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Potsdam Erste Zwangsehe vor Gericht
Lokales Potsdam Erste Zwangsehe vor Gericht
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00:18 07.11.2013
Quelle: Genrefoto: dpa
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Potsdam

Das Medieninteresse ist am Montag groß im Amtsgericht Potsdam. Noch größer ist die Vorsicht. Zum ersten Mal ist in der Landeshauptstadt ein Vater angeklagt, der seine Tochter gegen ihren Willen verheiratet haben soll. Alle Personen, die Zutritt zum Sitzungssaal begehren, werden auf Waffen und gefährliche Gegenstände untersucht – Pressevertreter und Zeugen eingeschlossen.

Auf der Anklagebank nimmt Tamer B. Platz. Er ist 47 Jahre alt und Türke. Seit mehr als 15 Jahren lebt er in Deutschland. Seine beiden jüngsten Kinder, die er mit seiner zweiten Frau – einer Deutschen – hat, sind hier geboren. Von seiner Tochter Dilara weiß er indes nicht einmal, wie alt sie ist. 21 gibt er vor Gericht an. Doch Dilara ist 19 Jahre alt. – Sie war zwei, als der Vater sie verließ und sein Glück im Westen suchte. Und sie war 18, als er von ihr verlangt haben soll, den Sohn einer befreundeten Familie zu heiraten.

Als sich das Mädchen weigert, setzt es laut Anklage Ohrfeigen. Tamer B. soll auch mit dem Handy nach Dilara geworfen haben. Im Zeugenstand, dem Vater direkt gegenüber, lässt die junge Frau die Frage nach den Schlägen unbeantwortet. Sie sagt nur, sie habe Angst gehabt – Angst um ihr Leben. „Ich wusste, was mir blüht. Ich musste mich fügen. Er muss mich nicht körperlich verletzen – es reicht sein Blick.“

Die Ehe wurde am 23. August 2012 im türkischen Konsulat in Berlin geschlossen – der offizielle Akt ist für türkische Familien bedeutungslos. Viel wichtiger ist die muslimische Hochzeitszeremonie, die einige Monate später stattfinden soll, zu der es aber nicht mehr kommt. Dilara, die bis zum großen Fest noch beim Vater lebt, zieht sich zurück, geht nicht ans Telefon, wenn der Bräutigam anruft. Im Herbst legt sie den Ring ab – doch der Versuch, die ungewollte Verbindung zu lösen, endet damit, dass der Bräutigam bei der Familie auftritt und schließlich mit einem Nervenzusammenbruch ins Bergmann-Klinikum eingeliefert wird. „Wenn dem Jungen etwas passiert, bist du schuld“, soll der Vater damals gesagt haben. Dilara streift den Ring wieder über. Doch ein paar Tage später läuft sie von zu Hause weg, taucht in einem Berliner Frauenhaus unter, reicht mit Hilfe der Sozialarbeiterinnen die Scheidung ein, zeigt den Vater an.

Tamer B. werden Zwangsheirat und Körperverletzung vorgeworfen. Er streitet alles ab. „Zwangsheirat – so etwas gibt es nicht“, sagt der arbeitslose Obst- und Gemüseverkäufer aus Potsdam-West. „Bei uns Türken ist es so: Wenn man eine erwachsene Tochter hat, gibt es Bewerber. Wir Eltern sagen dann, die Kinder sollen sich kennenlernen und gemeinsam beschließen, ob sie heiraten wollen. Wir stimmen dann zu.“

Ein solcher Bewerber war offenbar Yener K., Sohn eines ehemaligen Arbeitskollegen. Der 25-Jährige sei sofort wahnsinnig verliebt in Dilara gewesen und sie in ihn, beteuert der Angeklagte. „Wir haben unsere Tochter niemandem aufgezwungen. Ich lebe seit vielen Jahren in Deutschland und weiß, dass das ein Vergehen ist.“ Er beteuert zudem, Dilara nie geschlagen zu haben. „Sie ist mein ein und alles. Unsere Tür ist offen, sie soll nach Hause kommen.“

Ein Urteil fiel am Montag nicht. Der Prozess wurde ausgesetzt, weil der Verteidiger an der Glaubwürdigkeit der Tochter Zweifel äußerte und ein psychologisches Gutachten verlangte. Er glaube, dass die junge Frau ihren Vater hasse und sich an ihm rächen wolle, weil er sie als kleines Kind zurückgelassen hat. Ein anderes Motiv ist für den Anwalt die Aufenthaltserlaubnis der jungen Frau. Sie ist im Frühjahr 2012 aus der Türkei nach Deutschland gekommen und genießt hier Asyl. Weil sie einen Freund in der Türkei hatte, wollten ihre Onkel sie umbringen, sagt Dilara B. Im Mai 2012 flieht sie zum Vater – drei Monate später ist sie verheiratet... „Mir wird meine Kindheit vorgehalten und meine Aufenthaltserlaubnis“, sagt sie. „Ich habe meinen Stolz und will mich nicht unterordnen – deshalb bin ich hier.“
Namen geändert

Von Nadine Fabian

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