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Frauen erobern Freimaurer-Loge

Das Geheimnis der Schwestern Frauen erobern Freimaurer-Loge

Das „Märkische Mosaik“ in Potsdam ist die erste Frauenloge in den östlichen Bundesländern. Die 25 Schwestern tagen normalerweise hinter verschlossenen Türen. Die MAZ wirft einen Blick in ihren Tempel.

Potsdam. Annegret Mahn will den Osten erobern. Sie bereitet den Boden für einen diskreten Bund, der 300 Jahre lang eine reine Männergesellschaft war: die Freimaurer. Ihre Logen tagen im Verborgenen, ihre Rituale halten sie sorgsam vor der Öffentlichkeit geheim. 450 Frauen bekennen sich bundesweit zur Freimaurerei – gegenüber rund 14.000 Männern sind sie eine kleine Minderheit, die von den offiziellen Vertretern nicht anerkannt wird. Macht nichts. Sie schaffen sich ihre eigenen Logen, 23 gibt es in Deutschland. Und beginnen ihre Geheimhaltung aufzugeben, tasten sich in die Öffentlichkeit vor.

„Märkisches Mosaik“ nennt sich die Potsdamer Loge. Die 53-jährige Psychologin Annegret Mahn ist ihre Meisterin vom Stuhl, so heißt die Leitungsposition. Sie hat die MAZ in den Tempel eingeladen, balanciert auf dem Grat zwischen Geheimhaltung und Preisgabe. Für die Fotografin posiert ihre Schwester Petra Mikoleit in vollem Ornat: mit Freimaurerschurz, weißen Handschuhen und dem Schmuckzeichen der Loge um den Hals. Das Buch der Rituale aber bleibt für die neugierigen, unbefugten Augen geschlossen.

DasWinkelmaß ist das Abzeichen der Meisterin vom Stuhl.

Quelle: Jacqueline Schulz

Das „Märkische Mosaik“ in Potsdam ist die erste Frauenloge in den östlichen Bundesländern. Sie ist erst eineinhalb Jahre jung und versteht sich als Brückenkopf. Einige der 25 Schwestern, so nennen sich die Freimaurerinnen untereinander, fahren mehrere Hundert Kilometer zu den wöchentlichen Treffen. Sie kommen aus Leipzig, Magdeburg, Weimar, Dresden. Bald soll es auch in diesen Städten eigene Logen geben. „Weimar und Dresden werden den Anfang machen“, kündigt Mahn an.

In gewissem Sinne ist die Berlinerin eine Nachfahrin Friedrichs des Großen – schließlich war es Fritz höchstselbst, noch als junger, idealistischer preußischer Kronprinz, der die Freimaurerei in die Mark brachte. In seinem Schloss in Rheinsberg gründete er die erste preußische Loge, die „Große National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln“. Sie existiert bis heute in Berlin.

Dagegen ist der Alltag der märkischen Schwestern bescheiden. Im Logenhaus in der Kurfürstenstraße in der Potsdamer Innenstadt muss Mahn den dunklen Hintereingang nehmen, um in den Tempel zu gelangen.

Geschichte und Gegner der Freimaurerei

  • Die erste Großloge der Freimaurer wurde 1717 in England gegründet. Die erste deutsche Loge, „Absalom zu den drei Nesseln“, gibt es in Hamburg seit dem Jahr 1737. Die „Vereinigte Großloge von England“ gilt bis heute als Zentrale der Freimaurerei, sie ist auch den deutschen Vereinigten Großlogen übergeordnet. Über die Zahl der Freimaurer weltweit gibt es sehr unterschiedliche Angaben: Sie soll zwischen 2,5 und fünf Millionen Menschen betragen. Allein in den USA soll es rund 1,8 Millionen Mitglieder geben. In Deutschland sind es zwischen 14 000 und 15 000.
  • Die fünf Grundwerte der Freimaurer stammen aus dem Gedankengut der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Seinen ersten Boom erlebte der verschwiegene Bund in den Jahrzehnten vor der französischen Revolution. Lessing, Goethe und Mozart waren Freimaurer, Schiller stand dem Bund zumindest nahe.
  • Von Anfang an und bis heute war der Geheimbund von Verschwörungstheorien begleitet. George Washington, Gründer der Vereinigten Staaten, war Freimaurer, unter anderem auf der Dollarnote sind freimaurerische Symbole zu finden. Dan Browns mit Freimaurer-Symbolik angefüllter Thriller „Das verlorene Symbol“ spielt in Washington.
  • In Deutschland verbot das NS-Regime 1935 die Freimaurer. SS-Reichsführer Heinrich Himmler entwickelte allerdings eine wahre Obsession. Er lässt 1937 den Hamburger Tempel Stein für Stein abtragen, da er glaubt, dass dort der Schatz der Tempelritter versteckt sein könnte.
  • Heute ist der politische Einfluss der wenigen deutschen Freimaurer gering. Als „Promi-Loge“ gilt allein die Loge „Gustav Stresemann“ in Berlin – benannt nach dem Außenminister und Reichskanzler der Weimarer Republik, der auch Freimaurer war.
  • Die ZDF-Reihe Terra X sucht ab Sonntag in drei Sendungen die Wahrheit über die geheimen Gesellschaften dieser Welt: Illuminaten, Rosenkreuzer, Freimaurer und andere. 5., 12. und 19. Januar, jeweils 19.30 Uhr.

So nennen die Freimaurer den Ort, in dem sie ihre mehr als 300 Jahre alten Rituale abhalten. Der Tempel ist ein fensterloser Raum im zweiten Stock des Hauses. Durch die Wand dringen die Bässe aus der benachbarten Tanzschule. Mahn und ihre Schwestern teilen sich den Raum mit den Potsdamer Männer-Logen. Der Tempel ist rundherum hellblau gestrichen, das ist die Farbe der männlichen Freimaurerei. Daher ist vor der Tempelarbeit, so heißen die wöchentlichen Treffen, erst einmal profanere Arbeit nötig: Mahn und ihre Schwestern verkleiden die hellblauen Tische und Pulte im Raum mit lila Stoffbahnen, der Farbe der Frauenlogen. Die Christusfigur an der Wand, die von einer christlichen Männerloge genutzt wird, verdecken sie mit einem Tuch, auf dem das Auge in der Pyramide zu sehen ist. Das klassische Freimaurersymbol kennt jeder von der Rückseite der Dollarnote. „Wir sind keine christliche, sondern eine humanistische Loge“, erklärt Mahn. Wer von den Schwestern welcher Religion angehört, werde nicht thematisiert. Auch Tagespolitik bleibt bei allen Freimaurern außen vor.

Die „Arbeit am rauen Stein“, nennen die Freimaurer das, was sie tun. Kurz bedeutet das: Charakterbildung. Die ständige Arbeit an sich selbst soll dazu führen, dass der Einzelne ein wertvolleres Mitglied der Gesellschaft wird, ein „kubischer Stein“, der eine tragende Rolle ausfüllen kann.
Sind auch Frauen raue Steine? Annegret Mahn lacht. „Vielleicht müssen wir nur polieren, nicht abschlagen“, antwortet sie. Zwischen männlicher und weiblicher Freimaurerei gebe es mehr Unterschiede als nur die Farben, sagt Mahn. Frauen schauten nicht so stark auf die Hierarchien und Verdienste im Verein, sagt sie, hielten weniger starr an den 300-jährigen Traditionen fest. „Wir schaffen uns unsere eigenen Traditionen.“

Was reizt eine überhaupt nicht esoterisch wirkende Frau wie Mahn am geheimen Ritual? „Die Verbindung von Verstand und Herz.“ Die Frauen haben die Rituale einiger Männerlogen übernommen. Allein die Aufnahme ist voller Mystik – eine Begegnung mit den Elementen. Mit verbundenen Augen tritt die Kandidatin für die Aufnahme in den Lehrlingsstand vor ihre künftigen Mitschwestern. Sie soll „den Weg von der Nacht der Unwissenheit ins Licht der Erkenntnis“ nachempfinden, heißt es im Ritualbuch der Freimaurerinnen. Neulinge tragen zudem nur einen Schuh, müssen diesen Weg also auch noch humpelnd zurücklegen.

Auf ihrer Internetseite werben die Frauenlogen um neue Schwestern, warnen aber zugleich: Wer glaube, sie würde hier einem therapeutischen Zirkel oder einem Debattierclub beitreten, sei fehl am Platz. Es gehe um Gemeinschaft und intellektuelle Auseinandersetzung, sagt Mahn. In einem ganz besonderen Rahmen.

Wen zieht das an? „Wir sind taffe Frauen zwischen 30 und 50, die mitten im Leben stehen“, versucht Mahn eine Selbstbeschreibung. Unternehmerinnen sind dabei, Akademikerinnen. Selbstbewusste Frauen – und auch Mütter. Kürzlich wurde das erste Logenkind geboren.

Von Jan Sternberg

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