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Forschen für ein nachhaltiges Leben

Wissenschaft in Potsdam Forschen für ein nachhaltiges Leben

Auch nach 2009 glaubten Potsdamer eine Weile, in dem Haus in der Helmholtzstraße 5 könnten sie zum Beispiel noch alte Markscheine gegen Euro eintauschen. Dabei dachten im Bundesbankgebäude längst Wissenschaftler aus aller Welt über Finanzwirtschaft, den Umgang mit Ozeanen oder die Energiegewinnung nach – immer unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit.

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Die Arbeitsstätte des IASS, das ehemalige Gebäude der Bundesbank in Potsdam.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Berliner Vorstadt. Am Anfang kamen manchmal noch Potsdamer in die große Lobby im zweiten Stock des edlen Gebäudes in der Helmholtzstraße 5, in dem Glauben, sie könnten hier immer noch ein paar zufällig aufgefundene Markscheine in Euro umtauschen. Inzwischen dürfte es sich herumgesprochen haben, dass in dem Haus mit der riesigen Glasfront längst nicht mehr die Brandenburger Filiale der Bundesbank residiert, sondern Wissenschaftler aus aller Welt über die Möglichkeiten eines nachhaltigen Lebens und Wirtschaftens nachdenken.

Potsdam als idealer Standort

2007 kamen internationale Spitzenforscher und Entscheidungsträger unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Potsdam zusammen. Daraus resultierte das Potsdam Memorandum. Es forderte „alle Quellen unseres Erfindungsreichtums“ aufzurufen, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzugehen.

2008 entstand diesem Aufruf folgend das Konzept für ein neuartiges Forschungsinstitut, aus dem das „Institute for Advanced Sustainability Studies“ (IASS) hervorgegangen ist. Die offizielle Gründung des IASS als gemeinschaftliche Initiative der Bundesregierung, des Landes Brandenburg und der Forschungsorganisationen der Wissenschaftsallianz erfolgte 2009.

Potsdam schien wegen der Vielzahl mit Erdwissenschaften und Nachhaltigkeit beschäftigten wissenschaftlichen Einrichtungen und wegen der Nähe zur Regierung in Berlin und den dort ansässigen Nichtregierungsorganisationen als ein idealer Standort.

Gründungsdirektor wurde Klaus Töpfer, der ehemalige Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Am Institut beschäftigte er sich unter anderem mit alternativen Finanzierungsmodellen für erneuerbare Energien.

Eigentlich hat das Institute for Advanced Sustainability  Studies  (IASS) die Adresse Berliner Straße 130. Die an dieser Straße gelegene Villa beherbergt aber nur  die Verwaltung und die repräsentativen Konferenzräume. Das wissenschaftliche Tagesgeschäft mit den etwa 150 Forschern aus aller Welt findet in dem Längsbau statt, den man über die Helmholtzstraße erreicht oder indem man von der Berliner Straße aus vorbei an der Villa über den schönen Campusrasen flaniert. Dort, in den großzügigen Büros der früheren Banker, hat auch der geschäftsführende wissenschaftliche Direktor seinen Raum, der amerikanische Atmosphären- und Klimawissenschaftler Mark Lawrence.

Den Weg weisen in eine neue Gesellschaft

„Wir möchten hier Wissen generieren, das den Weg weist für eine Transformation der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit“, sagt Lawrence. Vier Begriffe liegen ihm besonders am Herzen: Transdisziplinarität, Systemisches Wissen, Orientierungswissen und Transformationswissen. Am IASS, das Lawrence als Institut für Nachhaltigkeitsforschung übersetzt, würden nicht nur die Grenzen einzelner Fachwissenschaften überschritten, man gehe auch über die Wissenschaft selbst hinaus und arbeite mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Das meine die Transdisziplinarität, für die das IASS stehe.

Die Forscher dort erarbeiten sich immer mehr Wissen von Natur und Gesellschaft und führten dieses zu systemischem Wissen zusammen. Orientierungswissen meine letztlich politische und moralische Handlungsvorgaben, die erfüllt werden sollen. Das können die Nachhaltigkeitsziele der UN oder das Pariser Klimaabkommen sein. Das IASS nutze sein systemisches Wissen, um Transformationswissen zu erzeugen, mit dessen Hilfe der erstrebte gesellschaftliche Wandel bewirkt werden kann. Das IASS verfolge dabei einen breiteren Ansatz als das mit ähnlichen Fragen beschäftigte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PiK). Während jenes die Folgen des Klimawandels untersucht und das Handeln in diesem Sinne beeinflussen will, beschäftigt sich das IASS viel allgemeiner mit Nachhaltigkeit. „Klima ist ein wichtiger Teil unserer Forschung, aber eben nur ein Teil“, sagt Lawrence. Eine nachhaltige Nutzung der Ozeane werde am IASS zum Beispiel ebenso diskutiert wie eine nachhaltige Finanzwirtschaft.

Was er mit Transformation in Richtung Nachhaltigkeit meint, illustriert Lawrence anhand eines Projekts, das der US-amerikanische Atmosphärenwissenschaftler noch von seiner Zeit am Max-Planck-Institut für Chemie (MPIC) aus Mainz mitbrachte.  Mitunter die schlimmste Luftverschmutzung weltweit gibt es ausgerechnet in Nepal. Lawrence schaffte es nicht nur in einer internationalen Kraftanstrengung im Jahr 2013 unter Federführung des IASS 20 Institute zusammenzubringen, die endlich einmal die tatsächliche Luftschadstoffbelastung in Nepal maßen und so systemisches Wissen schufen. Es wurden auch Vorschläge etwa für Verbesserungen gemacht. Mit ersten Erfolgen.

Wie verhindern wir Crashs in der Finanzwelt?

„Die Transformation in der Politik ist schon eindeutig“, sagt Lawrence. „Die Luftqualität genießt inzwischen eine viel größere Aufmerksamkeit und findet Eingang in die Gesetze.“ Auch gesellschaftlich ändere sich einiges. So seien die Ziegeleien des Landes, die enorm zur Luftverschmutzung beitragen, von sich aus auf das Institut zugekommen und hätten um Rat für eine bessere Produktion gebeten. Aber man muss noch dran bleiben, damit die tatsächliche Luftbelastung irgendwann deutlich weniger wird. Lawrence betont, dass das Nepal-Beispiel nur einen winzigen Ausschnitt aus dem weiten Feld der IASS-Projekte sei.

Das merkt man schnell, wenn man mit anderen Wissenschaftlern spricht. Armin Haas hat zum Beispiel noch am ehesten mit dem Thema zu tun, das frühere Nutzer des  Gebäudes  beschäftigte. Der promovierte Volkswirt denkt viel über Finanzen nach. Genauer gesagt: über ein nachhaltiges Weltfinanzsystem. Das müsse drei Aufgaben erfüllen. Die Ersparnisse sichern, Investitionen ermöglichen und Risiken sinnvoll managen. Aufgaben, die das gegenwärtige System nur noch bedingt erfülle. „Durch die Finanzkrise ging die deutsche Wirtschaft im Jahr 2009 um fünf Prozent runter. Das war der größte Rückgang der Nachkriegszeit“, sagt Haas.

Am IASS arbeite er „bewusst für die Schublade“. Haas arbeitet an Strukturen für das Finanzsystem, die vielleicht stabiler sein könnten als die bisherigen Versuche. Dafür studiert er nicht nur Quellentexte, sondern spricht auch direkt mit Vertretern der Finanzwirtschaft und der Politik. So entstand zum Beispiel die Idee einer „Klimaversicherung“ für Bauern in der Karibik, die ohne Subventionen auskommen soll. „Wir wollen zeigen, dass es machbar ist.“ Noch sei nicht garantiert, dass Versicherungen etwa gegen Ernteausfälle bei Hurricanes funktionieren, aber Kanzlerin Angela Merkel habe das Modell der Klimaversicherung jüngst selbst eine gute Idee genannt.

Eine nachhaltige Nutzung der Ozeane

Mit Fragen der Meerespolitik, Steuerung und Regulierung hat es die junge Umweltanwältin Yvonne Waweru ein paar Bürotüren weiter zu tun. Erst im Februar ist die junge Frau von Nairobi nach Potsdam gekommen. Hier will sie prüfen, wie die Entwicklungsziele der UNO für die Ozeane der Welt erfüllt werden können. Dazu untersucht sie, wie die Zielvorgaben für den Schutz der Ozeane und die nachhaltige Entwicklung der Nutzung mariner Ressourcen umsetzbar sind. Im Rahmen der „Partnership on Regional Ocean Governance“ (PROG) zwischen dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), dem „Institute for Sustainable Development and International Relations“ (IDDRI) in Paris und dem IASS selbst wurde bereits vergangenes Jahr gemeinsam mit dem Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) eine Initiative zur Unterstützung der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ins Leben gerufen, die helfen soll diese Entwicklungsziele voranzubringen. Wawerus Arbeit ist Teil dieser Initiative. „Es geht darum, die Umsetzung der Nachhaltigkeitsagenda wissenschaftlich zu unterstützen und voranzubringen“, sagt sie. „Als neuer Handlungsrahmen in der Nachhaltigkeits- und Entwicklungspolitik unterstreicht die Agenda 2030 die zentrale Bedeutung der Ozeane und den Bedarf für einen integrierten Ansatz.“

Zehn Handlungsfelder habe man im Rahmen des „Meereszieles“ (SDG14) festgelegt, darunter zum Beispiel die Verschmutzung und die illegale Fischerei, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung kleiner Insel- und Entwicklungsstaaten. „Gegenwärtig arbeiten wir die Chancen und Herausforderungen der verschiedenen Regionen heraus“, sagt sie. Waweru selbst schaut sich an, welchen Beitrag regionale Abkommen, Initiativen oder Prozesse bereits zur Umsetzung leisten und wo es vielleicht Handlungsbedarf gibt. Dazu studiert sie zum Beispiel Rahmenvereinbarungen, Abkommen und Protokolle regionaler Meeresorganisationen, spricht aber auch direkt mit Beteiligten.

„Ich hoffe, dass wir die konkrete Politik in den beteiligten Regionen beeinflussen können“, sagt sie. Dass das nicht über Nacht geschehen kann, ist der jungen Frau klar. „Es wird seine Zeit brauchen. Aber es läuft schon in die richtige Richtung.“ Waweru verbindet mit ihrer private mit öffentlichen Zielen: „Ich liebe die Umwelt. Und ich liebe auch die Meere.“

Dass das IASS zumindest unmittelbar auf die regionale Politik Brandenburgs wirken kann, zeigt schließlich das Beispiel von Dominik Schäuble. Der Atmosphären- und Energiewissenschaftler hat jüngst der märkischen Landesregierung zusammen mit seinem Kollegen Rupert Wronski vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft eine zum Teil am IASS entstandene Studie unter die Nase gehalten, die davor warnt, dass der Lausitzer Tagebau der Mark noch teuer zu stehen kommen könnte. Die Konzerne könnten sich möglicherweise um das Zahlen der Folgekosten drücken.

Die Energiewende kritisch begleiten

„Im Rahmen der Zeit und des Budgets ist eine gute und für die öffentliche Debatte wichtige Arbeit entstanden“, findet Schäuble. Innerhalb dreier Monate hatten er und seine Kollegen anhand des ihnen zugänglichen Materials und vieler Gespräche die wichtigsten Knackpunkte herausgearbeitet. Auch seine kommende Arbeit dürfte für einige Diskussionen sorgen. Schäuble untersucht jetzt anhand von Erfahrungen anderer Länder, was geschieht, wenn Projekte der erneuerbaren Energie frei ausgeschrieben und nicht mehr über Einspeisevergütungen subventioniert werden. Schon jetzt zeige sich, dass die Studie interessante Erkenntnisse, aber keine einfachen Handlungsanweisungen geben würde. In Südafrika seien ausgeschriebene Kraftwerke fristgerecht ans Netz gegangen, in Brasilien nicht, was allerdings überwiegend auf den verspäteten Netzanschluss zurückzuführen sei.

Orientierungen sucht aber nicht nur die Energiepolitik sondern derzeit auch das IASS selbst. Die  wegen ihres Gründungsdirektors Klaus Töpfer in der Öffentlichkeit oft  als „Töpfer-Institut“ bezeichnete Einrichtung wird seit einigen Monaten wissenschaftlich von Mark Lawrence, Ortwin Renn und Patrizia Nanz geleitet. Schon wegen der Herkunft des Risikoforschers und Soziologen Renn und der Politikwissenschaftlerin Nanz werden sozialwissenschaftliche Fragestellungen künftig sicher eine größere Rolle am IASS spielen. Im Rahmen der sogenannten Kopernikus-Projekte– enorm gefördert vom Bundesforschungsministerium – forscht zum Beispiel Ortwin Renn mit Dutzenden Instituten aus ganz Deutschland zum Zusammenspiel von Technik, Wirtschaft, Ökologie und zu den politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen der Energiewende. Die Erkenntnisse sollen genutzt werden, um mögliche „Fahrpläne“ für die Energiewende zu entwickeln.

Die Diskussionen um die künftige Ausrichtung des Instituts an der Berliner Straße scheinen jedenfalls innerhalb des Hauses ganz hoch angebunden. Die Ideen-Zettel zur Debatte, an der sich auch die Belegschaft beteiligt, hängen in dem inzwischen dauerhaft aufgeschlossenen ehemaligen Tresorräumen der früheren Bundesbank.

Von Rüdiger Braun

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