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Fachkräftemangel am Klinikum – was tun?

Potsdam Fachkräftemangel am Klinikum – was tun?

Immer wieder geraten Stationen des Potsdamer Klinikums „Ernst von Bergmann“ wegen personeller Engpässe in Ausnahmesituationen. Im MAZ-Interview erklären der Medizinische Direktor Hubertus Wenisch und die Pflegedirektorin Steffi Schmidt ihre Strategien gegen den bundesweiten Pflegenotstand.

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Eingang zum Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Vor wenigen Tagen schilderte eine Krankenschwester des Potsdamer Klinikums „Ernst von Bergmann“, was der bundesweite Pflegenotstand für Patienten und Personal bedeutet. Ihre erste Feststellung: „Die Situation verschlechterte sich vor zwölf, 13 Jahren mit der Einführung der Fallpauschalen.“ Nun äußert sich die Geschäftsführung.

2004 wurde das neue Abrechnungssystem nach Fallpauschalen eingeführt. Wie haben sich seitdem die Betten- und Patientenzahlen am Klinikum entwickelt?

Hubertus Wenisch: Am Standort Potsdam mit dem Klinikum Ernst von Bergmann und der 2012 in das Klinikum Westbrandenburg ausgegliederten Kinderklinik hatten wir 2004 insgesamt 1043 Betten. Bis 2016 stieg die Anzahl auf 1177 Betten. Im Jahr 2004 gab es 35 590 voll-stationäre Patientenbehandlungen, und im letzten Jahr waren es 45 300. Das ist bei den Patienten in zwölf Jahren eine Zunahme um 25 Prozent, bei den Betten um 13 Prozent.

Wie hat sich die Personalstärke im Pflegebereich in dieser Zeit entwickelt?

Steffi Schmidt: Im Jahr 2004 hatten wir 788 Vollzeitkräfte, bis 2016 wurde diese Zahl auf 958 Vollzeitkräfte erhöht. Das ist eine Zunahme von 22 Prozent im Pflegebereich.

Wie erklärt sich die kürzlich veröffentlichte Anzahl von 1200 Mitarbeiter im Pflegebereich?

Schmidt: Diese Zahl bezieht sich nicht auf die rein rechnerischen Vollzeitstellen, sondern auf alle Beschäftigten im Pflegebereich, von denen  rund 40 Prozent in Teilzeit arbeiten.

Wie lange blieben die Patienten 2004 und 2016 durchschnittlich im Krankenhaus?

Wenisch: Die durchschnittliche Verweildauer reduzierte sich von 8,6 Tagen im Jahr 2004 auf 6,1 Tage im Jahr 2016, eine Entwicklung auch im Sinne der Kassen und des Gesetzgebers.

Kritiker sagen, Patienten würden seit Einführung der Fallpauschalen aus Kostengründen zu früh entlassen. Gibt es bei Ihnen „blutige Entlassungen“?

Wenisch: Das gibt es bei uns nicht. Es liegt im Ermessen der behandelnden Ärzte, festzulegen, wann ein Patient in die Häuslichkeit oder in die Pflegeeinrichtung oder in die Rehaklinik entlassen werden kann. Naturgemäß sind das keine blutigen Entlassungen. Ergänzend haben wir am Klinikum seit April eine Kurzzeitpflegestation für Patienten, die keine tägliche ärztliche Betreuung mehr brauchen und noch nicht wieder in die Häuslichkeit zurück können.

Wie viel zusätzliches Personal benötigen Sie in der Pflege?

Schmidt: Wir reden in der Pflege klar von einem Fachkräftemangel. Aber das ist nicht nur ein Problem einzelner Kliniken, sondern ein gesellschaftspolitisches Thema. Wir haben den großen Vorteil, dass wir am Campus eine Gesundheitsakademie haben, in der wir immer mehr selbst ausbilden. Wir starten im Oktober mit drei Pflegeklassen. Wobei es auch eine Herausforderung ist, Schüler für diese Ausbildung zu gewinnen. Einfach weil dieser Beruf nicht mehr attraktiv genug ist und auch in der Gesellschaft nicht mehr diesen Stellenwert hat.

Wenisch: Das Team von Frau Schmidt unternimmt sehr viele Anstrengungen, um Pflegende langfristig fürs Klinikum zu gewinnen und zu binden. Wir haben einen Ideenwettbewerb ausgerufen und zahlen Personen, die neue Mitarbeiter vermitteln können, eine Prämie von 500 Euro.

Wie viele Stellen sind momentan unbesetzt?

Schmidt: Wir haben im Schnitt 40 Stellen unbesetzt, die wir unter anderem durch Leasingkräfte vorübergehend kompensieren.

Was sagen Sie Mitarbeitern, die kritisieren, die Expansion des Klinikums ginge auf ihre Kosten?

Wenisch: Da sage ich, dass die Expansion des Klinikums auch dem Erhalt der Jobs unserer Mitarbeiter dient. Zweifellos braucht ein Krankenhaus eine gewisse Mindestgröße und ein gewisses Wachstumspotenzial, um auf Dauer bestehen zu können. Expansion aus Selbstzweck ist nicht unsere Intention. Absicht ist es, das Krankenhaus auf Dauer überlebensfähig zu machen im Wettbewerb mit vielen anderen Anbietern.

Aus wie vielen Gesellschaften besteht das Klinikum heute und wie viele Mitarbeiter hat Ihr Konzern?

Wenisch: Der Konzern hatte 2004 insgesamt 1983 Mitarbeiter. 2016 waren es 3540 Mitarbeiter auf 3031 Vollzeitstellen. Die Klinikgruppe besteht aus 13 Gesellschaften, wobei die Mehrzahl zu 100 Prozent dem Klinikum Ernst von Bergmann gehört.

Wie weit sind die Pläne für die von Gesundheitsdezernent Mike Schubert (SPD) angekündigte Neugründung einer Pflegegesellschaft für Potsdams Norden?

Wenisch: Das ist eine Aufgabe der Care GmbH, die zu 51 Prozent der Hoffbauer-Stiftung und zu 49 Prozent dem Klinikum gehört. Die Gesellschaft ist in Verhandlungen getreten mit einem Pflegeanbieter, die nicht zum Erfolg geführt haben. Wir beabsichtigen weiter, ein Angebot zu erbringen.

Gibt es weitere Expansionspläne?

Wenisch: Wir wünschen uns durchaus eine engere Zusammenarbeit mit Kliniken in kommunaler Trägerschaft. Die Fernvision ist, dass im Land Brandenburg aus den Kliniken in öffentlicher Trägerschaft vielleicht im Rahmen einer Holding eine Klinikgruppe entstehen könnte. Aktuell ist da aber nichts geplant.

In der Antwort auf eine kleine Anfrage teilten Sie kürzlich mit, dass derzeit keine Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi geführt werden könnten. Was ist da los?

Wenisch: Der Tarifvertrag für das nichtärztliche Personal am Klinikum ist Mitte des Jahres ausgelaufen, ohne dass die Gewerkschaft ihn gekündigt hätte. Das wäre der erste Schritt für neue Verhandlungen gewesen. Weil wir aber wissen, dass eine gewisse Anpassung erfolgen muss, haben wir unseren Mitarbeitern nun die selben Gehaltskonditionen gegeben, die das Klinikum in Brandenburg mit der Gewerkschaft verhandelt hat. Absolut gleich, nur um zwei Monate verschoben. Wir stehen natürlich jederzeit bereit, einen neuen Vertrag mit Verdi zu verhandeln, der mit Sicherheit nicht unter das existierende Niveau fallen wird.

Wann gibt es in der Pflege gleichen Lohn für gleiche Arbeit in allen Gesellschaften des Konzerns?

Wenisch: Mit der Klinik Bad Belzig, die wir mit einem stark negativen Ergebnis übernommen haben, sind wir im letzten Jahr erstmals knapp in den schwarzen Zahlen gewesen. Mit dem Marburger Bund wurde für die Ärzte ein Tarifvertrag verhandelt, der eine Anpassung in Schritten an das Tarifniveau des Klinikums Ernst von Bergmann bis 2019 beinhaltet. Für die übrigen Mitarbeiter werden derzeit Verhandlungen geführt mit dem Ziel, dasselbe zu erreichen. Für die übrigen Gesellschaften gilt bereits: Alle Pflegekräfte verdienen das gleiche.

Ist das System mit Gefährdungsanzeigen auf den Stationen bei personellen Engpässen im Pflegebereich auf Dauer angelegt oder gibt es einen Weg, der herausführt aus diesem Arbeiten an der Belastungsgrenze?

Schmidt: Dieses System gibt es ja schon seit etlichen Jahren. Es ist ein Indikator für bestimmte Problemlagen, ein Instrument, das man unabhängig von der Situation auf der Station immer anbieten kann und sollte, das genutzt werden darf. Insgesamt liegen wir damit bei einem Prozent aller Schichten.

Also kein Pflegenotstand?

Wenisch: Wir können nur daran arbeiten, dass der Pflegeberuf sowohl in der gesellschaftlichen Akzeptanz als auch in der Bezahlung attraktiver wird, als er derzeit ist. Wir müssen konstatieren, dass wir derzeit einen Mangel haben, der mit Sicherheit auch nicht schnell zu beseitigen ist, sondern der konzertierte Anstrengungen von allen Seiten braucht.

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. med. Hubertus Wenisch (66), ist seit 2012 Medizinischer Geschäftsführer am Klinikum Ernst von Bergmann. Zudem engagiert er sich als Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und im Konvent der Leitenden Krankenhauschirurgen.

Der gebürtige Darmstädter ist von Haus aus Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie und studierter Medical Hospital Manager. 1997 wechselte er vom Klinikum der Goethe-Universität Frankfurt am Main zunächst als Chefarzt an Potsdams Klinikum.

Steffi Schmidt (37) ist seit 2014 Pflegedirektorin am Klinikum. Die Diplom-Wirtschaftsjuristin ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und hat in diesem Beruf in Kliniken in Hannover und Brandenburg sowie in der Hauskrankenpflege gearbeitet.

Die gebürtige Brandenburgerin wechselte 2008 ans Potsdamer Klinikum, wo Sie zunächst im Bereich Personalentwicklung/ -controlling arbeitete.

Von Volker Oelschläger

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