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Potsdam Blindgänger: So lief die Evakuierung
Lokales Potsdam Blindgänger: So lief die Evakuierung
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01:15 06.07.2018
Die Breite Straße wurde in Richtung Lange Brücke ab dem Filmmuseum komplett gesperrt. Quelle: Julian Stähle
Potsdam

Es ist gespenstisch still an diesem Morgen in der Wohnsiedlung am Alten Bahnwerk hinter dem Hauptbahnhof. Doch kurz vor sieben wird es plötzlich hektisch. Als ob es einen großen Gong gegeben hätte, verlassen die Menschen im Sekundentakt die Wohnungen. Die Jüngeren strömen Richtung Hauptbahnhof, um zur Arbeit zu fahren. Die Älteren schieben mit ihren Rollatoren Richtung Pflegewohnstift City-Quartier, um in eine der Ersatz-Unterkünfte zu fahren, die für Zeit der Evakuierung zur Verfügung gestellt werden.

Bis 7.30 Uhr sollte jeder Bewohner im Sperrkreis seine Wohnung verlassen, damit Mike Schwitzke den 250-Kilo-Blindgänger entschärfen kann. Das Gebiet wurde auf rund 800 Meter um die Fundstelle am Nuthepark eingegrenzt. Nach den Erfahrungen im letzten Jahr, hatte die Stadt entschieden, jede Störung bei der Evakuierung und Entschärfung zur Anzeige zu bringen. Alfred Seidel (80) wird von Pflegerin Stephanie Barth (33) im Rollstuhl gefahren. „Ich hab das schon viermal durch“, sagt er schulterzuckend. In der Waldstadt ist ein weiterer Stützpunkt des Pflegewohnstiftes – dort kann er erstmal frühstücken. „Machen wir eh immer dienstags – das passt doch“, sagt er lachend.

Eine 250-Kilogramm-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg wird am 3. Juli 2018 in der Potsdamer Innenstadt entschärft. Der Blindgänger war in etwa drei Meter Tiefe in der Nähe des Hauptbahnhofes entdeckt worden.

Über 600 Einsatzkräfte sichern Sperrkreis

An der Feuerwache sammeln sich währenddessen die 635 Einsatzkräfte, um den Sperrkreis zu sichern. 10 000 Menschen müssen den Sperrkreis verlasen. „Man hat immer Querulanten dabei“, weiß Janett Reinke vom Ordnungsamt. Heute verzögert eine angetrunkene 26-Jährige, die am Alten Markt wohnt, die Evakuierung. Sie pöbelt die Polizisten an und weigert sich, die Personalien herauszugeben. Schließlich verlässt sie wutentbrannt mit ihrem Hund das Haus.

Auch in den Hochhäusern am Humboldtring im Zentrum Ost muss eine neunköpfige Familie mehrfach aufgefordert werden, die Wohnung zu räumen. Es vergehen zehn Minuten. Kurz nach acht Uhr ist noch nicht eines der sechs Hochhäuser freigegeben. Die Entschärfung der Bombe ist auf 9.30 Uhr angesetzt. Routinemäßig stößt jetzt auch die Polizei zu dem Störenfried dazu. Es verstreichen weitere fünf Minuten, bis die Familie endlich geht. Nicht jeder der Bewohner wird dabei aggressiv. Ganz verschlafen öffnen die beiden Studentinnen Charlotte Gröbel (21) und Anne Hegel (22) im Schlafanzug die Tür, als die Helfer laut anklopfen. „Wir haben es nicht mitbekommen“, sagt Charlotte entschuldigend und noch halb im Schlaf. Die Helfer steigen eine weitere Treppe hinab, um die nächste Etage des Hochhauses zu kontrollieren. „Wir hatten auch schon Leute, die hinten rum wieder rein sind“, erklärt Alexander Lüdicke vom Ordnungsamt. Wie viele Entschärfungen der 37-Jährige schon mitgemacht hat, weiß er nicht. Er winkt ab: „etliche“.

Schnellere Entschärfung als im Vorjahr

Es ist jetzt halb zehn, in einem Fenster wackelt eine Gardine. Sturmklingeln in allen Wohnungen. Ein Mann ist noch in der Wohnung. „Ich habe gedacht, die Entschärfung ist erst 11 Uhr“, sagt er an der Gegensprechanlage. Minutenlang stehen die Helfer vor der Tür. „Dafür habe ich kein Verständnis“, sagt Janett Reinke. Wenn sich jemand weigert, muss der Schlüsseldienst kommen. Im schlimmsten Falle müsste sogar die Tür aufgeflext werden. Das ist heute aber nicht mehr nötig. Zehn Minuten später verlässt der Mann wortlos die Wohnung. Punkt 10.32 Uhr vermeldet die Stadt, dass sich keine Menschen mehr im Sperrkreis aufhalten. Endlich. Bei der letzten Entschärfung konnte Sprengmeister Mike Schwitzke seine Arbeit erst um 12.25 Uhr aufnehmen. Größere Vorkommnisse habe es an diesem Dienstagmorgen nicht gegeben, erklärt Stadtsprecher Jan Brunzlow.

Kaum eine dreiviertel Stunde später, um 11.20 Uhr ertönt der laute Knall des gesprengten Zünders. Die Rentner, die in der Notunterkunft Freiland ausgeharrt hatten, horchen gespannt auf. Die 188. Bombe wurde erfolgreich entschärft. Geschafft, aber erleichtert packen die Bewohner ihre Sachen zusammen und kehren zurück in ihre Wohnungen.

Von Anne Knappe

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