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Potsdam Erinnerungsstücke unter Lebensgefahr gerettet
Lokales Potsdam Erinnerungsstücke unter Lebensgefahr gerettet
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00:29 19.04.2018
Diese Tasse ist nach dem Zweiten Weltkrieg trotz Umsiedlung in der Familie geblieben – nicht ohne Gefahren.
Brandenburger Vorstadt

Vorsichtig zieht Regina Klug aus Potsdam ein Geschirrteil nach dem anderen aus ihrem bunten Beutel. Das Porzellan hat sie bruchsicher in altes Zeitungspapier gewickelt. „Für mich ist das unbezahlbar“, sagt die 59-Jährige und enthüllt eine kleine mit Rosen und leicht verblasstem Goldrand dekorierte Kaffeetasse.

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) hat Samstag dazu aufgerufen, Erinnerungsstücke für die Ausstellung „Tischlein deck dich“ in den Römischen Bädern im Park Sanssouci abzugeben. „Leihgaben“, betont die Veranstaltungsmanagerin der Stiftung, Tina Jakob-Schlossarczyk.„Jedes Stück und jede Geschichte ist einzigartig. Tassen, Teller, Geschirr – viele verbinden Erinnerungen damit.“ Die Schau ist Teil des Europäischen Kulturerbejahres „Sharing Heritage“.

Regina Klug verbindet mit dem Geschirr die Erinnerungen an ihre Großmutter, die damals umsiedeln musste und das Porzellan unter Lebensgefahr rettete. Quelle: Friedrich Bungert

Das Rosenservice von Regina Klug ist ein Erbstück ihrer Großmutter. Es ist ein Gedenken an die Frau, bei der sie jeden Sommer und Winter in den Ferien verbrachte, ihr das Herz ausschüttete wenn sie Kummer plagte. Wann ihre Großmutter das Geschirr zum ersten Mal benutzte, weiß die Bildrestauratorin nicht. „Vermutlich war es ein Hochzeitsgeschenk“, sagt sie. In den 20er-Jahren muss das gewesen sein. Die Tassen und Teller waren beinahe das Einzige, das ihrer Oma nach dem Zweiten Weltkrieg blieb.

Jedes Stück hat eine eigene Geschichte

Die Frau stammte aus Südböhmen, sollte 1946 vertrieben werden. „Sie musste Haus, Hof und eine Spielzeugfabrik zurücklassen, also hat sie Geschirr und Hausrat, selbst eine Singer-Nähmaschine auf ihren Rücken gebunden, ist zur Grenze gewandert und unter Lebensgefahr durch den Fluss zu Freunden in Sachsen“, erzählt Regina Klug. Die Großmutter musste ihre Habseligkeiten unauffällig fortbringen, denn damals wäre es verboten gewesen, eigene Sachen zu retten. Nach der Umsiedlung fand sie in Thüringen eine neue Heimat. Das Geschirr holte sie zu besonderen Anlässen aus dem Schrank. So ist es bis heute. „Wenn unsere Familie zusammenkommt, dann benutzen wir das Service und denken an sie“, sagt Regina Klug. Herzensgut und couragiert sei die Großmutter bis zum Tode 1989 gewesen. Später wird das Service weiterziehen. „Zu meinem Bruder nach Norwegen.“

40 Exponate sind bei der Stiftung zusammengekommen. Tina Jakob-Schlossarczyk freut sich über die große Resonanz nach verhaltenem Start. Manchmal habe es emotionale Momente gegeben. „Sobald die Erinnerungen hochkamen und die Menschen über Verstorbene sprachen, füllten sich ihre Augen mit Tränen“, sagt Tina Jakob-Schlossarczyk – sie war selbst bewegt. Christine Tilgner stellte für die Ausstellung etwa Teetassen, Untertassen und Kuchenteller zur Verfügung. Es sind Erbstücke ihrer Großmutter und eine Erinnerung an die Schreckensvergangenheit der Nazis. „Eine jüdische Familie gab der Frau das Teeservice zur Aufbewahrung. Doch sie kam nie zurück“, sagt Tina Jakob-Schlossarczyk.

In den römischen Bädern im Park Sanssouci kümmerte sich die Leiterin des Veranstaltungsmanagements der Schlösserstiftung, Tina Jakob-Schlossarczyk, selbst mit um die Kuration der Ausstellung. Quelle: Friedrich Bungert

Die Ehrenfeuerwehrfrau Christa Trittel baut ein Bowlegefäß mit dazugehörigen Tassen auf einem der Tische in den Römischen Bädern auf. Es sind dunkelblaue Tonkrüge, verziert mit Burgen. Seit dem Tod ihrer Mutter steht das Set in ihrem Schrank. „Es war ein Mitbringsel von ihrer Hochzeitsreise“, sagt die Drewitzerin. Damals habe man nicht groß gefeiert, sondern sei aufs Motorrad gestiegen und losgefahren. Die 72-Jährige schätzt, dass nun andere daran teilhaben können. Nur die Bowle, die sie am liebsten trinkt – mit Ananas und Mandarinen – die wird es vor Ort nicht geben. Eigentlich, sagt sie, möchte sie das Set gar nicht zurück. Es habe sich viel angesammelt und aus der Familie hat keiner Interesse daran. „Aus so einem alten Topf will heute keiner mehr trinken“, schätzt sie.

Die Lieblingsstücke der Bürger wurden in den Ausstellungsräumen begutachtet und ihre Geschichten dazu festgehalten. Quelle: Friedrich Bungert

Am anderen Ende der Räumlichkeiten in den Römischen Bädern greift Regina Klug das letzte Mal vor der Ausstellung nach ihren Erinnerungsstücken und bringt sie langsam in den Lagerraum. „Jetzt verzichten wir vorerst bei Festen darauf“, sagt sie. Dann verstaut sie ihren Leihnachweis sicher in der Tasche – denn anders als Christa Trittel möchte sie die Teile des Service unbedingt zurück.

Unterschiede und Verbindungen von Tischkultur

Die Ausstellung Tischlein deck dich“ ist vom 5. Mai bis 15. Juli in den Römischen Bädern zu sehen und zeigt Tischkultur verschiedener Jahrhunderte. Auf den Tafeln finden sich später höfische Gedecke, Tafeln des Bürgertums – und dazwischen die persönlichen Exponate. Die Stiftung setzt auf Interaktivität. In der Ausstellung soll es einen Kreativraum für eigene Dekorationsideen und das Bemalen von Tellern geben. Wer seine Lieblingsobjekte teilen möchte, kann E-Mail-Kontakt unter t.jakob@spsg.de aufnehmen. Weitere Infos gibt es unter www.spsg.de

Von Christin Iffert

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