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Potsdam Erinnerung an ermordete Kinder
Lokales Potsdam Erinnerung an ermordete Kinder
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07:22 12.03.2019
Jan Uplegger mit dem Buch von Karl-Horst Marquart im Hof der Gedenkstätte Lindenstraße. Quelle: Volker Oelschläger
Innenstadt

Ein Kind auf einer Gartenschaukel begleitet das Theaterstück. Die Filmaufnahme läuft im Hintergrund des Saals auf einer Videoleinwand, während davor auf der kleinen Bühne in einem Zweipersonenstück die Geschichte über ein anderes Kind, über seine Mutter und über furchtbare Ärzte erzählt wird.

„Komm, schöner Tod“ ist der Titel eines Stücks über Auftragsmorde an Kindern, das heute in der Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 aufgeführt wird.

Anlass ist der 85. Jahrestag des ersten Verhandlungstermins vor dem sogenannten Erbgesundheitsgericht der Nazis, das in der Lindenstraße bis 1944 mehr als 3300 Menschen auf Grundlage des Gesetzes zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zur Zwangssterilisation verurteilen sollte. Die Opfer waren körperlich oder geistig behinderte, psychisch kranke oder als asozial stigmatisierte Frauen, Männer und Jugendliche.

Die Zwangssterilisation war eine Vorstufe der Euthanasie-Verbrechen, bei denen Menschen in Heil- und Pflegeanstalten für „lebensunwert“ erklärt und mit Gas, Medikamenten, Gift und Nahrungsentzug ermordet wurden.

Auf 300 .000 wird die Gesamtzahl der Opfer in Europa geschätzt. Gerda Metzger, ein dreijähriges Mädchen aus einem Dorf bei Stuttgart, war eine von ihnen.

Die Mutter habe ihr Kind „auf gar keinen Fall hergeben wollen“, sagt der Berliner Schauspieler Jan Uplegger, „es wurde ihr gewaltsam entrissen.“ Das Kind litt unter spastischen Lähmungen und „zur besonderen Behandlung“ nach Stuttgart gebracht.

Die Mutter lief die 30 Kilometer bis zum Kinderkrankenhaus. Doch an der Pforte wies man sie ab. Gerda starb einen Tag nach der Einweisung. Offiziell an Diphterie. Doch Forscher gehen von einer Überdosis des Beruhigungsmittels Luminol aus. Seit 2013 erinnert ein Stolperstein an Gerda Metzger.

Auf das Thema kamen Jan Uplegger und seine Stuttgarter Kollegin Julianna Herzberg vor einem Jahr. Die Initiatoren einer Woche zur Erinnerung an Kindereuthanasie in Stuttgart fragten an, ob sich das von Herzberg geführte Privattheater „La Luna“ beteiligen könne.

Stuttgart trägt an der Geschichte des nahen Schlosses Grafeneck, in dem 1940 fast 11 000 Menschen mit Behinderungen vergast wurden. Grafeneck gilt als erste deutsche Tötungsanstalt, eine weitere Gaskammer wurde 1940 in Brandenburg-Görden betrieben.

Uplegger und Herzberg recherchierten Schicksale. Fündig wurden sie schließlich in dem Buch „Behandlung empfohlen“ von Karl-Horst Marquart über NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in Stuttgart. Insgesamt seien im Stuttgarter Raum kaum 40 Fälle dokumentiert, sagt Uplegger. Die meisten Akten seien zum Kriegsende vernichtet worden.

Einzelne Mediziner kamen später vor Gericht: „Es gab Anklagen“, sagt Uplegger, „aber es ist fast keiner verurteilt worden.“ In ihrem Stück erzählen sie von den Opfern, sie lassen aber auch die Täter und deren Helfer sprechen. „Professor Dr. Lemmp hat stets auf gleichmäßige, gute und sorgfältige Behandlung aller Kinder gedrängt“, sagte 1963 eine Zeugin.

Begleitet wird das Stück im Hintergrund mit Filmaufnahmen von dem Mädchen auf der Gartenschaukel, einem Kind mit Down-Syndrom. Zum Schluss, als auch der Ton eingespielt wird, singt sie das jüdische Friedenslied „Schalom chaverim“.

Info Die Vorstellung in der Gedenkstätte Lindenstraße am Dienstag, 12. März, beginnt um 18 Uhr, der Eintritt ist frei.

Das Erbgesundheitsgericht in der Lindenstraße

Am 10. März 1934 tagte das von den Nazis eingerichtete Erbgesundheitsgericht erstmals in der Lindenstraße 54/55. Grundlage war das seit 1. Januar 1934 rechtskräftige „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“.

Das Gesetz definierte acht Erbkrankheiten, darunter angeborenen Schwachsinn, Schizophrenie, erbliche Fallsucht und erbliche Blindheit. Richtern und Ärzten räumte das Gesetz einen großen Ermessensspielraum ein.

Pro Verhandlungstag fanden rund 25 Sitzungen statt. Entschieden wurde „nach Aktenlage“ in wenigen Minuten. In über 80 Prozent der insgesamt 4120 Verfahren wurde die Zwangssterilisation angeordnet.

Das Dokumentartheater „Komm, schöner Tod“ über Kindereuthanasie im Stuttgarter Raum kommt am Dienstag in dem Saal zur Aufführung, in dem nach Annahme der Gedenkstättenhistoriker das Erbgesundheitsgericht arbeitete.

Von Volker Oelschläger

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