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Erinnerungen an die deutsch-sowjetische Freundschaft

Russen in Potsdam Erinnerungen an die deutsch-sowjetische Freundschaft

Vor 70 Jahren wurde die Deutsch-Sowjetische Freundschaftsgesellschaft gegründet. Auch in Potsdam haben die Russen einige Spuren hinterlassen.

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Künstler des Tanz- und Gesangensembles der in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte bei einem Auftritt in den 1960er-Jahren.

Quelle: Foto: MAZ/Mallwitz

Potsdam. Die meisten älteren Potsdamer mit ostdeutscher Herkunft werden Mitglieder gewesen sein, wenn auch in der Regel kein sehr tiefgehendes Bekenntnis damit verbunden war: in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF). Sie wurde vor 70 Jahren, Ende Juni 1947, gegründet – zunächst als „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“.

Die DSF war nach dem Gewerkschaftsbund FDGB die größte Massenorganisation der DDR. Sie hatte in Potsdamer ihren Sitz im einstigen Freimaurer-Palais in der „Straße der Jugend“, die Anfang der 1990er-Jahre in Kurfürstenstraße umbenannt wurde. Der DSF oblagen die Organisation von Freundschaftstreffen, die Vermittlung von sowjetischer Kunst, und Wissenschaft. Dies hat mit Sicherheit nicht alle DDR-Bürger erreicht.

In einer Beziehung waren jedoch ausnahmslos alle dem Studium der sowjetischen Kultur ausgesetzt: in Form des verbindlichen Russischunterrichts von der 5. Klasse an. Gesorgt wurde dort für die Begegnung mit russischer/sowjetischer Kunst. Erinnert sei an die Kinderoper „Peter und der Wolf“, das Kinderbuch „Timur und sein Trupp“, oder die Romane „Wie der Stahl gehärtet wurde“ und „Ein Menschenschicksal“. Hinzu kamen jedem Menge „Russenfilme“. Für Potsdam ergab sich noch einmal eine Sonderstellung, die weit über dass Bilderbuch-Russland der Kolonie Alexandrowka hinausging: Es war Garnisonsstadt für mehrere sowjetische Militäreinheiten und -Einrichtung. Die Spuren dieser Garnison sind heute nahezu restlos getilgt, im Stadtbild findet sich kaum noch ein Beleg dafür, dass über 45 Jahre lang „die Russen“ ein Stück Potsdamer Stadtgeschichte mitgeschrieben haben.

Dienst in den „Roten Kasernen“

In Potsdam gebe es „nichts außer Himmel und Soldaten“, liest man bei Heinrich Heine und die DDR-Zeit scherte da nicht aus. Ein beträchtlicher Teil des heutigen Stadtgebietes waren gesperrte Militärflächen der sowjetischen Armee, der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen. Zum Teil lebten sowjetische Offiziersfamilien in abgeschotteten Stadtteilen („KGB-Städtchen“), zum Teil in für sie beschlagnahmten Häusern (neben der Ruinberg-Kaserne), oder in den Plattenbauten an der Straße Richtung Fahrland. Diese Offiziere taten Dienst in den „Roten Kasernen“, wo ein Panzerregiment stand. Der Norden Potsdams war sozusagen fest in russischer Hand.

Der Potsdamer Wolfgang Ditting – er kümmert sich um die Pflege sowjetischer Soldatenfriedhöfe – erklärt: „Nach dem Krieg sind die sowjetischen Truppen in Wehrmachtskasernen Potsdams eingerückt. Völlig neue Kasernen haben sie in der Regel nicht gebaut“. Regelmäßig lädt er heute einstige sowjetische Armeeangehörige nach Potsdam ein, immer um den 8. Mai herum. „Sie sind begeistert davon, wie sich die Stadt entwickelt hat.“

An der Jägerstraße lag einst ein riesiges Lazarett der Sowjetischen Armee. Dem gegenüber stand die „Mittelschule Nr. 3, in der rund 1000 Kinder sowjetischer Offiziere unterrichtet wurden. Die Russischlehrerin Hella Drohla hatte seinerzeit gute Beziehungen dorthin. „Bei Freundschaftstreffen und der von uns organisierten Russisch-Olympiade entstanden enge Kontakte“, sagt sie heute. Beim Abschluss-Appell 1994 sei sie dabeigewesen. Das spätere Leibnitz-Gymnasium, an dem sie nach der Wende unterrichtete, hielt noch einige Jahre lang die Möglichkeit des Erweiterten Russisch-Unterrichts vor. „Wir besuchten Patenschulen in Moskau und sogar im Ural.“ Nach der Jahrtausendwende endete diese Tradition. Es gab keine Schüler mehr, die Russisch in unteren Klassen lernten. „Die Eltern und die Schulen wollten das nicht mehr“, sagt Hella Drohla. Die größte Gruppe russisch sprechender Menschen stellte nach 1994 in Potsdam die mehrere hundert Mitglieder umfassende jüdische Gemeinde.

Das erstaunliche ist – trotz der räumlichen Nähe – wie wenig sich im Allgemeinen die Wege der Deutschen und der Besatzungssoldaten, die offizielle Freunde hießen, in Potsdam gekreuzt hatten. Einigermaßen verlässlich war nur, dass man am Sonntagnachmittag kleine Trupps junger Soldaten in tadellosem Wichs unter Führung eines Offiziers durch den Park von Sanssouci laufen sah, mit so erschrockenen Gesichtern, dass sie einem fast leid tun konnten. Es war die absolute Ausnahme und das Regel-Regime martial: Soldaten und Unteroffiziere: niemals Ausgang, Berufsunteroffiziere: einmal in der Woche Ausgang. Offiziere: ständig erreichbar. Dass sich Armeeangehörige der Siegermacht und deutsche Frauen etwa auf dem Tanzboden der „Weinbergterrassen“ (des „Pickel“) begegnen könnten – wie in westdeutschen Etablissements üblich – war undenkbar.

Die Hand der Russen in Potsdam war dort zu spüren, wo man es heute kaum noch vermutet: Die Schnellstraße durch Potsdam mit neuer Humboldt-Brücke war ein Verkehrsprojekt der DDR, und unter der Hand behaupteten jene, die sich für eingeweiht hielten, die Straße sei strategisch angelegt, die Russen hätten darauf gedrängt, um im Konfliktfall schnell von ihren Stationierungsorten aus die Grenze zu Westberlin erreichen zu können.

Das Russenmagazin. Im Stadtzentrum Ecke Hegelallee/Schopenhauerstraße stand das „Haus der Offiziere“, daneben gab es eine dieser Verkaufsstellen, wo auch die deutschen Anwohner fremdländische Erzeugnisse erwerben konnten. Für seltsam eingelegtes Gemüse, grusinischen Tee, Moskauer Eis, sowjetisches „Kanfekt“ und Fischbüchsen fand der Potsdamer möglicherweise Verwendung, für Machorka-Zigaretten, Hirse, Sonnenblumenkerne und Buchweizengrütze wohl eher nicht. Nach der Wende hat sich bis heute ein auf russische Produkte spezialisiertes Geschäft in der Straße Am Kanal etabliert.

Das Restaurant im Haus der Offiziere stand auch den Deutschen offen

Und – was vielleicht nicht alle Potsdamer wussten – das Restaurant im Haus der Offiziere stand auch den Deutschen offen. Hatte man Besuch, konnte man dem eine originelle Note geben, indem man mit ihm das Haus der Offiziere aufsuchte, sich dort einfach an einen Tisch setzte und das Menü des Tages bestellte.

Vor dem Eingang wachte ein bronzener Lenin auf seinem Sockel, in recht ziviler Pose. Einige Jahre nach der Wende hatte man schon annehmen können, Potsdam bewahre sich ein entspanntes Verhältnis zu einem russischen Staatschef, dessen erste Maßnahme in diesem Amt Ende 1917 die Beendigung des Krieges mit Deutschland war. Mittlerweile ist die Skulptur aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Wolfgang Ditting hat dafür kein Verständnis. Dies sei „eine Unverschämtheit auch dem Künstler gegenüber“. So sind also noch zwei nennenswerte Spuren übrig von den fast 50 Jahren Besatzungszeit: Der sowjetische Soldatenfriedhof auf dem Bassinplatz und die heutige Gedenkstätte Leistikowstraße, einst Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Militär-Geheimdienstes.

In der Endphase der DDR erlebte die DSF dann noch einmal einen unerwarteten Zuspruch, denn Gorbatschows Perestroika-Politik war so populär, dass Anhänger demonstrativ der DSF beitraten. Das bewahrte die Freundschaftsgesellschaft freilich nicht davor, in den Strudel der Wende hineingerissen zu werden. Die von ihr genutzten „Häuser der Freundschaft“ wurden an Länder und Kommunen zurückgegeben, die Zahl der Mitglieder sank bis November 1991 auf 20 000. Die Potsdamer DSF hatte zum Schluss im Freimaurer-Haus noch zwei Zimmer.

Ende 1992 wurde der Nachfolgeverein „Brücken nach dem Osten“ aufgelöst. Doch es gibt noch eine Brandenburgische Freundschaftsgesellschaft, die 120 Mitglieder umfasst und „aus Betriebsgruppen der DSF hervorgegangen ist“, wie Ditting informiert. Ende des Jahres wird Hella Drohla nach St. Petersburg reisen – zum 100. Jahrestag der Okoberrevolution.

Von Matthias Krauß

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