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Potsdam Die Sendung mit der Kirchenmaus
Lokales Potsdam Die Sendung mit der Kirchenmaus
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18:41 12.12.2018
Björn O. Wiede hat im Rahmen der MAZ-Weihnachtsaktion Sterntaler Kindern aus dem Awo-Familienhaus die Orgeln in St. Nikolai erklärt. Quelle: Nadine Fabian
Potsdam

Die Kirche bebt. Zum Abschied hat sich Nikolai-Kantor Björn O. Wiede an die große Orgel gesetzt. „Stille Nacht“ – von wegen. „Möchtet Ihr’s noch lauter haben? – „Ja“ – „Noch kräftiger?“ – „Ja“, piepsen die Kinder, für die der Kantor da hoch oben auf der Empore nur mehr ein schwarzer Punkt ist. Ein Punkt mit durchdringender Stimme, denn Björn O. Wiede hat das Mikro dabei. So konnten die Kinder hören, wie er die Treppen hinaufgeeilt ist, wie er die Tür zum Orgelhaus geöffnet und im Inneren des Instruments Etage für Etage erklommen hat. Ab und zu hat der Kantor auf dem Weg von Abteilung zu Abteilung seine Hand durch die Prospektpfeifen gesteckt und gewinkt.

Das Geld ist knapp und Kultur nicht selbstverständlich

Diese Stunde in St. Nikolai ist wie eine Folge „Sendung mit der Maus“ – mit der Kirchenmaus. Die Kinder, die die exklusive Führung zur Königin der Instrumente bekommen, leben im Familienhaus der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Alt-Drewitz. Das bedeutet nicht nur, dass bei ihren Müttern und Vätern das Geld knapp ist. Es bedeutet auch, dass Bildung, Freizeit und Kultur für sie nicht selbstverständlich sind. Deshalb haben die St. Nikolai-Kirchengemeinde und Kantor Björn O. Wiede die Kinder eingeladen, die Orgel im Gotteshaus am Alten Markt kennenzulernen.

Björn O. Wiede hat Sterntaler-Kindern aus dem Awo-Familienhaus die Orgel in der Nikolaikirche erklärt. Die Zwillingsschwestern Larissa (l.) und Lara – hier mit Awo-Mitarbeiterin Andrea Kloke – waren die jüngsten Gäste. Quelle: Nadine Fabian

Der Kantor führt den kleinen Trupp an und zählt erst mal durch. „Fünfzehn Leute mit mir zusammen, also fünfzehn Pfeifen, die alle einen Ton machen können.“ Er zählt auf Drei – in der Kirche bleibt es still. So richtig traut sich keiner. Nächster Versuch: ein, zwei, drei – die ersten Summer schweben der Kuppel entgegen. Der dritte Anlauf klappt und Björn O. Wiede ist zufrieden. Er führt sein Fähnlein hinauf zum Altar, wo die schmucke Chor-Orgel steht. „Statt unserer Stimmen klingen hier die Pfeifen“, sagt der Kantor. Eine dieser Pfeifen, so lang wie sein Unterarm und so dick wie ein Daumen, hat er mitgebracht. Björn O. Wiede pustet – die Pfeife macht „püfffff“, die Kinder runzeln die Stirn. Da haben sie jetzt aber mehr erwartet von einem Profi. Björn O. Wiede dreht und wendet die Pfeife. „Ein bisschen mager“, sagt er. „Für so einen dünnen Ton kommt ja keiner in die Kirche!“

Die Kinder wollen „Jingle Bells“ – und Björn O. Wiede improvisiert

Deshalb stecken in den Nikolai-Orgeln viele, sehr viele Pfeifen mehr, erklärt der Kantor. 1500 sind’s in der Altar-Orgel, 3600 in der großen hoch oben auf der Empore – jede ist wichtig, egal ob aus Holz oder Metall, ob klein und quiekig oder groß und brummig, ob gedeckt und sanft oder offen und klar oder gar „so ein bisschen durch die Nase“ wie die Rohrpfeifen. Die unterschiedlichen Klänge und Stimmungen mischen sich in der Orgel. Björn O. Wiede setzt sich auf die Orgelbank und macht’s vor – die Kinder machen große Augen. Was sie gern hören möchten? „Jingle Bells!“ Jetzt haben sie ihn. Das hat er nicht drauf, sagt Björn O. Wiede und improvisiert wie es sich für einen gewieften Organisten gehört.

Das gleiche Recht, ihre Begabungen zu entfalten

Larissa und Lara klatschen in die Hände. Die Zwillingsschwestern sind drei Jahre alt und die jüngsten hier. Sie kennen kein anderes Zuhause als das Awo-Familienhaus, in dem ihre Mutter schon einige Jahre wohnte, bevor sie zur Welt kamen. Larissa und Lara wissen noch nichts von Armut und noch nichts von Reichtum. Sie wissen nicht, dass ihre Chancen im Vergleich zu denen der meisten anderen Kinder schlechter sind, obwohl sie das gleiche Recht darauf haben, ihre Begabungen zu entfalten, ein Instrument zu lernen, im Chor zu singen, im Ballett zu tanzen, einen Zeichenzirkel zu besuchen, einen Sport zu trainieren.

Das Awo-Büro Kindermut hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kinderarmut zu lindern. Die MAZ unterstützt das Büro mit der Weihnachtsaktion „Sterntaler“. Gefragt sind aber nicht nur Geldspenden – auch über Partner wie die St. Nikolai-Kirchengemeinde freut sich das Team vom Büro Kindermut.

Bitte helfen Sie!

In Potsdam leben tausende Kinder in Armut. Das Awo-Büro Kindermut, für das die MAZ-Weihnachtsaktion „Sterntaler“ Spenden sammelt, will ihnen helfen – bitte helfen Sie mit! Unser aktueller Spendenstand beträgt 8189 Euro.

Ein Dankeschön geht heute an folgende Spender: Anna Gibmeier 20 Euro, Annett Liebscher 20 Euro, Erich Haller 50 Euro, Wiebke und Daniel Kahl 100 Euro, Waltraud Ihle 50 Euro, Manfred und Petra Lack 50 Euro, Rita und Hans-Georg Meyer 50 Euro, Bernd und Christa Harder 50 Euro, Friedhelm Wollner 100 Euro, Lothar und Doris Santer 100 Euro, Jürgen Niederhofer 100 Euro, Ingenieurbüro STB 500 Euro, Familie Wiedau 50 Euro, Günter und Ursula Feyerabend 50 Euro, Udo und Roswitha Becher 50 Euro, Bärbel Eichenmüller 100 Euro.

Bitte spenden auch Sie gegen Kinderarmut: Awo Bezirksverband Potsdam Verwendungszweck: Sterntaler Deutsche Kreditbank Berlin BIC: BYLADEM1001 IBAN: DE71 1203 0000 0000 4821 09

Von Nadine Fabian

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