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Fern, ferner, Hermannswerder

Drei Stunden lang war die Halbinsel vom Rest von Potsdam so gut wie abgeschnitten Fern, ferner, Hermannswerder

Skandal im Sperrbezirk! Kein einziger Abiturient steht an der Bordsteinkante, als um 8.30 Uhr der Sonderbus für die Prüflinge des Evangelischen Gymnasiums auf Hermannswerder am Hauptbahnhof vorfährt.

Potsdam. Die Jugend von heute geht auf Nummer sicher – und hat sich längst auf eigene Faust auf die Halbinsel durchgeboxt. Im Bus pflanzen sich lediglich ein paar Zehntklässler auf die Bänke.

„Das ist ganz schön hart – die Abi-Prüfung und dann auch noch die Unsicherheit, ob man überhaupt in die Schule kommt“, sagt Sophia Giel (15) mitfühlend. Der Schultag beginnt für sie ganz leger mit zwei Freistunden: Der Sportunterricht fällt aus, weil die Turnhalle schon im Bannkreis der Bombe liegt.

Mit Blaulicht und Eskorte schiebt sich der Sonderbus durch die Templiner Geistervorstadt. Die Polizisten an den Absperrungen winken und Thomas Schmidt winkt zurück. Der 693er ist sein Baby. Er hat nicht gezählt, wie oft er den Bus in all den Jahren beim Vip schon zwischen Hauptbahnhof und Hermannswerder hin- und hergekutscht hat. Ein paar Fahrten aber sind ihm fest ins Gedächtnis geschrieben. Die vom 4. August 2008 etwa, als eine 250-Kilo-Sprengbombe an der Langen Brücke entschärft wurde. „Die meisten Leute bleiben trotz der Einschränkungen recht gelassen; nur ganz wenige meckern“, sagt Thomas Schmidt.

Dass der kleine Ausnahmezustand zusammenschweißt, beobachtet Gudrun Hennig immer wieder. Sie ist Ärztin im Gesundheitsamt und managt bei Evakuierungen die Ausweichquartiere mit. „Die Leute, die bei uns stranden, rücken zusammen und kommen viel schneller miteinander ins Gespräch als an normalen Tagen. Für viele ist so ein Ereignis sogar eine ganz willkommene Abwechslung.“ Im Asyl im Tagungshaus der Hoffbauerstiftung bleibt es indes sehr, sehr ruhig. „Kein Vergleich zu der letzten großen Evakuierung Am Stern“, sagt Gudrun Hennig. „Das war vielleicht ein Wuhling!“ Im Oktober 2012 mussten mehr als 10 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen.

Wer auf die Halbinsel will (oder aufs Festland) muss zwischen 8 und 11 Uhr an Peter Homann vorbei. In den drei Stunden, da die Fähre der einzige Zugang nach Hermannswerder ist, fährt er wohl den besten Umsatz aller Zeiten auf der 150-Meter-Passage ein. Seit 13 Jahren holt Peter Homann über. Er hat Ministerpräsident Matthias Platzeck von Ufer zu Ufer geschaukelt und kennt sicher jeden, der auf Hermannswerder wohnt, lernt oder arbeitet. „So voll war’s noch nie“, sagt Peter Homann. 50 Personen darf eine Fuhre fassen. Ein paar Mal pendelt die Fähre hart am Limit zwischen den Ufern. „An den Fahrplan halten wir uns heute mal lieber nicht und fahren einen höheren Takt“, sagt der Fährmann. „Zum Glück hab ich genügend Fahrscheine an Bord.“

Eine einfache Fahrt für sich und sein Rad löst Jürgen Nitsche. Der Vorruheständler will in den Garten. Das Laub muss weg, der Rasen soll gedüngt und an einigen Stellen neu gesät werden... „Es ist viel zu tun. Nach dem langen Winter will ich keine Zeit verschwenden. Wer weiß, wann’s zu regnen anfängt – da kann ich doch nicht auf so eine Bombe warten!“ (Von Nadine Fabian)

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