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Freilichtheater am Belvedere

Kultur in Potsdam Freilichtheater am Belvedere

Das Glindower Wandertheater „Ton und Kirschen“ gastiert von Mittwoch bis Freitag mit Hermann Melvilles „Bartleby der Schreiber“ am Pfingstberg-Belvedere in Potsdam. Erzählt wird die rätselhafte Geschichte vom ausufernden passiven Widerstand eines anfangs perfekten Büroangestellten. Sein Schlüsselsatz: „Ich möchte lieber nicht.“

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Stefano Amori als Bartleby mit Victor Cuevas und Rob Wyn Jones (v.l.n.r.).

Quelle: Ton und Kirschen/Jean-Pierre Estournet

Potsdam. Eines Tages ist es geschehen. Eines Tages sagte Bartleby, der in dem beinahe lichtlosen Büro einer New Yorker Kanzlei als Schreiber bisher so still und unermüdlich vor sich hin arbeitete, ein erstes Mal zu seinem Arbeitgeber: „Ich möchte lieber nicht.“ Mit der Erzählung „Bartleby der Schreiber“ über einen völlig rätselhaften Fall von passivem Widerstand veröffentlichte Hermann Melville 1853 ein weiteres Mal nach dem 1851 erschienenen Roman „Moby-Dick“ ein Werk, das Eingang in die Weltliteratur fand.

Am Mittwoch präsentiert das Wandertheater „Ton und Kirschen“ diesen literarischen Abgesang auf die modernen Zeiten in einer Bühnenfassung vor dem abendlichen Pfingstberg-Belvedere. Die Rolle des Bartleby übernimmt in dem international besetzten Ensemble der Italiener Stefano Amori. Mit Margarete Biereye und David Johnston sind auch die Gründer von „Ton und Kirschen“ dabei, die ihre Zelte vor nunmehr 25 Jahren in Glindow aufgeschlagen haben. Beide blickten damals schon auf eine 20-jährige Bühnenerfahrung mit dem „Footbarn Traveling Theatre“ zurück.

Unter ihrer künstlerischen Leitung entstanden seither mehr als 15 Produktionen mit denen sie in Frankreich, Polen, Indien, Korea, Kolumbien und Marokko ebenso gastierten wie in Brandenburg und Berlin. Aktuell wirken im „Ton und Kirschen“-Theater neun Schauspieler und Musiker aus Deutschland, England, Frankreich, Wales, Kolumbien und Italien mit.

Spätsommerliche Freilicht-Aufführungen der Theaterkommune vor dem Pfingstberg-Belvedere haben eine lange Tradition. In den letzten Jahren gastierte „Ton und Kirschen“ dort mit „Hans im Glück“ von Bertolt Brecht (2014), mit „Hundeherz“ von Michail Bulgakow (2015) und den Shakespeare-Sonetten (2016). „Bartleby der Schreiber“ wurde erstmals im November 2016 in der Fabrik Potsdam gezeigt.

Sanft wird das Publikum in die Handlung hinein geholt. Ein Anwalt berichtet in einer Tonbandaufzeichnung, wie jener Bartleby in der Kanzlei in der New Yorker Wallstreet erschien. Und schon ist man mittendrin in diesem fensterlosen Büro, in dem vier Gehilfen am Schreiben sind. Bartleby erscheint als Mensch ohne Vergangenheit und Zukunft, der weder Pausenzeiten, noch Feierabend oder Wochenende kennt. Eine irgendwie lebende Schreibmaschine, die dabei allerdings bestens funktioniert. Unermüdlich kopiert er Verträge, doch schon bald lehnt Bartleby zur Überraschung jenes Anwalts, seines Arbeitgebers, jede andere Tätigkeit ab mit dem Blick ins Leere und diesem einen sanften Satz: „Ich möchte nicht.“

Irgendwann möchte Bartleby überhaupt nichts mehr. Er sitzt einfach da: „Ich möchte nicht.“ Er will auch nicht gehen. Schließlich ist es der Anwalt, der anstelle Bartlebys die eigene Kanzlei verlässt. Die Nachmieter hingegen fackeln nicht lange. Sie rufen die Polizei, die den Widerständler ins Gefängnis The Tombs (Die Gräber) wirft. Auch hier verweigert Bartleby alles. Jedes Gespräch. Das Essen. Bis er recht bald stirbt. Minimal Music von Philip Glass weht durch die Nacht wie das leise Echo eines Requiems. Die Vorstellung beginnt um 20 Uhr.

Kultur in der Natur – Termine

„Bartleby der Schreiber“ wird vor dem Pfingstberg-Belvedere am Donnerstag, Freitag und Sonnabend jeweils ab 20 Uhr gegeben.

Am Sonntag gastieren die zwölf Musikerinnen des Saxophon-Orchester Saxonoras auf dem Pfingstberg. Das Konzert mit kostenlosem Eintritt beginnt um 15 Uhr.

Eine Fotoausstellung von Dominique Raack ist am Sonnabend und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Das Belvedere ist noch bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Von Volker Oelschläger

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