Potsdam-Museums einen bemerkenswerten Ankauf aus der Feder des bedeutenden amerikanischen Fotokünstlers Ernest Nash bekommen: eine Studienschrift mit dem Titel „Ausgrabungen und Inschriften als Erläuterungen ausgewählter Stellen des Horaz“, die Nash im Jahr 1916 als hochbegabter Gymnasiast an einem Babelsberger Realgymnasium verfasst hat.

Geboren wurde der Fotograf, der während seiner Karriere auch Künstler-Promis wie Béla Bartók oder Benjamin Britten vor die Linse bekam und 1974 in Rom als weltweit anerkannter Wissenschaftler der römischen Architektur starb, nämlich 1898 als Ernst Nathan in Babelsberg. Das hieß damals noch Nowawes und gehörte zum Kreis Teltow.

Nathans beziehungsweise Nashs Schicksal zeichnet das berührende Bild eines unbeirrbaren Menschen, der sich trotz des Nazi-Terrors später aus eigener Kraft wieder eine erfüllte Existenz und eine neue Heimat schuf.

Am ehemaligen Standort der Synagoge am heutigen Platz der Einheit gedachten am Montagabend viele Menschen der Gräuel der Pogromnacht

Am ehemaligen Standort der Synagoge am heutigen Platz der Einheit gedachten am Montagabend viele Menschen der Gräuel der Pogromnacht.

Quelle: Christel Köster

Nathans Eltern – Louis und Betti – waren wichtige Stützen der Potsdamer jüdischen Gemeinde. Der Vater, der zwei Jute- und Hanfwebereien besaß und in der Baukommission des Teltowkanals mitwirkte, war maßgeblich am 1903 eingeweihten Neubau der Synagoge am heutigen Platz der Einheit beteiligt. Sohn Ernst machte der Familie alle Ehre. Auf dem Realgymnasium in der Kopernikusstraße – dem heutigen Bertha-von-Suttner-Gymnasium – war der Vorzeigeschüler für Überraschungen gut. Seine Glanzleistung: die Studienschrift mit dem Titel „Ausgrabungen und Inschriften als Erläuterungen ausgewählter Stellen des Horaz“. Der Privatdruck, der in Nowawes erschien, ist mit einer handschriftlichen Widmung des damals 17-Jährigen seinem „hochverehrten Herrn Direktor in Dankbarkeit zugeeignet“.

Jüdisches Leben in Potsdam

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brachen Einheiten der SS und der Gestapo in die Synagoge am Wilhelmplatz (heute: Platz der Einheit) ein, entweihten das Gotteshaus und zerstörten die Einrichtung.

Anders als in vielen anderen Städten wurde die Synagoge beinahe unter Ausschluss der Potsdamer Bevölkerung geschändet, dennoch war diese Nacht-und-Nebel-Aktion wie überall im Land ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Ausgrenzung und Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland und wurde begleitet von zahlreichen Festnahmen und Misshandlungen. Fünf Jahre später wurde Wilhelm Kann, der letzte in Potsdam lebende Jude, nach Theresienstadt deportiert und ermordet.

Erst nach der Wende gab es wieder jüdisches Leben in der Stadt. Heute existieren vier Gemeinden: Jüdische Gemeinde, Synagogengemeinde, Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde und die „Mizwa“-Gemeinde als jüngste Gründung. Eine neue Synagoge wurde bis heute nicht gebaut.

„Das Heft stammt offenbar aus dem früherem Besitz des Direktors Willy Scheel“, rekonstruiert Museumsvereinschef Wicke den Weg der Studienschrift. Das Buch wurde kürzlich von Vereinsmitglied Frank Reich in einem Online-Antiquariat entdeckt, angekauft und als Schenkung dem Museum übergeben. Die Widmung in dem Buch stammt von Nash.Die Rückkehr dieser Schrift des jungen, hoffnungsvollen Mannes macht ein Stück Potsdamer Geschichte lebendig. Es erinnert an das Schicksal der jüdischen Mitbürger, deren Lebensläufe ab 1933 vom braunen Regime grausam abgewürgt wurden. Als die Nazis an die Macht kamen, war Ernst Nathan bereits ein erfolgreicher Anwalt mit einer Kanzlei am Wilhelmplatz (heute Standort der Wilhelmgalerie). Obwohl er 1929 seinen Austritt aus dem Judentum erklärt hatte, geriet er 1933 in das Visier der Nazis, die einen Boykott jüdischer Rechtsanwälte beschlossen hatten – Mandate und Aufträge blieben aus.

1934 besuchte Nathan sein geliebtes Italien und fotografierte dort vor allem in Rom antike Gebäude, die als Vorbild für Potsdamer Bauten dienten. Fotos von hiesigen Bauten nach italienischem Vorbild ergänzten diese Studien. Zwei Jahre später floh Nathan aufgrund drohender Repressionen aus Potsdam nach Rom, 1937 folgte ihm seine Familie.

In Italien machte er sein Hobby – die Bauten der Antike, denen er sich bereits als Schüler in seiner Studienschrift mit Feuereifer gewidmet hatte – zum Beruf. Er wurde Architekturfotograf. Zwei Jahre später gelang ihm in letzter Minute die Emigration nach New York. Seine Schwiegermutter und auch sein Bruder Fritz Nathan fielen hingegen dem Holocaust zum Opfer. Seinen Lebensabend verbrachte der Fotograf, der sich 1942 in Ernest Nash umbenannt hatte, wieder in seinem Sehnsuchtsland Italien. Bis zu seinem Tod 1974 arbeitete er als weltweit anerkannter Wissenschaftler der römischen Topographie.

In Potsdam erfuhr der verstoßene Sohn der Stadt immerhin eine späte Genugtuung: Im Jahr 2000 wurde ihm eine Ausstellung gewidmet, an der auch das Potsdam-Museum mitwirkte

Von Ildiko Röd

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