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Flüchtlingstrainer sorgt für Wirbel im Netz

Kickerfamilie droht Abschiebung Flüchtlingstrainer sorgt für Wirbel im Netz

Die Juseinovs führen einen Wettlauf gegen die Zeit. Sie stehen vor der Abschiebung, gleich, wie sehr sie in der Gesellschaft integriert sind. Zahirat ist Co-Trainer des preisgekrönten Potsdamer Flüchtlingsteams. Mehr als 2000 Menschen haben die Petition zum Bleiberecht unterschrieben und sind sich einig: Hier zeigt sich eine Doppelmoral. Die MAZ-Leser sind sich hingegen uneins.

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Der Co-Trainer der Babelsberger Flüchtlingsfußballmannschaft «Welcome United», Zahirat Juseinov..

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Immer mehr Menschen setzen sich für das Schicksal der Flüchtlingsfamilie Juseinov aus Potsdam ein. Erst am Freitag startete der Verein SV Babelsberg 03 eine Onlinepetition, um für den Verbleib ihres Co-Trainers des vielfach ausgezeichneten Integrationsteams „Welcome United 03“ zu kämpfen. Schon am Montag ist das Sammelziel von 2000 Unterstützern weit überschritten. Vier Tage verbleiben noch. Doch nicht nur viele Menschen aus Potsdam zeigen sich mit dem Schicksal der Familie solidarisch. Das Thema hat in den Medien seit der Berichterstattung in der MAZ hohe Wellen geschlagen. Menschen aus ganz Deutschland haben die Petition inzwischen unterschrieben.

Hier geht es zur Online-Petition>

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit für Zahirat „Hassan“ Juseinov und seine Familie. Der Co-Trainer des vielfach ausgezeichneten Integrationsteam soll bis zum Dienstag ihre freiwillige Ausreise melden. Andernfalls wird sie abgeschoben, die Ausländerbehörde in Potsdam hat dem Familienvater die Pistole auf die Brust gesetzt. Im Potsdamer Rathaus beschäftigt man sich unterdessen mit dem Fall. In einem Beratungsgespräch sei der Fall Juseinov am Montag noch einmal besprochen worden, sagt Stadtsprecher Jan Brunzlow. Eine weitere Duldung könne aus rechtlichen Gründen wohl nicht ausgesprochen werden. Eine Härtefalllösung gilt als letzte mögliche Option.

Das sagen die MAZ-Leser auf Facebook

Die Meinungen der MAZ-Leser gehen zu dem Fall des Co-Trainers auseinander. „Ich bin ernsthaft geschockt […]. Diese Familie ist toll und es macht mich sehr traurig wenn sie wirklich gehen müssten“, schreibt Tina Seyfert auf der MAZ-Facebookseite. Einige Nutzer können die Entscheidung nicht verstehen. „Warum man jemand abschieben will, der bestens integriert ist“, kann Carmen Stüber nicht nachvollziehen. „Einfach nur IRRE“, bringt sie ihre Gedanken auf den Punkt.

Doch es gibt auch eine andere Seite. Etliche Kommentatoren glauben, dass eine mögliche Abschiebung ein richtiges Zeichen wäre. Facebook-User und Feuerwehrmitglied Sanny Grill schreibt: „Wenn irgendjemand nicht das Recht besitzt in Deutschland zu bleiben, muss er abgeschoben werden - egal ob der Trainer ist oder nicht.“ Von „Wirtschaftsflüchtling“ ist unter anderem die Rede, damit wäre die drohende Abschiebung rechtskonform, meint Nutzer Ingwäonen. Mike Stöckel fragt zudem: „Sind die Spieler vom SVB 03 was Besseres?“ Für ihn war es nach eigenen Angaben klar, dass die Spieler irgendwann zurück in ihre Heimatländer müssen. Manch anderer verschwendet nicht viele Worte. „Ich wünsche dieser mittlerweile sehr groß geworden Familie einen guten Heimflug“, schreibt Martin Zeh aus Köln, der offenbar keinen Hehl aus seiner Einstellung gegenüber Flüchtlingen macht.

Sven Fischer hält dagegen. „Und schon melden sich wieder die besorgten Bürger.“ Er spart nicht an Kritik. Stets heiße es, „dass sich die Ausländer gefälligst zu integrieren haben. Also Deutsch lernen und Arbeiten. Dann könnte man ja eventuell, möglicherweise damit leben wenn sie bleiben.“

Petitionsunterstützer sprechen von Doppelmoral

Einig sind sich hingegen die Unterstützer der Petition. Auf dem Portal kann man bei der Abgabe seiner Unterschrift auch kommentieren, warum man die Aktion unterstützt. Ihnen geht es um eine Doppelmoral. Einerseits wird nach Integration verlangt – und das Team „Welcome United 03“ mehrfach sogar preisgekrönt. Andererseits schiebe man jene, die viel erreichen konnten, wieder ab. Irrsinn, glauben viele. Denn das was „Hassan“ der Gesellschaft in Deutschland liefert, ist ein Mehrwert. Er engagiert sich ehrenamtlich, gilt nach Aussagen des Vorsitzenden des SV Babelsberg 03, Archibald Horlitz, als Scharnier zwischen den Unterschiedlichen Kulturen.

Der Co-Trainer der Babelsberger Flüchtlingsfußballmannschaft «Welcome United», Zahirat Juseinov mit seiner Frau und seinen Kindern in der eig

Der Co-Trainer der Babelsberger Flüchtlingsfußballmannschaft «Welcome United», Zahirat Juseinov mit seiner Frau und seinen Kindern in der eigenen kleinen Wohnung.

Quelle: dpa-Zentralbild

„Man fordert Integration seitens der Flüchtlinge und wenn diese geglückt ist, gibt es einen Tritt in den Hintern“, schreibt Frank Hübner aus Potsdam bei seiner Stimmenabgabe. Das sei der „Gipfel der Verlogenheit“, meint Martin Gwiasda aus Berlin. Ein anonymer User zum Thema: „Der Staat und seine Repräsentanten schmücken sich gerne mit erfolgreichen Integrationsprojekten, sorgen aber dann dafür, dass Beteiligte oder Initiatoren trotz ihres Engagements abgeschoben werden. Erfolgreiche Integrationspolitik geht meiner Meinung nach anders.“

„Willkür des Beamtenapparates“

Unterzeichner Wolfgang Kowald aus Seevetal vergleicht eine Abschiebung nach der erfolgreichen Integration eines Menschen mit einem Produkt. Er denkt abstrakt. „Das ist so, als würde man in ein neues Produkt investieren – und wenn es marktreif ist, wegschmeißen.“ Er fordert ein optimiertes Einwanderungsgesetz, denn seiner Meinung nach, dürften andere, die sich nie integrieren auch bleiben, „wenn sie aus dem richtigen Land kommen.“ Fassungslos ist unterdessen Michael Kappen aus Konstanz. Er spricht von einer Willkür des Beamtenapparates.

Sportler Jörg Lippert vom TSV Waldstädter Teufel sieht Hassan als Bereicherung – für sich, für den Fußball. Oft habe man gemeinsam am Kletterfelsen in Potsdam gekickt. „Von deiner Sorge um die Abschiebung hast du mir letztes Jahr berichtet. Ich fände es sehr schade, wenn ihr gehen müsstet“, schreibt „Lippi“. Er drückt die Daumen für die Familie.

Debatte um die Menschlichkeit

Mit einer Abschiebung stünde die Familie vor dem Nichts. Alles was sie sich in Deutschland über die Jahre aufgebaut haben, bricht weg. Auch die sozialen Bindungen. Die Juseinovs gehen in die Schule, haben längst Freunde gefunden. Unternehmen viel mit ihnen. „Es kann nicht sein, dass wir Kinder, die in Deutschland geboren sind, als Fremde behandeln, die wir in ihre angebliche „Heimat“ abschieben, die sie noch nie gesehen haben“, so ein Unterstützer.

Ulrich Hückelkemken hat einen ganz einfachen und doch wichtigen Grund für seine Unterstützung. Er kommt aus Wesel in Nordrhein-Westfalen. Zwischen Potsdam und seiner Heimatstadt liegen mehr als 500 Kilometer. Den Co-Trainer Hassan kennt er vermutlich nicht. Das muss er aber auch gar nicht. „Weil für mich Menschlichkeit zählt“, schreibt er kurz und knapp, als er seine Unterstützung bei der Online-Petition abgibt – und zielt darauf, was grundsätzlich in der Debatte um Flüchtlinge zu kurz kommt.

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Von MAZonline

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