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Ernst beiseite

Richtig reinfeiern ins Neue Jahr Ernst beiseite

In der Heinrich-Heine-Klinik in Neu Fahrland wurde bereits zum 20. Mal eine Silvesterparty veranstaltet. Die Patientinnen und Patienten gestalteten große Teile des Bühnenprogramms selbst. Auf der Tanzfläche herrschte ebenfalls super Stimmung. Und sogar ein Gassenhauer von Barde „Tim Toupet“ barg plötzlich eine schöne, zuversichtliche Botschaft.

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„Ich hoffe auf einen Baustart im Jahr 2017“

Frauenpower auf der Tanzfläche: Christel Kronschwitz (l.), Freizeittherapeutin der Heinrich-Heine-Klinik, und Veronika aus Hamburg.

Quelle: Julian Stähle

Neu Fahrland. Die Nonne hat ihren Papst verloren, suchend schaut sie sich um. „Wahrscheinlich ist der Papst beim Buffet“, mutmaßt die Nonne, die zu diesem frühen Zeitpunkt am Silvesterabend noch ziemlich „normalbürgerlich“ aussieht. Erst ungefähr zwei Stunden später wird sie im Wallegewand auf der kleinen Bühne im Foyer der Heinrich-Heine-Klinik stehen. Neben sich den Gesandten Roms im weißen Gewand, der die Grußadresse in nicht gerade lupenreinem Latein verliest, übersetzt von der Nonne. „Im Spiritus, Sangria, Anis – Salute de Papa“. Soll heißen: „Grüße des Heiligen Vaters an die Rehabilitanten und Künstler.“

Dann schreitet wieder der DJ zur Tat: Die „Glocken von Rom“ erklingen, lautmalerisch unterstützt von ein paar Herren auf der Bühne. Bei jeder „Glocke“ klöppeln sie mit einem Kochlöffel auf einen Metall-Kochtopf, den sie sich kleidsam unterhalb der Leibesmitte umgeschnürt haben.

Gejohle und Klatschen aus dem Publikum. Die Glitzergirlanden unter der riesigen Topfpalme im Foyer geben dem Ganzen das Flair von Party auf Hawaii. Aber wir sind nicht auf Hawaii, sondern mitten im Wald von Neu Fahrland. Mitternacht ist nur noch drei Stunden entfernt. Irgendwann im Neuen Jahr wird die „Nonne“ wieder zurück in ihre Heimat nach Niedersachsen fahren, der „Glockenist“ mit dem bayrischen Akzent nach München und der „Papst“ an irgendeinen anderen Ort in Deutschland. Aber jetzt sind sie hier noch Patienten in dieser deutschlandweit renommierten Klinik zur Behandlung psychosomatischer Erkrankungen – und an diesem Silvesterabend auch ausnahmsweise Comedy-Künstler auf der Silvesterbühne. Für manchen ist das eine echte Mutprobe: Raus aus der inneren Isolation, Texte für eine öffentliche Darbietung lernen und dann rauf auf eine Bühne. „:„Für psychisch kranke Menschen ist es sehr wichtig, über den eigenen Schatten zu springen – etwa indem man vor großem Publikum auftritt“, erklärt Freizeittherapeutin Christel Kronschwitz, die den Abend mit organisiert hat und jetzt im schicken orangefarbenen Cocktailkleid durch den Abend führt.

Im Foyer und im großen Speisesaal herrscht Partystimmung vom Feinsten. Ernst beiseite! Bei Discomusik, Büffet und Sketchen wird in das Neue Jahr hineingefeiert. Die Silvesterfeier zählt seit 20 Jahren zu den Traditionen des Hauses, dem größten Fachzentrum für Psychosomatik und stationäre Psychotherapie in Berlin-Brandenburg. Mittlerweile öffnet die Klinik auch die Türen für Feierfreudige von außerhalb. Allerdings besteht der Löwenanteil der ungefähr 280 Gäste an diesem Abend aus Patienten und Patientinnen der Klinik, die unter anderem auf die Behandlung von Burn Out, Depressionen sowie auf Trauer- und Stressbewältigung spezialisiert ist. Durchschnittlich 4000 Menschen lassen sich jährlich in der deutschlandweit renommierten Einrichtung behandeln. Meist bleiben sie fünf Wochen.

Bemerkenswert ist, dass zunehmend auch jüngere Patienten zur Behandlung in die Klinik kommen. Manche von ihnen haben gerade mal eben das Abitur hinter sich. Unter anderem kann sich der Stress durch körperliche Symptome bemerkbar machen. „Viele jüngere Menschen leiden unter Tinnitus“, schildert Christel Kronschwitz die Auswirkungen von steigender Hektik. Ein Druck, der krank machen kann: „Wenn es der Seele nicht gut geht, schmerzen die Organe.“ Stichwort: „Ich habe Rücken.“

Veronika (31) aus Hamburg hat nicht „Rücken“. Sie hat schlicht den Glauben verloren. Womit nicht der traditionelle, herkömmliche Glauben mit Papst oder Protestantismus und allem Pipapo gemeint ist. Sondern der Glaube an sich selbst. Dabei würde Veronika – zumindest von außen gesehen – eigentlich wie ein echtes Glückskeks wirken. Ein blondes Model-Gesicht mit zartrosa geschminktem, meist freundlich lächelndem Mund. Ein gesicherter Job. Abgeschlossenes Studium. Aber irgendwann konnte Veronika einfach nicht mehr. Hatte das Gefühl, einfach nicht das richtige – das ihr gemäße – Leben zu führen. „Immer nur Büroarbeit, immer nur am Schreibtisch.“ Wenn das Leben sich nur noch wie eine Zwangsjacke anfühlt, zerreißt man entweder alle Fesseln – oder man bricht zusammen, brennt irgendwann aus: Burn Out.

In Neu Fahrland fühlt Veronika sich nun wie „auf einer Insel“. In den Therapiesitzungen hat sie viel über sich selbst nachgedacht. Vielem in ihrer Seele ist sie dabei auf die Spur. Sie hat neue Freundschaften geschlossen. Solche, die wahrscheinlich für sehr lange halten werden, sagt sie. Auf der Silvesterfeier tanzt Veronika ausgelassen. Sie wirkt unglaublich fröhlich und beschwingt. Vielleicht auch deshalb, weil sie endlich eine Ahnung davon hat, was sie wirklich mit ihrem Leben machen will und was ihr gut tut: „Ich könnte mir vorstellen, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.“

Auch Maria (57) aus Rostock hat den Aufenthalt in der Klinik in vollen Zügen genossen. Daheim in Rostock leitet sie einen ambulanten Hospizdienst. Irgendwann rebellierte der Körper gegen die Belastung in diesem Powerjob: „Ich hatte extreme Migräneattacken“, erzählt sie in einer ruhigen Minute abseits vom Feiertrubel. Durch die Zeit in Neu Fahrland fühlt sie sich wieder fit für den Alltag. Zuversicht strahlt die Frau mit der lockigen brauen Haarpracht nun aus. „Wir wurden hier auf den Weg zu uns geschickt – und es hat sich gelohnt.“ Schnell nimmt sie noch einen Schluck aus der Mineralwasserflasche, dann geht’s wieder zurück auf die Tanzfläche.

Dort waltet wieder der DJ seines Amtes. Er hat den Hit eines Barden mit dem klangvollen Namen „Tim Toupet“ aufgelegt: das „Fliegerlied“. Nicht gerade ein Meisterwerk der Gesangskunst. Aber an diesem Abend hat der Liedtext etwas unglaublich Anrührendes und Zuversichtliches. Die Menschen auf der Tanzfläche unterstreichen die Liedzeilen mit passenden Gesten. „Und ich flieg, flieg, flieg wie ein Flieger, / bin so stark, stark, stark wie ein Tiger, / (...) und ich nehm, nehm, nehm dich bei der Hand / weil ich dich mag, und ich sag: / Heut ist so ein schöner Tag!“ Die Menschen hüpfen und tanzen. Bis Mitternacht – bis zum Neujahrstag – ist es jetzt nur noch eine Stunde.

 

Von Ildiko Röd

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