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Fast ein Wunder: Die Auferstehung einer Trauerhalle

Die Arnim’sche Kapelle in Potsdam Fast ein Wunder: Die Auferstehung einer Trauerhalle

Am Tag des offenen Denkmals ist auch die Arnim’sche Kapelle auf dem Alten Friedhof zu besichtigen. Dass das klassizistische Ensemble seit Kurzem wieder als Trauerhalle dient, ist nicht weniger als ein kleines Wunder, denn Kriegsschäden und Umbauten zu DDR-Zeiten hatten den beeindruckenden Innenraum geradezu entstellt.

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Ein Sonnenkönig vor Gericht

Die Arnim’sche Kapelle auf dem Alten Friedhof mutet auf den ersten Blick wie eine Villa an.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Teltower Vorstadt. Ein einziges Mal soll es in Potsdam tatsächlich vorgekommen sein, dass ein Scheintoter dem Grabe entstieg. Der Franzose Bolzé hatte dieses seltsame Glück: Er war in den Befreiungskriegen verwundet worden und die letzte Messe längst gesungen, da erwachte der zähe Kerl gerade noch rechtzeitig wieder zum Leben. Später, so heißt es, eröffnete er in der Stadt eine Gastwirtschaft. Der Name: „Zum toten Franzosen“.

Die Angst, einen Scheintoten unter die Erde zu bringen, war groß in der Zeit, da der Alte Friedhof an der heutigen Heinrich-Mann-Allee auf Geheiß Friedrich Wilhelm II. eingerichtet wurde. Und so behalf man sich dort eines simplen Tricks: Man knüpfte dem aufgebahrten Leichnam eine Strippe um den großen Zeh, zog diese bis in die neben der Trauerhalle gelegene Wohnung des Friedhofsinspektors und hängte dort ein Glöckchen dran – das würde klingeln, wenn doch noch einmal die Lebensgeister zurückkehrten.

Ernst von Bergmann (1836-1907), einer der größten Chirurgen seiner Generation, hätte darüber sicher in den stattlichen Vollbart gelacht. Bergmann liegt nur ein paar wenige Gehminuten von der Leichenhalle entfernt begraben. Zwei finstere Eiben beschatten das mächtige Steinkreuz, das auf dem Zehn-Hektar-Areal eines der letzten historischen Monumente ist.

1980 war der Alte Friedhof zum Ehrenfriedhof verdienter Sozialisten umgestaltet – sprich abgeräumt worden. Dieser Eingriff war nicht der erste in seiner bis dato knapp 200-jährigen Geschichte. Besonders arg erwischt hat es dabei die Arnim’sche Kapelle – eines der bedeutendsten noch erhaltenen klassizistischen Friedhofsbauwerke im Land Brandenburg. Wer einmal hinter ihre schlichte, mit Dreiecksgiebel, figurenbesetztem Tympanon und ionischen Säulen geschmückte Fassade blicken möchte, hat am Tag des offenen Denkmals die Chance dazu – und das, ohne Gast auf einer Beerdigung zu sein.

Die Kapelle besticht mit ihrer Schildwand, der Apsis und der bemalten Decke, deren Leinwandpaneele Holz-Kassetten imitieren

Die Kapelle besticht mit ihrer Schildwand, der Apsis und der bemalten Decke, deren Leinwandpaneele Holz-Kassetten imitieren.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Dass die Kapelle seit Mai wieder als Trauerhalle dient, ist nicht weniger als ein kleines Wunder. Dem eindrucksvollen Innenraum ist anzusehen, dass hier nicht nur behutsame, sondern auch leidenschaftliche Handwerker und Restauratoren gerettet haben, was Jahrzehnte als verloren galt. Herausgekommen ist ein klassizistischer Innenraum, der sich in einer Stilreinheit zeigt, wie sie in und um Potsdam kaum noch zu finden und zu bewundern ist.

Entworfen hat die Kapelle – oder wie in der Planzeichnung vermerkt das „Leichenhaus in Verbindung mit einer Trauerhalle und Dienstwohnung des Inspektors“ – der Schinkelschüler und Hofarchitekt Ferdinand von Arnim (1814-1866). Errichtet wurde sie 1851 dank eines Mäzens: Der Kaufmann August Friedrich Eisenhart (1772-1846) – der Nachwelt eher für die nach ihm benannte Grundschule und Straße bekannt – vermachte der Stadt die Hälfte seines Vermögens und verfügte in seinem Testament, dass von dem Geld auch die Kapelle zu bauen ist. Eisenharts Gruft findet sich noch heute vis à vis.

Kaum hundert Jahre nach der Weihe schienen die Tage der Arnim’schen Kapelle auch schon gezählt: Der Alte Friedhof wurde Anfang des 20. Jahrhunderts für Bestattungen gesperrt und in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs beim großen Bombenangriff auf Potsdam erheblich getroffenen. Dabei wurde auch das Leichenhaus beschädigt.

Schlimmer aber setzten dem Ensemble Umbauten zu DDR-Zeiten zu. So wurde die Kapelle in den 1960er Jahren zum Sitz der zentralen Friedhofsverwaltung umfunktioniert und geradezu entstellt. Mit dem Schutt zertrümmerter Grabsteine wurde der aus farbigen Keramikplatten gefertigte Mosaik-Fußboden knapp einen Meter aufgeschüttet und für Stützpfeiler aufgehackt. Eine Zwischendecke und Trennwände wurden eingezogen. Schildwand, Apsis, die Wandvertäfelung, Ausmalungen und Stuckprofilierungen gingen verloren; die aufwändig bemalte Decke, deren Leinwandpaneele Holz-Kassetten imitieren, wurde verhängt.

Als die Handwerker und Restauratoren die Kapelle vor einigen Jahren betraten, fanden sie kaum mehr als eine Ruine vor. Sie arbeiteten auf, was noch da war. Sie rekonstruierten und fertigten neu an. Dabei stützen sie sich auf die Arnim’schen Zeichnungen, schauten in annähernd zeitgleich entstandenen Vorbildern ab – etwa in der Friedens- und der Heilandkirche – und konnten so den historischen Kapellenraum wiedergewinnen.

Nur ein Element ist noch nicht fertig: der seltene Tessellat-Boden wie er nur aus dem Alten Museum in Berlin bekannt ist. Die Wiederherstellung der aus einzelnen Tonfliesen zusammengefügten Rosetten förderte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit 43000 Euro.

Eine paar Quadratmeter sind noch offen – die Spendensammlung geht weiter. Wer sich dafür begeistern kann: Am Tag des offenen Denkmals am 10. September ist die Arnim’sche Kapelle von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Um 12 Uhr und um 14.30 Uhr beginnen Führungen mit dem Architekten Andreas Kitschke und dem Restaurator Ulrich Schneider. Um 15 und 16 Uhr singt der Chor der Fachhochschule Potsdam.

Denkmale, Musik und andere Köstlichkeiten

Der Tag des offenen Denkmals am Sonntag, dem 10. September, steht bundesweit unter dem Motto „Macht und Pracht“ und findet in Potsdam in Verbindung mit den Jazztagen und der Kunst-Genuss-Tour statt.

Potsdam beteiligt sich zum 24. Mal am Denkmaltag. In diesem Jahr öffnen 59 Denkmale ihre Türen um über ihre spannende Geschichte und ihre Architektur zu berichten. Im Angebot sind auch thematische Führungen zu historischen Arealen und Gebäudekomplexen. Einige Denkmale, Museen und Institute bereichern den Tag mit eigenen Programmen und Aktion.

Das ausführliche Programm gibt’s unter www.potsdamer-dreiklang.de

Von Nadine Fabian

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